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Wieso hatte die Woermann-Brücke früher ein anderes Hintergrundgemälde? Und wer war eigentlich Adolph Woermann?

Koloniales Sammlungsgut im Deutschen Museum Teil 1

Was ist denn hier passiert? Das begehbare Diorama mit dem Steuerhaus der 'Adolph Woermann' kennt jeder, der im Deutschen Museum schon einmal in der Ausstellung Schifffahrt war. Aber müsste da nicht der Hamburger Hafen sein? Stattdessen sind hier im Hintergrund Berge, Palmen und niedere Hütten zu erkennen. Nein, kein Fake. Das Diorama sah tatsächlich einmal so aus.

Das geänderte Rundgemälde

Die nachgebildete Kommandobrücke wurde vom Deutschen Museum 1927 als Schenkung bei der Hamburger Woermann-Linie eingeworben, die mit ihren Schiffen seit den 1880ern einen Linienverkehr nach Afrika betrieb. Um die Firma als Mäzenatin zu gewinnen, hatte das Museum deshalb vorgeschlagen, bei der Ausführung des Dioramas "die Einfahrt eines Ihrer Dampfer in einem unserer früheren ost- oder westafrikanischen Häfen zur Darstellung zu bringen".

Dass Deutschland Häfen in Afrika besaß, war 1927 zwar schon fast zehn Jahre her. Kritisch wurde die durch den Ersten Weltkrieg beendete deutsche Kolonialgeschichte in den 1920er Jahren aber nur von wenigen gesehen. Eine breite Bewegung setzte sich für die Wiedergewinnung der verlorenen Kolonien ein. Die Woermann-Linie lief bereits zwei Jahre nach Kriegsende wieder afrikanische Häfen an. Also bekam der Münchner Theatermaler Richard Fischer den Auftrag, für den Hintergrund des Dioramas ein Rundgemälde mit der Hafeneinfahrt von Victoria, Kamerun, zu malen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Diorama im Untergeschoß des Deutschen Museums durch eine Fliegerbombe schwer beschädigt. Der Wiederaufbau erfolgte 1958 zunächst in modernisierter Form. 1988 wurde nach einem Brand der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt. Mit einem Unterschied: Wie bereits 1958 ist auf dem Hintergrundgemälde nicht mehr die Einfahrt in den Hafen von Victoria dargestellt. Die 'Adolph Woermann' läuft heute in den Hamburger Hafen ein.

Woermann und die deutsche Kolonialgeschichte

Trotz der geänderten Fahrtrichtung ist das Steuerhaus durch seine Verbindungen mit Adolph Woermann – Gründer der Woermann-Linie und Namensgeber des dargestellten Dampfers – aus heutiger Sicht hochgradig problematisch. Woermann, der von 1907 bis zu seinem Tod 1911 auch Mitglied im Verwaltungsausschuss des Deutschen Museums war, war seinerzeit nicht nur der größte Privatreeder der Welt. Als wichtigster deutscher Westafrikakaufmann und einflussreicher Politiker war Adolph Woermann auch eine der zentralen Figuren der deutschen Kolonialgeschichte. Mit geschickter Lobbyarbeit (in eigener Sache) hat Woermann entscheidend dazu beigetragen, Bismarck, der Kolonien für Deutschland lange abgelehnt hatte, 1884 umzustimmen. Das zentrale Argument war der Schutz deutscher Handelsinteressen vor den expandierenden Briten und Franzosen, aber auch gegenüber einheimischen afrikanischen Zwischenhändlern, die den Handel mit dem Hinterland beherrschten. In Kamerun gaben die lokalen Duala-Herrscher ihre Hoheitsrechte zunächst sogar unmittelbar an Woermann und eine weitere deutsche Handelsfirma ab, bevor diese die Oberhoheit zwei Tage später wiederum ans Deutsche Reich abtraten.

Schon bald nach Etablierung der deutschen "Schutzgebiete" stellte sich allerdings heraus, dass die Geschäfte, die Woermann und andere Handelshäuser an der westafrikanischen Küste machten, alles andere als sauber waren. So berichtet der erste deutsche Gouverneur in Kamerun, Freiherr von Soden, 1886 an Bismarck:

"Im Grunde genommen handelt es sich dabei nämlich um eine Art Sklaverei, die schlimmer ist als die von Alters her im Lande bestehende und wie sie ähnlich heutzutage bei uns zu Hause mit Vorliebe [...] nur von professionellen Wucherern und Bordelwirthen betrieben wird." Deutliche Worte, die umso bemerkenswerter sind, als sie von einem kaiserlichen Beamten stammen, der selbst Teil des Systems und gewiss kein Gegner des deutschen Kolonialismus war.

