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Die Liste, die das Deutsche Museum nach dem Zweiten Weltkrieg im Januar 1946 der amerikanischen Militärregierung übermittelte, war so kurz, dass sie auf eine halbe Seite passte. Das "Verzeichnis der Objekte, die von der Deutschen Wehrmacht dem Deutschen Museum während des Krieges überwiesen wurden", umfasste ganze vier Objekte: Zwei 1941 aus Belgien bzw. Frankreich entwendete historische Personenkraftwagen, eine 1942 erhaltene russische Luftbildkamera, sowie ein ebenfalls aus Russland stammender "armierter Magnetstein mit dazugehörigem Schiffsanker", der in den Büchern des Museums am 24.4.1942 als Leihnahme verzeichnet worden war. Wert: 3000 Reichsmark. Leihgeber war ein Hauptmann Dipl. Ing. Eckert, Anschrift: Feldpostnummer 12553.

Auf einschlägigen Seiten im Internet findet man schnell heraus, dass die Feldpostnummer 12553 zu einer Bautruppeneinheit gehörte, die ab 1941 am Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion beteiligt war.

Im Inventarbuch des Deutschen Museums ist außerdem eine Übersetzung der russischen Inschriften überliefert, die sich auf der merkwürdigen Konstruktion befanden: "Dieser Magnet wurde in einer wilden, unbewohnten Gegend zwischen Werchotur und Solikamsk im Ural gefunden im Berge Kaskanar und wurde mit Magnetpolen gefasst bei der Sibirischen Fabrik von Nikita Skinfiew, Demidorf - Sohn im Jahre 1767 [...]."  Inschrift des Ankers:"Anton Pastuchor im Jahre 1767 in Tula."

Der Zweck der Konstruktion, die ca. 2 m hoch gewesen sein muss und insgesamt um die 300 kg wog, erschließt sich über ein sehr viel kleineres, aber ansonsten ganz ähnliches Exponat, das bis heute in der Ausstellung Physik zu sehen ist: Die ebenfalls aus Russland, 18. Jahrhundert, stammende Demonstration, die bereits 1921 ans Deutsche Museum kam, veranschaulicht die Anziehungskraft eines natürlichen Magnetsteins, der hier mit einem verzierten Messinggehäuse gefasst wurde. Die Ketten dienen nur zur Sicherung der allein durch den Magneten gehaltenen Eisenkugel. Ursprünglich war als Gewicht auch hier ein Anker angebracht.

Gut vorstellbar, dass diese Exponate ursprünglich einmal zum Inventar einer spätbarocken Wunderkammer oder eines Physikalischen Kabinetts gehörten. Tatsächlich weist eine Notiz auf der Skizze des 1942 übernommenen russischen Magneten genau in diese Richtung. Links neben dem Anker steht: "aus Schloß Gotschina St. Petersburg".

Damit ist die Provenienz des Magnetsteins klar: Das unter Katharina der Großen im Südwesten von St. Petersburg errichtete und nach der russischen Revolution in ein Museum umgewandelte Schloss Gat(t)schina wurde am 13. September 1941 von der deutschen Wehrmacht eingenommen und anschließend brutal geplündert. Angesichts der auf der Skizze notierten Ortsangabe und der als Adresse vermerkten Feldpostnummer ist davon auszugehen, dass dem Deutschen Museum dieser Kontext bei der Übernahme des Exponats durchaus bewusst gewesen ist.

Im März 1948 wurde der Magnetstein mit Schiffsanker zusammen mit der Luftbildkamera an Russland zurückgegeben. Die beiden von der Wehrmacht verschleppten Personenkraftwagen hatte man schon 1946 nach Frankreich bzw. Belgien zurückgeführt. Damit war die Restitutionsfrage für das Deutsche Museum erledigt. Im April 1948 teilte der Verwaltungsdirektor des Hauses dem übergeordneten Staatsministerium für Unterricht und Kultus mit: "Alle unter Rückerstattung fallenden Objekte wurden von uns an die zuständigen Stellen abgeliefert."

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt der 2010 erschienene Sammelband Das Deutsche Museum in der Zeit des Nationalsozialismus. Dass es sich hierbei eher um eine Annahme als um das Resultat einer systematischen Überprüfung handelt, zeigt ein russisches Vorhängeschloss mit Einschraubschlüssel, das sich bis heute in der Sammlung des Museums befindet.

Bereits die Kombination aus Herkunftsangabe (Russland), Zugangsdatum (1.4.1942) und der als Adresse des Stifters angegebenen Feldpostnummer (L-04308) ist hochgradig verdächtig. Aus der Zuordnung der Nummer ergibt sich, dass der Absender bei einer Flak-Abteilung im Einsatz war, die ab Juni 1941 die 12. Panzerdivision der deutschen Wehrmacht beim Angriffskrieg auf Russland unterstützte. Aus einer in den Verwaltungsakten abgehefteten Feldpostkarte geht schließlich auch der Ort hervor. Mit Datum vom 25.2.1942 heißt es dort: "Ich sandte mit gleicher Post ein Paket ab mit einem alten Vorhangschloß welches in die Abteilung Schlösser eingereiht werden kann, falls kein solches noch vorhanden ist. Ich fand es im Dorfe Bal-Samosch unweit Nowgorod." Dass es sich um Kriegsbeute handelte, war offenkundig, auch in diesem Fall aber kein Grund, die Schenkung nicht anzunehmen:

Ein Vorhängeschloss ist kein Bernsteinzimmer. Gut möglich, dass man das eher unscheinbare Exponat einfach vergessen hat, als man 1946 die Liste zu restituierender Objekte für die amerikanische Militärregierung zusammenstellte. Tatsächlich steht eine systematische Überprüfung der Sammlungsbestände auf NS-Provenienzen am Deutschen Museum mit Ausnahme der Kraftfahrzeugsammlung aber bis heute aus. Wie viel dabei zum Vorschein kommt, bleibt abzuwarten. Anzeichen, dass nicht nur ein paar alte Vorhängeschlösser betroffen sein könnten, sind jedenfalls vorhanden.

Dank an Daniela Schneevoigt für den Hinweis auf das Vergleichsobjekt in der Physik!

Autor/in

Bernhard Wörrle

Bernhard Wörrle ist promovierter Ethnologe und leitet seit 2013 das digitale Sammlungsmanagementsystem des Deutschen Museums. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt ist koloniales Sammlungsgut.

Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Unbedingt nochmal ins Bergwerk gehen, bevor bald der zweite Sanierungsabschnitt des Hauses beginnt!