Direkt zum Seiteninhalt springen

von

Von Charlotte Holzer
Drei Jahre hat es gedauert, von den ersten Reinigungstests und Materialrecherchen bis zum Schließen der letzten Nähte am Glasfaserkleid. Nun sind die Restaurierungsarbeiten abgeschlossen und das Exponat erstrahlt in neuem Glanze – eine Redewendung, die mir meistens unangebracht scheint, aber in diesem speziellen Fall unumgänglich ist: Ohne die vielen Schichten Museumsstaub schimmern die Glasfasern im Licht, wie zur Zeit der Weltausstellung in Chicago, auf der das Kleid als „The Famous Glass Dress“ gehypt wurde. Die fragilen Textilien sind stabilisiert und durch die stützenden Unterkonstruktion, ist auch die für 1893 typische, ausladende Form des Rockes wieder erkennbar.
In diesem Beitrag zur Blogserie nehme ich Sie nun ein letztes Mal mit ins Restaurierungsforschungslabor des Deutschen Museums. Nachdem ich die Fransen, Rüschen und Schleifen vom Staub der Jahrzehnte befreit habe, setzte ich hier die Nassreinigung mit dem Unterdruckpanel am Rock fort. Dafür wurde er auf einem eigens angefertigten Rahmen positioniert, sodass ich von oben arbeiten und von unten die Flüssigkeit entfernen konnte (Abb.1).

200 Stunden Handarbeit

Die nähtechnische Sicherung mit extrem feinen Polyesterfäden führte ich in der traditionellen Art der Textilrestaurierung mit der Hand durch. Einige Stoffe waren dafür in passenden Farben zum Kleid einzufärben, andere konnten im richtigen Farbton gekauft werden. Von allen Stoffen musste ich vor der Verarbeitung potentiell schädigende Textilveredelungen, wie Imprägnierungen oder flammhemmende Ausrüstung, entfernen.
Für den Oberstoff auf der Außenseite des Rockes, das Futter und die zahlreichen Zierelemente wählte ich individuelle Techniken und Materialien aus. Auf diese Weise soll in Zukunft die notwendige Stabilität und Schutz vor weiterem Verlust gewährleistet sein. Die Kartierung (Abb. 2) illustriert, wie der Oberstoff auf dem Unterlegstoff aus Seide mit versetzten Vorstichreihen fixiert wurde. Um die Löcher in dem Glasfaser-Seidengewebe herum erhöhte ich die Dichte der Stiche und verstärkte die Bereiche mit zusätzlichen Stoffstücken, sogenannten Patches (Abb. 3, Abb. 4).
Die fragmentarisch erhaltenen Reste des Seidenfutters wurden mit einem feinen Nylon-Tüll schützend abgedeckt und fixiert (Abb. 5, Abb. 6). Dieselbe Methode fand auch beim Sichern der ausgefransten Glasfaser-Flechtbänder Anwendung (Abb. 7, Abb. 8). Der Tüll konnte entlang der Außenkanten angenäht und ohne weiteres Versäumen abgeschnitten werden. Es ist auch in Zukunft möglich, das Originalgewebe darunter zu sehen und sogar Gewebeanalysen durchzuführen.

Fertig zur Anprobe

Ein essentieller Teil dieser Restaurierung war die Konstruktion des Unterbaus, der den Rock dauerhaft beim Transport, bei der Aufbewahrung und Ausstellung stützen soll. Es wurde eine ästhetisch ansprechende Lösung gesucht, die sich in ihrer Form an den historischen Aufnahmen des Glasfaserkleides orientiert. Das Hauptziel war jedoch die Entwicklung einer idealen Auflagefläche (Abb. 9, Abb. 10, Abb. 11) für den Rock nach den folgenden Kriterien:
  • Leichte Konstruktion
  • Abfedern von Vibrationen
  • Flexible Anpassung der Form an die historische Silhouette
  • Luftzirkulation zur Vermeidung eines (feuchten) Mikroklimas, Staubbarriere
  • Erweiterbar für ein Oberteil (Replik)
  • Chemisch stabile Materialien, schadstofffrei, korrosionsbeständig
  • Einfacher Herstellungsprozess im Labor
Die Form des Unterbaus überprüfte ich mit einer Replik aus Baumwolle und führte entsprechende Anpassungen durch. So konnte dem Original die Beanspruchung durch wiederholtes Handling erspart werden. Dieselbe Replik nutzten wir auch zum Üben der eigentlichen Anprobe. Mit der Hilfe von drei Kolleginnen aus der Restaurierungsforschung transferierten wir den Rock auf seinen Unterbau. Ein Filmteam des Bayerischen Rundfunks begleitete diesen kritischen Schritt der Restaurierung.
Filmbeitrag zum Glasfaserkleid, Bayerischer Rundfunk (Online bis 16.07.2020)
Museum zum Hören Der Podcast des Deutschen Museums erzählt viele spannende Geschichten, gibt aber vor allem Einblick in aktuelle Forschungsprojekte.
Vom Material, das nie in Mode kam – Das Glasfaserkleid

Die letzte Naht

Vor der Reinigung und Stabilisierung musste ich einige Nähte am Rock öffnen, um mechanische Schäden an den zerbrechlichen Glasfasern bei der Handhabung auf ein Minimum zu reduzieren. Im letzten Schritt der Restaurierungsarbeiten habe ich diese Nähte wieder geschlossen. Bei der vertikalen Naht in der hinteren Mitte erfolgte das Zusammennähen noch im Liegen (Abb. 12). Die dekorativen Elemente am Saum habe ich angenäht nachdem der Rock auf dem Unterbau positioniert worden war (Abb. 13). Dabei konnte ich auch die lose untere Fransenreihe sowie eine Schleife zuordnen und befestigen.
Nun ist das Glasfaserkleid wieder ausstellbar und für die nächsten Jahrzehnte gut gesichert. Ich möchte mich sehr herzlich bei allen bedanken, die dies ermöglicht haben, sei es durch den Austausch von Ideen, die Finanzierung, das Leihen von Equipment und Materialien, oder durch Hilfe beim Handling, die Konstruktion des Unterbaus und nicht zuletzt das Design dieser Blogserie.
Charlotte Holzer hat ihre Doktorarbeit an der TU München zur Geschichte und Restaurierung von Glasfasertextilien im Mai 2019 abgeschlossen. Sie studierte Textilrestaurierung an der Universität für angewandte Kunst in Wien und hat 2012 mit dem Asbestanzug aus dem Technischen Museum Wien ihre Vorliebe für technische Textilien entdeckt. Während der Ausbildung restaurierte Charlotte historische Textilien u. a. in den Ateliers im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien, im British Museum in London, und als Volontärin im Bayerischen Nationalmuseum München.Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Erfahren Sie mehr über den Prozess einer Restaurierung und besuchen Sie uns in unserem Gläsernen Studio in der Flugwerft Schleißheim. Ab November 2019 wird ein gemischtes Restauratoren-Team dort am Erhalt der Fragmente des originalen Normalsegelapparates von Otto Lilienthal (1894) arbeiten.

Autor/in

Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.