Ein Kreditsystem mit Hintersinn

Hintergrund war das sogenannte Trust-System: Die Einheimischen erhielten von den Händlern einen "Vorschuss" an europäischen Handelsgütern, um damit ihrerseits Tauschgeschäfte im Hinterland zu machen. Die Rückzahlung erfolgte dann nach und nach mit einheimischen Naturprodukten. Der Trick war, für die ausgegebenen europäischen Waren überhöhte Preise zu berechnen und noch vor Abzahlung des ersten Trusts schon wieder neue Vorschüsse zu geben. In Verbindung mit den so tief wie möglich angesetzten Preisen für die einheimischen Produkte zog sich die Rückzahlung dadurch zum Vorteil des Händlers unendlich in die Länge.

Auch herrschaftspolitisch war das System für die Handelshäuser vorteilhaft: "So lag doch immer schon ein Vortheil darin, es stets mit Leuten zu thun zu haben, gegen die man bei jeder Gelegenheit ihre große Verschuldung ins Feld führen konnte. So bin ich selbst", schreibt von Soden in einem weiteren Bericht an Bismarck, "vor der Befürwortung mancher mir billig erscheinenden Maßregel im Interesse der Eingeborenen zurückgeschreckt, weil mir immer entgegengehalten wurde: 'Ja, an und für sich haben Sie ja ganz recht, allein die Sache nimmt sich doch ganz anders aus, wenn Sie bedenken, daß mir der Mann dreihunderttausend Mark schuldig ist.'"

Deshalb, so immer noch von Soden, seien die Händler an einer völligen Rückzahlung, "die ja einer Befreiung gleich käme", auch gar nicht interessiert.Im Gegenteil: "um alle Verlegenheiten und Schwächen [des Schuldners] im vollsten Umfange zum eigenen Vortheile auszubeuten [...] [wird] dieselbe, wenn thunlich, hintertrieben und die drohende Miene des auf seinen Schein pochenden Gläubigers und Herrn immer nur dann herausgekehrt, wenn das Opfer einen Versuch macht, an seinen Ketten zu rütteln."

Ein geradezu perfektes System der Ausbeutung. Die Versuche des Gouverneurs, das Trust-System abzuschaffen und durch Geldrechnung zu ersetzen, versuchte Adolph Woermann dann auch mit allen Mitteln zu torpedieren.

Schnapshandel und Profit am Völkermord

In der deutschen Öffentlichkeit stand Woermann derweil in der Kritik, weil seine Afrikaexporte vornehmlich aus Schnaps bestanden. Ein übersättigter Markt für Getreide und Kartoffeln hatte damals in Deutschland zu einer verstärkten Produktion von Spirituosen geführt, für die man nun nach neuen Absatzmärkten suchte. Die konnte Woermann liefern und machte mit dem Export von Branntwein nach Afrika ein glänzendes Geschäft. Seinen Kritikern im Reichstag hielt er 1886 vor, an "falscher Sentimentalität" zu leiden: "Wer steht uns näher, die vielen Tausend Deutsche, die dadurch ihr Brot und Lebensunterhalt verdienen oder die an sich geringe Zahl der Neger, die etwa durch den Branntwein zu Grunde gehen können?"

1904 bis 1906 verdiente Woermann dann insbesondere mit dem Transport von Truppen und Material zur Niederschlagung des Herero- und Nama-Aufstands in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, gutes Geld. Bis zum Ende des heute als Genozid bewerteten Kolonialkriegs hatte sich die Kapazität der Woermann-Linie glatt verdoppelt.

Was nun?

Sollte man das Steuerhaus der 'Adolph Woermann', weil kolonial vergiftet, aus der Ausstellung entfernen? Nein. Die Geschichte wird dadurch ja nicht ungeschehen. Besser tut man daran, den kolonialen Kontext, explizit zu machen und die Erzählung in den Ausstellungen, wenn solche Verbindungen bestehen, um einen Strang zur Kolonialgeschichte zu erweitern. Spuren der unter dem Schutz der deutschen Truppe abgewickelten schmutzigen Kolonialgeschäfte findet man in fast allen Fachgebieten. Dazu demnächst ein weiterer Blog-Beitrag. In der Ausstellung Schifffahrt wird der deutsche Kolonialismus in Zukunft jedenfalls ein Thema sein.

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Autor/in

Bernhard Wörrle

Bernhard Wörrle ist promovierter Ethnologe und leitet seit 2013 das digitale Sammlungsmanagementsystem des Deutschen Museums. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt ist koloniales Sammlungsgut.

Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Die Ausstellung Historische Luftfahrt auf der Museumsinsel. Sie zeigt und erklärt die tolle Technik, spart aber auch unbequeme Seiten wie die Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion des 'Dritten Reichs' oder den Einsatz der Ju 52 im französischen Algerienkrieg nicht aus. Lohnt sich!