Direkt zum Seiteninhalt springen

von

Um aus der großen Fülle verschiedener Reinigungsmethoden und -Materialien die schonendste und am besten geeignete auszuwählen, führte ich eine Versuchsreihe an kleinen Faserproben von dem Kleid durch. Durch in-situ Tests an Vergleichsstücken aus dem Corning Museum of Glass (Abb. 5) und am Kleid konnte ich die Effektivität sowie das geringe Schadenspotential der ausgewählten Verfahren bestätigen.

Von Charlotte Holzer
In meinem letzten Blogbeitrag zu dem Glasfaserkleid habe ich einen Einblick zur Bedeutung des Stückes und der Restaurierung gegeben. Heute berichte ich von meiner Vorgehensweise bei der Reinigung der zerbrechlichen Fasern.
Das Glasfaserkleid ist mit einer feinen Schicht Staubpartikel bedeckt, die dem einst weiß glitzernden Abendkleid einen schmutzigen Grauschleier verleihen. Auf mikroskopischer Ebene wirken diese grauen Substanzen als Katalysatoren für Abbauprozesse in den Glas- und Seidenfasern. (Abb. 1, 3) Wenn zusätzlich noch dauerhaft Feuchtigkeit auf die Fasern einwirkt, kommt es bei chemisch instabilen Gläsern und Seidenstoffen, die mit Metallsalzen behandelt wurden, wie im Fall des Kleides, zum beschleunigten Zerfall der Materialien. Aus diesem Grund steht am Beginn der Restaurierung die Abnahme der Verschmutzung und Abbauprodukte. (Abb. 2, 4)
Abb. 1, 2 Glasfasern aus den Fransen vor (links) und nach (rechts) dem Reinigen.
Abb. 3, 4 Seidenfasern der Rüschen vor (links) und nach (rechts) dem Reinigen.
Die Voraussetzungen für die Durchführung einer Reinigung von Glasfasern sind sowohl Erfahrung im Umgang mit empfindlichen, historischen Fasern als auch ein fundiertes Wissen über die Reaktion von Glas auf verschiedene Materialien, wie Pinsel, Schwämme, Tücher und Lösemittel. Als Textilrestauratorin war für mich daher der erste Schritt, meine Kenntnisse zum Material Glas zu vertiefen. Dafür habe ich einige Wochen im Atelier für Glasrestaurierung des Corning Museum of Glass in Corning, NY verbracht und viele Tipps von den Kollegen der Kunsthandwerkrestaurierung im Bayerischen Nationalmuseum bekommen.
Um aus der großen Fülle verschiedener Reinigungsmethoden und -Materialien die schonendste und am besten geeignete auszuwählen, führte ich eine Versuchsreihe an kleinen Faserproben von dem Kleid durch. Durch in-situ Tests an Vergleichsstücken aus dem Corning Museum of Glass (Abb. 5) und am Kleid konnte ich die Effektivität sowie das geringe Schadenspotential der ausgewählten Verfahren bestätigen. Abb. 5 In-situ Tests zur Reinigung an einer Glasfaserkrawatte aus dem Corning Museum of Glass, Foto: Astrid van Giffen
Lose aufliegende Schmutzpartikel wurden mit einem Museumsstaubsauger bei geringer Saugkraft von der Außenseite (Abb. 6) und vom Futterstoff im Inneren des Rockes (Abb. 7) abgesaugt. Jene Fasern, die bereits abgebrochen sind, werden dabei auch erfasst, weshalb die Düse des Staubsaugers mit einem feinen Stoff abdeckt und das Material gesammelt wird, bevor es im Gerät verschwinden kann.
Zum Entfernen von stärker haftenden Verschmutzungen und Abbauprodukten, die in der Faserstruktur verankert waren, folgte auf die Trockenreinigung die Behandlung der Textilien mit einer Waschlösung. Während der Versuchsreihe hatte sich gezeigt, dass dafür eine niedrigkonzentrierte Lösung mit einem nicht-ionischen Tensid in demineralisiertem Wasser besonders geeignet war. Die Bearbeitung der einzelnen Bestandteile des Exponats, also Rüschen, Fransen und der Rock selbst, sollte in kleinen Schritt erfolgen. Dafür wurde ein Unterdruckpanel unter das zu reinigende Textil gelegt und eine Schicht aus einem weichem, saugenden Tuch als Zwischenlage verwendet. Die Reinigungsflüssigkeit und anschließend das Wasser zum Spülen wurde in kleinen Mengen mit Spritzflaschen eingebracht und durch das Panel nach unten weggesaugt. Zusätzlich konnten die schädigenden Partikel mit feinen Pinseln durch vorsichtige Streichbewegungen entfernt werden. Die Zierelemente des Rockes wurden auf diese Art und Weise bereits von substanzgefährdenden Schmutzauflagen und Abbauprodukten aus dem Zerfallsprozess befreit. (Abb. 8)
In den kommenden Monaten werde ich die Reinigung des Rockes abschließen und kann mit den Maßnahmen zur Stabilisierung beginnen.
Hintergrund
Das Glasfaserkleid der Infantin Eulalia von 1893: eine Abendrobe aus feinsten Glasfäden, einst extravagantes Schaustück der Weltausstellung 1893 in Chicago. Seit dem Jahr 1924 befindet sich dieses besonderes Beispiel hochspezialisierter Textilherstellung in der Sammlung des Deutschen Museums:  Den anspruchsvollen Restaurierungsprozess unseres Glasfaserkleides können Sie in unserer Blog-Serie mitverfolgen Weiterlesen:
  • Alle Blogbeiträge zur Restaurierung des Glasfaserkleides
  • Mehr zur Geschichte des Glasfaserkleids und diesem Forschungsprojekt

Tipp für Kurzentschlossene:

Am Samstag, 5. Mai 2018 findet der Tag der offenen Werkstätten im Deutschen Museum statt. Bei den Führungen können Sie sich selbst ein Bild von dem Glasfaserkleid im Restaurierungsforschungslabor machen.
Charlotte Holzer schreibt ihre Doktorarbeit an der TU München zur Geschichte und Restaurierung von Glasfasertextilien. Seit 2015 nutzt sie dafür die Infrastruktur der neuen Abteilung Restaurierungsforschung im Forschungsinstitut des Deutschen Museums. Sie hat Textilrestaurierung an der Universität für angewandte Kunst in Wien studiert. Während der Ausbildung sammelte Charlotte Holzer Erfahrung im Umgang mit historischen Textilien u. a. im Technischen Museum Wien, im British Museum in London und im Bayerischen Nationalmuseum München. Durch das “Rakow Grant for Glass Research” konnte sie 2016 einige Wochen im Restaurierungsatelier des Corning Museum of Glass verbringen.
Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei den Vorführungen am Glasbläserstand kann man jeden Tag die „Arbeit vor der Lampe“ erleben; jene Technik also, mit der historische Glasfasern hergestellt wurden

Autor/in

Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.