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Koloniales Sammlungsgut im Deutschen Museum Teil 3

Was wir nicht alles haben! Als sich vor zwanzig Jahren eine Wissenschaftlerin erkundigte, ob es im Deutschen Museum Exponate aus der Hamburger Ethnografika- und Naturalienhandlung J.F.G. Umlauff gibt, lautete die Antwort noch: Das Haus sei ein Museum für Technik und Naturwissenschaften. Wahrscheinlich läge eine Verwechslung mit dem Völkerkundemuseum in der Maximilianstraße vor. Tatsächlich hat das Deutsche Museum zwischen 1907 und 1929 mehr als hundert Exponate bei J.F.G. Umlauff eingekauft. Darunter auch dieses über 2m lange Kanumodell aus Kamerun.
In der Provenienzforschung ist die 1868 gegründete Firma berüchtigt: Die verkauften Ethnografika waren nicht selten Überbleibsel aus den Hagenbeckschen "Völkerschauen". (Umlauff sen. war mit Carl Hagenbeck verschwägert). Ab 1884 kam das Gros der Ware aus den damaligen deutschen Kolonialgebieten. Wie die Dinge dort erworben worden sind, bleibt meist im Dunklen. Aufschlussreich ist eine Bemerkung Heinrich Umlauffs im Zusammenhang mit einer 1914 zum Verkauf stehenden Sammlung aus Deutsch-Kamerun: "Die Eingeborenen [hängen] sehr an ihren Sachen und besonders an alten, ererbten Familienstücken, unter normalen Verhältnissen sind sie kaum zur Herausgabe derselben zu bewegen." Man liegt kaum falsch, wenn man vermutet, dass die Überlassung demnach nicht immer aus ganz freien Stücken erfolgte.
Briefwechsel zwischen dem Deutschen Museum und J.F.G. Umlauff 1907 (Deutsches Museum Archiv, VA 1980).
Im Frühjahr 1907 suchte Oskar von Miller höchstpersönlich bei Umlauff außer dem "Kamerunboot", das man ihm als "besonders interessant" empfohlen hatte, eine Reihe weiterer exotischer Bootsmodelle für die im Aufbau begriffenen Ausstellungen des Deutschen Museums aus. Außerdem wurden ein "Original-Grönländerboot" und drei Musikinstrumente aus Afrika bestellt.
Warum sich der Gründer eines Museums für Technik und Naturwissenschaften für solche Dinge interessierte, wird am Ausstellungsplan von 1925 deutlich: Wie andere Abteilungen war auch der Schiffbau als Entwicklungsreihe konzipiert. Beginnend mit den "Schiffen der Naturvölker" wurde der Besucher über die Ruder- und Segelschiffe bis zum "modernen Ozeandampfer" und schließlich zum im Untergeschoß präsentierten Unterseeboot U1 geleitet. Die außereuropäischen Boote und Modelle sollten frühe(re) Stufen des technischen Fortschritts illustrieren. Andererseits – das klingt im Schreiben des Deutschen Museums an Umlauff an – wollte man auch hier "technisch besonders bedeutende" Objekte zeigen, sozusagen das Beste seiner Klasse. Millers Bestellung des "Kamerunboots" ist dafür ein gutes Beispiel: Die Einbäume der Duala im damals unter deutscher Herrschaft stehenden Kamerun galten seinerzeit als absolute Meisterwerke. Max Buchner, von 1884-85 Kaiserlicher Kommissar der Kolonie, der in seinen Memoiren sonst kein gutes Haar an den Duala lässt, schreibt 1887 begeistert: "Die schlanken Kanuus der Dualla, deren stattlichste bis zu 25 Meter lang und [...] bis zu 1,70 Meter breit sind, gehören ohne Zweifel zu den ausgezeichnetsten Fahrzeugen der Erde, und die Geschicklichkeit, mit der sie gehandhabt werden, übertrifft Alles, was man sonst von Küstenstämmen zu sehen und zu hören gewohnt ist [...]. Von fünfzig bis sechzig Mann gerudert, schießen sie mit der Schnelligkeit eines Dampfers über die Wasserfläche hin, und trotz ihrer Länge und Schmalheit drehen sie mit einer geradezu erstaunlichen Präzision.[...] Ein Wettfahren mehrerer größerer Dualla-Kanuus bietet denn auch ein Schauspiel ethnographischer Art, wie es deren auf der ganzen Erde nicht mehr viele zu genießen gibt. Die Kanuus sind dann meistens festlich geschmückt. Vorne auf dem Schnabel tragen sie dann gewöhnlich eine großartig aussehende, mehr oder minder komplizirte Schnitzerei [...]. Zur Kompletirung des Schmuckes gehören ferner zwei Phantasieflaggen, eine möglichst große, buntfarbige, mit dem Namen des Eigners versehene hinten, und eine kleine, unserer Gösch nachgeahmte vorne. Vollständig bemannt taucht das leichte Fahrzeug so tief ein, daß [...] nur ein ganz schmaler Bord noch trocken bleibt, und man sieht von dem Körper desselben eigentlich weiter nichts als die taktmäßig arbeitende Doppelreihe der Insassen, wie sie ihre spitzen Ruder in's Wasser stechen oder in kräftigen Bogen wieder emporheben. In der Mitte steht aufrecht der Kommandant mit irgendeinem altertümlichen bizarren Federschmuck auf dem Haupte [...] und vor ihm sitzt der eifrig hämmernde Trommler. Die Ruderer begleiten den Takt ihrer Arbeit mit einem kriegerischen Gesang; lustig flattern die Fahnen im Winde, und die ganze seltsame Erscheinung schneidet durch die Wellen, wie ein märchenhaftes Ungetüm."
Derart prachtvolle Kanus konnten sich natürlich nicht alle Duala leisten. Größe und Ausstattung spiegelten das ökonomische und soziale Potential einer lokalen afrikanischen Elite wider, die sich bereits in vorkolonialer Zeit durch intensive Handelsbeziehungen mit den Europäern gebildet hatte: Im 17. Jahrhundert hatten die Duala die strategisch günstige Lage ihres Siedlungsgebiets zwischen dem Kamerunästuar, der im Umkreis eine der wenigen Ankermöglichkeiten für europäische Segelschiffe bot, und den Wasserwegen ins Hinterland genützt, um sich als Zwischenhändler im transatlantischen Sklavenhandel zu etablieren. Später trat der Verkauf von in Europa nachgefragten Agrarprodukten, inbes. Palmöl und Palmkerne, an dessen Stelle. In der Gegenrichtung brachten die Duala-Händler mit ihren Kanus europäische Eisenwaren, Stoffe, Feuerwaffen und Alkohol ins Hinterland. Ein profitabler Doppelhandel, der laut Buchner angeblich Gewinne bis zu 300% abwarf.
