Direkt zum Seiteninhalt springen

von

Die Geschichte eines unscheinbaren Prachtobjekts aus Deutsch-Samoa.

Koloniales Sammlungsgut im Deutschen Museum Teil 6

Was da seit vielen Jahren im Depot liegt, sieht auf den ersten Blick nach nichts Besonderem aus: Eine nicht ganz saubere alte Matte, an diversen Stellen Löcher, manche davon offenbar schon früher ausgebessert, an der Seite ein langer Riss. Bei näherer Betrachtung fällt auf, wie fein die etwa 2 m x 2 m große Matte geflochten ist: Die einzelnen Streifen aus einem hellen pflanzlichen Material sind kaum breiter als 1 mm. In regelmäßigen Abständen sind dunklere Stränge eingeflochten, so dass sich ein dezentes Rautenmuster ergibt. Wenn man genau hinsieht, erkennt man auf der Borte an der Unterkante noch Reste von aufgenähten roten Papageienfedern.

Tatsächlich handelt es sich bei dem aus Samoa stammenden Stück um eine sogenannte Feine Matte. Wobei die Bezeichnung "Matte" etwas irreführend ist: Die je nach Größe und Feinheit in monate- bis jahrelanger Handarbeit aus der Blatthaut eines Pandanus-Gewächses geflochtenen Feinen Matten ('ie tōga) dienen in Samoa nicht als Unterlage, sondern waren (und sind) kostbare Statussymbole und Tauschobjekte.

Das Haar des obersten Häuptlings

Das Deutsche Museum bekam die Matte im November 1911 von einer Berliner Adresse als Geschenk geschickt. Im Begleitbrief erfährt man dazu Folgendes:

"Wie ich höre, sind dem Deutschen Museum auch Erwerbungen deutsch-kolonialer Herkunft willkommen. Ich gestatte mir daher, dem Museum eine alte samoanische Matte zum Geschenk zu machen, sofern sie als Ausstellungsobjekt dauernde Verwendung findet [...].
Die Matte stammt aus dem Besitz des bekannten samoanischen Oberhäuptlings
Mataafa. Sie repräsentirt wie andere samoanische Matten dieser Art einen erheblichen ideellen u., nach samoanischen Begriffen, auch materiellen Wert. An den Besitz bestimmter Matten knüpfen sich häufig Titel u. politische Vorrechte; im samoanischen Familienrecht hat die Matte ebenfalls Bedeutung. Wertvolle Matten, so auch diese, führen bestimmte Namen; sie heißt lauao o le alii sili d. i. Haar des obersten Häuptlings.
Die Matten werden stückweise aus schmalen Streifen der Blätter der Pandanusstaude geflochten u. bei guten Matten an der Unterkante mit den Brustfedern des kleinen samoanischen Papageis geschmückt. Einen Handelsartikel zwischen Eingeborenen u. Weißen bilden sie nicht; ihre Verwendung beschränkt sich vielmehr auf das innere samoanische Leben.
Da mit fortschreitender Civilisirung des Landes alte Gebräuche u. Kunstfertigkeiten schwinden, sind auch die Tage der feinen Matten gezählt. Dies ist der Grund, weshalb ich die Matte dem Deutschen Museum überweisen möchte: als ein Erinnerungsstück an die hochentwickelte Kultur deutscher Polynesier.
Es braucht nicht besonders erwähnt zu werden, dass die Ausbesserungen in der Matte deren Wert nicht heruntersetzen - im Gegenteil.
Hochachtungsvoll

Kranzbühler
Fregattenkapitän im Reichsmarineamt" (Deutsches Museum, Archiv VA 2066/2).

Wie kam ein deutscher Kriegsschiffkommandant an eine solche, ob ihres Alters und Namens offenbar besondere Matte aus dem Besitz des damals höchsten samoanischen Würdenträgers?

Deutsche Kanonenboote im Pazifk

Dank Wikipedia findet man schnell heraus, dass es sich beim Absender der Feinen Matte um den 1871 geborenen Marineoffizier Otto Kranzbühler handeln muss. Dieser hatte im April 1909 das Kommando über den Kleinen Kreuzer Condor übernommen, der damals zusammen mit anderen Schiffen der Kaiserlichen Marine die deutschen Kolonialinteressen im Pazifik durchsetzen bzw. sichern sollte.

