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Koloniales Sammlungsgut im Deutschen Museum Teil 4

Der Schmelzpunkt von Eisen liegt bei 1538 °C. Wird Eisen bei niedrigeren Temperaturen aus Eisenerz gewonnen, entsteht statt flüssigem Eisen ein schwammartiger, mit Schlacke vermischter Eisenklumpen, die sogenannte Luppe. Ein Diorama in der Ausstellung Metalle zeigt diese Verhüttungsmethode bei den Kelten im Siegerland im 5. Jahrhundert v. Chr. Als Anschauungsmaterial ist dazu eine echte Luppe ausgestellt. Diese ist allerdings weder prähistorisch, noch stammt sie aus dem Siegerland. Tatsächlich kommt der Eisenbrocken aus Afrika: Er wurde 1914 im Auftrag des Deutschen Museums im Hinterland von Togo von der deutschen Kolonialverwaltung beschafft.

Togo war von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg Teil der deutschen Kolonien in Afrika. In der heute zu Ghana gehörenden Gegend von Akpafu, aus der die Luppe stammt, beutete die einheimische Bevölkerung seit vielen Jahrhunderten lokale Brauneisensteinvorkommen aus. Das unter Tage abgebaute Erz wurde in aus Termitenlehm erbauten Schachtöfen zu Eisenluppe reduziert. Ortsansässige Schmiede verarbeiteten das Zwischenprodukt weiter. In der Kolonialzeit wurde die traditionelle Eisenverhüttung rasch durch billigeres Eisen aus europäischer Produktion verdrängt. Bereits um 1900 war in Akpafu nur noch ein einziger Ofen in Betrieb.

Zusammen mit der Luppe bekam das Deutsche Museum 1914 auch Erz- und Holzkohlenproben, sowie eine Schmiedezange und einen Schmiedehammer aus Akpafueisen. Im Jahr zuvor hatte die deutsche Kolonialverwaltung bereits ein Schmiedegebläse aus Akpafu mit der Woermann-Linie nach München liefern lassen. Die Initiative dazu ging vom Deutschen Museum aus: Da man in den im Aufbau begriffenen Ausstellungen auch "Techniken fremder Völker" zeigen wollte, hatte Oskar von Miller Ende 1911 eine "Wunschliste" an alle deutschen Gouvernements in Afrika verschickt. Beschafft werden sollten u. a. "typische Geräte zur Eisengewinnung" und "charakteristische" Schmiedewerkzeuge. Der Hammer aus Akpafu ist irgendwann abhandengekommen. Das Gebläse und die Zange befinden sich bis heute in der Sammlung.

Wieso war das Deutsche Museum damals an solchen Dingen interessiert? Wahrscheinlich spielten mehrere Gründe eine Rolle: Zum einen wurden die Ausstellungen zur Darstellung des technischen Fortschritts damals häufig als Entwicklungsreihen konzipiert. Die Anfänge wurden dabei gerne mit Exponaten fremder, vermeintlich "primitiver" Völker illustriert, die in der eurozentrischen Logik des Evolutionismus als stehengeblieben auf einer hier längst überwundenen Entwicklungsstufe galten. In der Gleichsetzung der Luppe aus Akpafu mit der prähistorischen Eisenverhüttung im Siegerland lebt diese Denkweise, die auch im (deutschen) Kolonialismus eine zentrale Rolle spielte, in der Ausstellung Metalle bis heute fort.

Ein anderer Grund für das Interesse an afrikanischer Eisentechnik war sicherlich, dass die Frage, wo die Eisenverhüttung ursprünglich erfunden worden ist, um 1910 in der Wissenschaft noch nicht entschieden war: Im Vorderen Orient – so der heutige Stand der Forschung – oder in (West-)Afrika?

Wie die deutsche Kolonialverwaltung die Gegenstände in Togo erworben hat, ist relativ genau bekannt: Aus dem Schriftverkehr im Archiv des Deutschen Museums geht hervor, dass die Luppe damals für 3 Mark gekauft worden ist. Für den Transport der Sachen von Akpafu bis zum Kaiserlichen Bezirksamt Misahöhe – ein dreitägiger Fußmarsch durch überwiegend gebirgiges Gelände – bekamen die Träger jeweils 2,10 M. Für den Schmiedehammer wurde dem Schmied wunschgemäß ein "Ersatzhammer ähnlicher Form aus gutem deutschen Stahl" versprochen. In einem Brief vom 6. März 1914 bestätigte das Deutsche Museum, einen solchen Hammer zu beschaffen und nach Togo zu verschicken. Man kann nur hoffen, dass der Schmied diesen noch rechtzeitig bekommen hat: Im Juli brach der Erste Weltkrieg aus; wenige Wochen später wurde Togo von den Deutschen an die Briten übergeben.

Unproblematisch ist die Provenienz der Gegenstände von Akpafu trotzdem nicht: Auch, wenn es in Togo keine großen Kolonialkriege wie in Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika gegeben hat, war die deutsche Kolonialherrschaft auch hier eine Gewaltherrschaft. Hans Gruner, der Bezirksamtmann von Misahöhe, der sich um die Beschaffung der Objekte für das Deutsche Museum gekümmert hat, war als großer Verfechter der Zwangsarbeit bekannt und schon damals für sein willkürliches und eigenmächtiges Regiment berüchtigt. Ob man unter solchen Bedingungen von einem Geschäft auf Augenhöhe sprechen kann, ist schwer zu sagen.

Klar ist jedenfalls, dass die Luppe aus Akpafu nicht länger als Teil der prähistorischen Eisengewinnung im Siegerland gezeigt werden kann. Sie wird erst einmal weiter in der Ausstellung zu sehen sein, dort aber einen eigenen Text bekommen, der ihre tatsächliche Herkunft zum Thema macht. Das ist man den Gegenständen, vor allem aber den Menschen, die hinter ihnen und ihrer Geschichte stehen, auf alle Fälle schuldig.

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Quellen und Literatur zum Weiterlesen:

Zur deutschen Kolonialherrschaft in Togo:

  • Habermas, Rebekka 2016: Skandal in Togo. Ein Kapitel deutscher Kolonialherrschaft. Frankfurt a. M.: S. Fischer.
  • Zurstrassen, Bettina 2008: Ein Stück deutscher Erde schaffen. Koloniale Beamte in Togo 1884-1914. Frankfurt a. M.: Campus. (Als Dissertation auch online).


Zur traditionellen Eisengewinnung in Akpafu:

  • Hupfeld, Fr. 1899: Die Eisenindustrie in Togo. In: Mitteilungen von Forschungsreisenden und Gelehrten aus den Deutschen Schutsgebieten, Bd. 12: 175-194.
  • Rattray, R. S. 1916: The iron workers of Akpafu. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland 46: 431-435.
  • Pole, Len Michael 2010: The Hammers of Mawu: Iron working Traditions in the Togo Hills, Ghana. In: The African Archaeological Review 27 (1): 43-78.

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Autor/in

Bernhard Wörrle

Bernhard Wörrle ist promovierter Ethnologe und leitet seit 2013 das digitale Sammlungsmanagementsystem des Deutschen Museums. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt ist koloniales Sammlungsgut.

Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Die Ausstellung Historische Luftfahrt auf der Museumsinsel. Sie zeigt und erklärt die tolle Technik, spart aber auch unbequeme Seiten wie die Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion des 'Dritten Reichs' oder den Einsatz der Ju 52 im französischen Algerienkrieg nicht aus. Lohnt sich!