Ungeachtet dessen, ob diese Zahlen wirklich stimmen (Buchner hatte hier seine ganz eigenen Interessen, wovon gleich noch die Rede sein wird), war die Bedeutung des Zwischenhandels für die Duala jedenfalls enorm. Was sich, zumindest am Beginn der deutschen Kolonialzeit, auch in den Verzierungen der Kanus widerspiegelt: Laut Buchner waren auf den Schiffschnäbeln damals nämlich "hauptsächlich europäische Formen, phantasievoll untermischt mit afrikanischen Tiergestalten" abgebildet: Bauchige Schnapsflaschen, Sonnenschirme, Schiffskanonen, Glocken usw. Wenn man genau hinsieht, erkennt man solche Referenzen auf europäische Handelsgüter (Flaschen) und Schiffe (Anker) auch auf dem Schiffschnabel des im Deutschen Museum aufbewahrten Bootsmodells.
Allerdings – und hier beginnt der für die Duala tragische Teil der Geschichte – hatte der Handel mit den Europäern, von dem bei weitem nicht alle gleichermaßen profitierten, bei den Duala auch zu beträchtlichen inneren Spannungen bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt. In der Hoffnung, dadurch wieder Ruhe und Ordnung herzustellen (und ihre eigenen Privilegien gegen mögliche Revolten abzusichern), wandte sich die herrschende Elite der Duala deshalb 1879 mit einem Schreiben an die englische Königin und bat um Übernahme der Regierung durch die Briten. Nachdem daraus nichts wurde, ließ man sich 1884 mit den Deutschen ein. Vertragspartner war aber nicht das Deutsche Reich: Die Duala traten ihre Souveränität am 12. Juli 1884 an zwei Vertreter der seit den 1860ern an der Kamerunküste präsenten Hamburger Handelshäuser Woermann und Jantzen&Thormälen ab (s. Teil 1). Diese hatten vorher höhere Geldbeträge an die unterzeichnenden kings und headmen der Bell- und Acqua-Clans gezahlt und zugesichert, dass die Duala sowohl ihr angestammtes Siedlungsgebiet als auch ihr Zwischenhandelsmonopol behalten würden. Erst im Nachgang übernahm dann das Deutsche Reich die "Schutzherrschaft" über diesen Vertrag. Gegenstand des kaiserlichen Schutzes waren somit nicht die Duala oder Kamerun, sondern die Interessen der deutschen Kaufmannschaft.
Diese wurden fortan brutal durchgesetzt: Als wenige Monate nach Vertragsschluss ein headman der Duala, der bei der Verteilung der deutschen Gelder übergangen worden war und nicht mit unterschrieben hatte, eine Rebellion gegen den mit den Deutschen liierten king Bell anzettelt, fordert Kommissar Buchner zwei Kanonenboote an. Die Siedlung der Aufständischen wird bombardiert und eingeäschert. Buchner, der bei den Kämpfen und darauffolgenden Plünderungen dabei ist, nimmt einen im Haus des Anführers entdeckten Schiffschnabel "als Beute" mit. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wird Buchner in München Direktor der Königlich Ethnografischen Sammlung – die Vorgängerin des heutigen Museums Fünf Kontinente. Dort befindet sich der Schiffschnabel bis heute. Das Objekt ist seit den 1990er Jahren Gegenstand einer Restitutionsdebatte mit einem Nachkommen des Rebellen von 1884. Wenig später wird den Duala (Buchner: "Küstengesindel") das ihnen garantierte Zwischenhandelsmonopol genommen. 1910 beginnt die deutsche Kolonialverwaltung mit der Enteignung ihrer Wohngebiete. Der in Deutschland erzogene Enkel king Bells, Rudolf Manga Bell, der sich gegen diesen Vertragsbruch zunächst mit Petitionen an den deutschen Reichstag, dann mit der Suche nach lokalen Allianzen zur Wehr zu setzen versucht, wird im August 1914, kurz vor dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Zur Provenienz des Kanumodells im Deutschen Museum ist – außer dem Zwischenhändler Umlauff und, dass es vor 1907 entstanden sein muss – nichts weiter bekannt. Mit ziemlicher Sicherheit dürfte es aber unter weniger turbulenten Umständen erworben worden sein als der Schiffschnabel im Museum Fünf Kontinente. So berichtet Buchner in einem Abschnitt über die handwerklichen Erzeugnisse der Duala 1884/85: "Häufig sind ferner Kanuu-Modelle, bis zu einem Meter und darüber lang, mit rudernden Figuren, welche heutzutage wohl nur mehr als Exportartikel für die Passagiere der Dampfer angefertigt werden und deshalb wenig ethnographischen Wert besitzen." Also eine frühe Form von tourist art? Vielleicht. Jedenfalls ist das Deutsche Museum nicht das einzige Museum, das solche Kanumodelle gesammelt hat:
Auch das Münchner Museum Fünf Kontinente hat mehrere Exemplare in der Sammlung. Weitere gibt es in Berlin, Freiburg, Dresden, Hannover usw. In einer Hinsicht ist das Modell des Deutschen Museums aber mit Sicherheit ein Unikat: Die Paddler sitzen allesamt verkehrt herum! Vermutlich hat Umlauff das Modell damals zerlegt geliefert und in München hat man beim Aufbau Bug und Heck verwechselt. Aufgefallen ist das niemandem. Das Modell stand über viele Jahre genau so in der Ausstellung.