Die Aufgabe Kranzbühlers und der anderen im Pazifik stationierten Kreuzer bestand darin, die unter deutscher Herrschaft stehenden Inselgruppen abzufahren, Post und Beamte der deutschen Kolonialverwaltung zu transportieren, Berichte zur politischen und wirtschaftlichen Lage zu erstellen, vor allem aber Präsenz zu zeigen, Macht zu demonstrieren und bei Bedarf gewaltsam einzugreifen. Das geht aus den zum Teil sehr detaillierten militärpolitischen Berichten hervor, die von den Kommandeuren regelmäßig an den deutschen Kaiser übermittelt wurden. Ehemals vielfach als geheim klassifiziert sind die Berichte heute auf der Website des Bundesarchivs frei zugänglich (Reichskolonialamt/Südsee/Marinesachen).

Mit etwas Rechercheaufwand findet man hier auch die Geschichte der im Deutschen Museum aufbewahrten Feinen Matte: Anfang 1909 hatte es in Samoa einen Aufstand einer mächtigen Häuptlingsföderation gegeben. Die Revolte richtete sich nicht nur gegen die deutschen Bestrebungen, die Föderationen grundsätzlich zu entmachten. Gleichzeitig ging es um eine alte Rivalität mit Mata'afa, der zur anderen großen Föderation gehörte und den die Deutschen 1900 zum obersten Vertreter aller Samoaner erklärt hatten – eine Position, die es im traditionellen Machtgefüge Samoas nie gegeben hatte. Seither bezog Mata'afa als Beamter des deutschen Kaisers ein jährliches Gehalt und übte neben dem deutschen Gouverneur faktisch eine Art Co-Regierung aus. Mittlerweile ging Mata'afa jedoch auf die achtzig zu und mehrere Anwärter für seine Nachfolge brachten sich in Stellung.

In dieser Situation war Kranzbühler bereits im Mai und September 1909 nach Samoa beordert worden. In seinem Bericht vom 12.10.1909 informiert er Kaiser Wilhelm II:

"Mataafa selbst hat ein zähe Natur; immer wieder erholt er sich von den schweren Atacken, denen sein seniler Körper ausgesetzt ist. Bei diesem seit vielen Jahren gleichen Zustand ist garnicht abzusehen, wann er dem Gouverneur den Gefallen tun wird, sein irdisches Dasein aufzugeben. Desto angezeigter ist die baldige und endgiltige [sic] Lösung der Nachfolgerfrage. Auch wenn diese etwa nicht schon am 1. März [zur Feier des zehnjährigen Bestehens der deutschen Kolonialherrschaft] erfolgen sollte, so wird doch zu und einige Zeit vor diesem Zeitpunkt die Anwesenheit eines Kriegsschiffes für erforderlich gehalten, um etwaige Vorbereitungen zu einer Demonstration im Keime zu ersticken. Die Eingeborenen haben sich teilweise unter dem Einfluß weißer Elemente immer noch nicht ganz von den Gedanken frei gemacht, daß die deutsche Herrschaft nur vorübergehend ist und nach dem Ablauf der zehn Jahre eine Änderung des Besitztitels eintreten könnte."

Samoanische Politik unter dem Schatten deutscher Kolonialherrschaft

Um noch mehr Eindruck zu machen (den Deutschen war klar, dass sie an Land bei einer ernsthaften Auseinandersetzung unterlegen waren), fuhr die Marine im Juli 1910 vor Apia mit einem ganzen Geschwader von fünf Kreuzern auf, mit dabei der von Otto Kranzbühler befehligte Kleine Kreuzer Condor. Für die Besatzung der Schiffe, die mehrere Wochen in Samoa blieben, wurde ein umfangreiches Festprogramm veranstaltet: "Samoanische Essen für Offiziere und Mannschaften, Sportfeste, Mondscheintänze der Eingeborenen, Bälle und Reitpartien wechselten in bunter Reihenfolge ab", heißt es dazu im militärpolitischen Bericht. Am 20. Juli nahmen die Kommandanten "in offizieller Form" an einer Versammlung (fono) des Gouverneurs mit Abgeordneten der samoanischen Dörfer und Bezirke teil. Im Anschluss überreichte Mata'afa bei einem samoanischen Essen neben einer "mit der Bitte um Allergnädigste Entgegennahme" für Kaiser Wilhelm II bestimmten Feinen Matte auch jedem der anwesenden Kommandanten eine Feine Matte. Ausführlich geht der militärpolitische Bericht auf die Bedeutung der Geschenke ein:

"Diese 'feinen Matten' [...] spielen seit alters bei den Samoanern eine große Rolle. Nach ihnen wird der Reichtum und das Ansehen einer Familie und einer Ortschaft bemessen; je älter sie sind, desto mehr steigt ihr Wert. Die ältesten von ihnen haben jede einen allgemein bekannten Namen und eine Geschichte; sie werden in Gesängen verherrlicht. Sie gelten gleichsam als Stammbäume der Familie und werden auch einer jungen Häuptlingstochter als Mitgift mitgegeben. [...]. Die Eurer Majestät überreichte Matte heißt [...] auf deutsch 'die Flurmatte der Felsenhöhle', und soll etwa 100 Jahre alt sein. [...]. Ursprünglich rein weiß, hat sie mit der Zeit die jetzige goldbräunliche Patina bekommen."

Es liegt auf der Hand, dass diese Matten kein persönliches Präsent darstellten: Es handelte sich um eine Art Staatsgeschenk, mit dem eine Allianz bekräftigt werden sollte, die nicht nur für die Deutschen, sondern auch für Mata'afa nützlich war. Insofern steht die Feine Matte des Deutschen Museums, über die elaborierte Textilkultur des traditionellen Samoa hinaus, vor allem für ein Kapitel samoanischer Politik unter dem Schatten deutscher Kolonialherrschaft.

Der weitere Verlauf der deutsch-samoanischen Geschichte, der ebenfalls Spuren im Deutschen Museum hinterlassen hat (s. Blogbeitrag Südseekanus vom Oktoberfest), zeigt allerdings, dass eine Partnerschaft auf Augenhöhe die Deutschen letztlich überhaupt nicht interessierte: Nach dem Tod Mata'afas 1912 wurden die samoanischen Titelträger von der Kolonialverwaltung systematisch entmachtet. Dazu passt die unwürdige Fortsetzung der Geschichte der Feinen Matte: Verbal (und sachlich falsch) zur "Bastmatte" herabgesetzt, wurde sie in den 1960er Jahren als Anschauungsmaterial für Studierende am Institut für Völkerkunde der LMU München verwendet, dort 1972 erst nach längerem Suchen wieder aufgefunden und schließlich ans Deutsche Museum zurückgegeben. Danach hat sie die meiste Zeit im Depot verbracht. Wo und wann sie den großen Riss bekam, ist nicht bekannt.

Weitere Beiträge zum Thema Koloniales Sammlungsgut

Quellen und Literatur zum Weiterlesen:

Zur Herstellung und Bedeutung der Feinen Matten:

Zur Geschichte Samoas in der deutschen Kolonialzeit:

  • Hempenstall, Peter 2014: Deutschlands Perle im Pazifik. In: Thode-Arora, Hilke (Hrsg.) 2014: From Samoa with Love? Samoa-Völkerschauen im Deutschen Kaiserreich. Eine Spurensuche. Ausstellungskatalog, Staatliches Museum für Völkerkunde, München: 27-45.
  • Hiery, Hermann 2019: Die deutschen Kolonien in der Südsee. In: Gründer, Horst & Hiery, Hermann (Hrsg.): Die Deutschen und ihre Kolonien. Ein Überblick. Berlin: 89-122.
  • Gründer, Horst 2018: Geschichte der deutschen Kolonien. Paderborn.

Die zitierten Akten der deutschen Kolonialverwaltung sind im Bundesarchiv online unter den Signaturen R 1001/2653 und R 1001/2654 einsehbar.

Das könnte Sie auch interessieren:

Autor/in

Bernhard Wörrle

Bernhard Wörrle ist promovierter Ethnologe und leitet seit 2013 das digitale Sammlungsmanagementsystem des Deutschen Museums. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt ist koloniales Sammlungsgut.

Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Unbedingt nochmal ins Bergwerk gehen, bevor bald der zweite Sanierungsabschnitt des Hauses beginnt!