von Beatrix Dargel
In den hauseigenen Werkstätten des Deutschen Museums bewahren Fachleute uralte Handwerkskünste und -techniken. Ihre Expertise ist unverzichtbar, um technische Kulturgeschichte auch für kommende Generationen zu erhalten. Beatrix Dargel hat eine Buchbinderin und einen Orgelbauer besucht. Sie stehen stellvertretend für die vielen Handwerkerinnen und Handwerker in den Werkstätten des Museums.
Helga Grabendorfer sorgt seit über 25 Jahren dafür, dass Bücher und Publikationen des Deutschen Museums erhalten bleiben. Bild: argum | Falk Heller
Wenn in der Bibliothek des Deutschen Museums ein Band aufgeschlagen wird, der schon Generationen von Forscherinnen und Forschern gedient hat, dann steckt hinter seinem guten Zustand oft die Arbeit von Helga Grabendorfer. Seit über 25 Jahren ist sie Buchbinderin im Haus – eine von jenen unsichtbaren Händen, die dafür sorgen, dass Wissen über Jahrzehnte hinweg lesbar bleibt. In der Bindestelle, einem Werkraum mit schweren Schneidemaschinen, Kleistertöpfen und Papierstapeln, landen all jene Bücher und Zeitschriften, die im Laufe der Jahre Spuren der Nutzung zeigen. “Bitte binden” steht dann beispielsweise auf den Zetteln, die aus der Bibliothek eintreffen. Und die Arbeit reißt nicht ab: Rund eine Million Bücher, Zeitschriften und Pläne umfasst allein der Bestand der Museumsbibliothek.
Mal muss ein Riss im Einband geflickt werden, mal eine herausgeschnittene Seite ersetzt werden. “Es sollte passen und möglichst nicht auffallen”, sagt Grabendorfer, während sie mit einem hauchdünnen Bogen Japanpapier hantiert. Das Material wiegt kaum vier Gramm und wird mit Kleister aufgetragen – eine Technik, die seit Jahrhunderten fast unverändert ist. Wenn die Reparatur getrocknet ist, verschmilzt das Papier unsichtbar mit dem Original. Fehlen ganze Seiten oder Abbildungen, greift die Buchbinderin auf andere Exemplare zurück. Mit dem passenden Papier und einer präzisen Kopie wird die Lücke geschlossen. “Wir wollen, dass die Bücher wieder vollständig nutzbar sind, ohne dass man den Eingriff sofort erkennt.”
Helga Grabendorfer war gelernte Industriebuchbinderin. 13 Jahre Schichtarbeit liegen hinter ihr, als sie eines Tages eine Stellenausschreibung des Deutschen Museums liest. Sie bewirbt sich, wird genommen, bleibt. Heute schätzt sie die Vielfalt ihrer Arbeit: “Hier ist kein Tag wie der andere.” Neben der Restaurierung fertigt sie Sonderanfertigungen wie Archivkassetten, Mappen oder maßgefertigte Schuber: damit Bücher, Skripte oder Zeitschriften optimal aufbewahrt werden.
Bücher, die im Lesesaal häufig benutzt werden, bekommen Verstärkungen aus säurefreien Pappen. Damit stehen sie stabil im Regal, fallen nicht um und sind besser vor Licht und Staub geschützt. Säurefreies Material ist entscheidend: Papier aus dem 19. Jahrhundert zerfällt sonst buchstäblich in den Händen. Für Zeitschriften, die nicht gebunden werden, fertigt die Bindestelle sogenannte Streckmappen an – zwei stabile Pappen, verbunden durch Stoffbänder, in denen die Hefte aufrecht “gestreckt” lagern. Eine einfache, aber bewährte Methode der Langzeitarchivierung. “Wir denken hier in Jahrhunderten”, sagt Grabendorfer. “Das, was wir heute verpacken, soll auch noch in hundert Jahren lesbar sein.”
Die Arbeit der Buchbinderin liegt an der Schnittstelle zwischen traditionellem Handwerk und moderner Restaurierungswissenschaft. Der Kleister wird noch immer selbst gekocht – eine Mischung aus Wasser und Weizenstärke –, doch die Auswahl der Materialien folgt aktuellen konservatorischen Standards. Japanpapiere, säurefreie Kartons und alterungsbeständige Klebstoffe werden nach genauen Spezifikationen beschafft. In flachen Schubladen lagern außerdem alte Buntpapiere: Marmorierte, gesprenkelte und sogenannte Kiebitzpapiere, deren Muster an Eier des gleichnamigen Vogels erinnert. Viele davon sind heute kaum mehr erhältlich. “Das sind unsere Schätze”, sagt Grabendorfer, “manches Papier wird gar nicht mehr produziert oder nur zu horrenden Preisen.”
Auch Verpackung ist ein Teil der Buchbindekunst. Bücher, die das Haus verlassen – für Ausstellungen, Leihgaben oder Postversand – werden so sorgfältig gepolstert, dass selbst ein Sturz sie unversehrt lässt. “Wir müssen davon ausgehen, dass eine Sendung unterwegs auch mal geworfen wird”, sagt Grabendorfer trocken. “Also denken wir voraus.”
