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Von Charlotte Holzer
In den kommenden Monaten werde ich in einer Reihe von Blogs über die Restaurierung des Glasfaserkleides aus der Sammlung schreiben. Hintergrundinformationen zu dem Kleid können Sie in dem Blog "Sensible Schönheit" von Sabine Pelgjer oder auf der Projekthomepage nachlesen. Im heutigen Beitrag befasse ich mich mit der Frage, wie die Geschichten rund um das Exponat, sichtbar gemacht werden können. Welche Möglichkeiten stehen mir als Restauratorin zur Verfügung?
Geschichten dokumentieren Eine Methode Geschichten zu erhalten ist, sie aufzuschreiben und zu erzählen. Bei einem extravaganten Stück wie dem Glasfaserkleid kam es im Laufe der Jahre jedoch immer wieder zur Legendenbildung und zu Übertreibungen. Daher habe ich während der letzten drei Jahre versucht, durch Hintergrundrecherche Klarheit zu schaffen: Als Quellen dienten mir Zeitungsartikel, Werbematerial der Herstellerfirma, der Libbey Glass Company aus Toledo (Ohio) und Museumsdokumentationen im Deutschen Museum bzw. im Toledo Museum of Arts.
Eine wichtige Rolle spielten dabei die Untersuchungen am Kleid aus dem Deutschen Museum sowie der Vergleich mit anderen erhaltenen Ausstellungsstücken und Souvenirs von der Weltausstellung 1893 in Chicago. Trotzdem gibt es bis heute noch einige ungeklärte Fragen, z. B. ob Infantin Eulalia ihr Glasfaserkleid jemals getragen hat.
Ausstellungen vorbereiten Wie Forschungen ergaben, war das Ausstellen von Kleidern aus handgefertigten Glasfasern und Seide ein Phänomen des späten 19. Jahrhunderts: Kunstglasbläser erzeugten auf ihren Reisen und bei Vorführungen die Glasfasern und verarbeiteten sie dann zu Geweben und Flechtbändern. Schneiderinnen, die oft Teil der Glasbläserfamilien waren, fertigten die kostbaren Gewänder an. Das bedeutet, die Stücke waren von Anfang an dafür gedacht, einem zahlenden Publikum vorgeführt zu werden. Das Kleid im Deutschen Museum konnte diesen Zweck jedoch seit Jahren nicht mehr erfüllen, da es zu instabil war, um ausgestellt zu werden. Dennoch wollte man in der Dauerausstellung Glastechnik nicht auf einen Hinweis zu dieser frühen Form der Glasfaserverarbeitung verzichten. Vielleicht entdecken Sie das Bild von dem Kleid schon bald bei einem Ihrer nächsten Besuche. Exponate restaurieren Glasfaserkleidern wohnt eine Anziehungskraft inne, die auf der Wirkung einer ungewöhnlich glänzenden Oberfläche und dem Reiz einer flexiblen, gläsernen Faser beruht. Das Stück im Deutschen Museum bestand ursprünglich aus einem reich verzierten Oberteil und einem bodenlangen Rock mit Fransen und Rüschen. Der Rock ist erhalten, erinnert im derzeitigen Zustand aber nur entfernt an das eindrucksvolle Ausstellungsstück früherer Tage. Das Ziel der Restaurierung ist, die Lesbarkeit des Rockes zu verbessern: Zunächst sind die schädigenden Staubauflagen und Abbauprodukte von den Materialien zu entfernen. Dabei wird die glänzende Oberfläche der Fasern wieder erlebbar. Um die charakteristische modische Silhouette des Rockes zu rekonstruieren, ist eine Stabilisierung der Textilien vorzunehmen und ein passgenauer Unterbau anzufertigen. Auf dieser Stützkonstruktion soll der Rock in Zukunft aufbewahrt, transportiert und sogar ausgestellt werden. Die verwendeten Restauriermaterialien werden auf ihre Eignung für die Langzeitlagerung von Glas und Seide geprüft.
In meinem nächsten Blog werde ich von den Methoden zur Reinigung der Glas- und Seidenfasern berichten. Die weiteren Schritte sind dann die Stabilisierung und die Anfertigung einer Unterkonstruktion für die Aufbewahrung und Ausstellung des Rockes.
Charlotte Holzer schreibt ihre Doktorarbeit an der TU München zur Geschichte und Restaurierung von Glasfasertextilien. Seit 2015 nutzt sie dafür die Infrastruktur der neuen Abteilung Restaurierungs-
forschung im Forschungsinstitut des Deutschen Museums. Sie hat Textilrestaurierung an der Universität für angewandte Kunst in Wien studiert. Während der Ausbildung sammelte Charlotte Holzer Erfahrung im Umgang mit historischen Textilien u. a. im Technischen Museum Wien, im British Museum in London und im Bayerischen Nationalmuseum München. Durch das “Rakow Grant for Glass Research” konnte sie 2016 einige Wochen im Restaurierungsatelier des Corning Museum of Glass verbringen.


Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei den Vorführungen am Glasbläserstand kann man jeden Tag die „Arbeit vor der Lampe“ erleben; jene Technik also, mit der historische Glasfasern hergestellt wurden

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Internetredaktion