Weitere Beiträge zum Thema Koloniales Sammlungsgut

  • Ein Diorama und sein kolonialer Hintergrund
  • Die dunkle Seite der Technik: Koloniale Materialien

Quellen und Literatur zum Weiterlesen (sofern nicht bereits im Text verlinkt)

  • Bommarius, Christian 2020: Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914. Berlin: Berenberg.
  • Eckert, Andreas 1991: Die Duala und die Kolonialmächte. Münster, Hamburg: LIT.
  • Eckert, Andreas 1999: Grundbesitz, Landkonflikte und kolonialer Wandel. Douala 1880 bis 1960. Stuttgart: Franz Steiner.
  • Lange, Britta 2006: Echt. Unecht. Lebensecht. Menschenbilder im Umlauf. Berlin: Kadmos.
  • Schneider / Röschenthaler / Gardi (Hrsg.): Fotofieber: Bilder aus West- und Zentralafrika. Die Reisen von Carl Passavant 1883–1885. Basel: Museum der Kulturen / Christoph Merian.

Autor/in

Bernhard Wörrle

Bernhard Wörrle ist promovierter Ethnologe und leitet seit 2013 das digitale Sammlungsmanagementsystem des Deutschen Museums. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt ist koloniales Sammlungsgut.

Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Unbedingt nochmal ins Bergwerk gehen, bevor Ende des Jahres der zweite Sanierungsabschnitt des Hauses beginnt!