Ob sie ein zerrissenes Heft flickt, eine historische Karte verstärkt oder einen Schuber baut – Helga Grabendorfer arbeitet stets mit der gleichen Sorgfalt. “Man lernt nie aus”, sagt sie. “Jedes Objekt ist anders, jedes Material verhält sich anders.” So still ihre Werkstatt im Deutschen Museum auch wirkt – hier geschieht täglich das, was den Kern des Museumsauftrags ausmacht: das Bewahren des Wissens. Und manchmal genügt dafür ein Blatt hauchdünnes Papier.
Alexander Steinbeißer beim Stimmen einer Prospektpfeife. Bild: argum | Falk Heller
Wenn Alexander Steinbeißer in seiner Werkstatt im Deutschen Museum an einer alten Orgel arbeitet, riecht es nach Holz, Metall und Geschichte. Mit ruhigen Handgriffen öffnet er ein Instrument, das bis 2016 in der Ausstellung im Musiksaal stand. “Orgelbau ist Praxis, das kann man nicht studieren”, sagt er. “Man braucht Erfahrung, Gehör und Geduld – das lässt sich nicht digitalisieren.”
Im Deutschen Museum befinden sich über zwanzig Orgelinstrumente – vom kleinen Tischpositiv bis zur großen Konzertorgel im Musiksaal. Dazu kommen Mischformen: Orgelklaviere, Orgelharmonien, technische Experimente vergangener Jahrhunderte. Nur ein Teil ist ausgestellt, der Rest ruht im Depot – eine stille Bibliothek aus Klangmaschinen. Dass ein Museum so viele Orgeln beherbergt, ist außergewöhnlich. Jede erzählt ihre eigene Geschichte. Einige Orgeln stammen aus Kapellen, andere aus privaten Musikzimmern. Über manche weiß man kaum etwas, andere tragen den Namen ihres Erbauers noch auf einer handgeschriebenen Plakette. Um mehr über seine Schätze herauszufinden, untersucht Steinbeißer zunächst typische Baumerkmale – die besondere Handschrift eines jeden Orgelbauers. “Jeder hat seine eigenen Lösungen, seine persönlichen Tricks”, erklärt er.
Die Untersuchung beginnt mit dem Zerlegen. Jedes Teil wird fotografiert, vermessen, katalogisiert. CAD-Zeichnungen entstehen, Materialproben werden untersucht, Röntgen- und Infrarotaufnahmen zeigen verborgene Strukturen. Manche Instrumente wurden mehrfach umgebaut, und nur durch diese exakten Analysen lassen sich Entwicklung und Herkunft rekonstruieren. Manchmal erzählen alte Papiere im Inneren – Rechnungen, Kirchenbuchseiten – von einstigen Werkstätten und Orten. “Früher hat man nichts weggeworfen”, erklärt Steinbeißer, “die Blasebälge wurden oft mit Altpapier ausgekleidet. Heute sind das für uns wertvolle Spuren.” Auf der Suche nach dem originalem Zustand werden manchmal an kleinen, unauffälligen Stellen, alte Farbfassungen freigelegt. Jede Übermalung verweist auf eine Zeit, in der die Orgel zu ihrer Umgebung passen sollte – mal blau, mal braun, mal weiß wie das Kirchenschiff. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen werden genauestens dokumentiert. Am aktuellen Zustand der Orgeln wird dabei nichts verändert.
Seit 2013 ist Steinbeißer für die Restaurierung sämtlicher Tasteninstrumente des Museums zuständig: Orgeln, Klaviere, Cembali, Clavichorde und selbstspielende Musikautomaten. Wartung, Stimmung, Reparatur – alles liegt in seiner Hand. Seine Laufbahn begann früh: Schon als Schüler begeisterte er sich für den besonderen Klang der Orgel. Zunächst wollte er dieses beeindruckende Instrument einfach nur spielen. Bald aber faszinierte ihn die Mechanik noch mehr als das Orgelspiel selbst. Im nahegelegenen Andechs durfte er schließlich bei einem Orgelbauer mitarbeiten – erst beim Stimmen, später beim Bauen. “Da war dann rasch klar: Das will ich machen”, erinnert er sich.
“Die Orgel ist kein Instrument, sie ist ein System”, erklärt Steinbeißer. “Eine riesige Maschine bestehend aus Holz, Metall, Leder, Elektrik. Das Zusammenspiel all dieser Materialien sorgt für den ganz besonderen Klang jeder einzelnen Orgel.” In jeder Orgel steckt die Kunst zahlreicher Gewerke: Holzbau, Metallbearbeitung, Mechanik, Intonation. Keine Orgel ist wie die andere, keine lässt sich ersetzen. Und genau das macht auch den Orgelbau zu einem bis heute unersetzlichen Handwerk: Jede Pfeife wird individuell auf ihren Klang abgestimmt, jedes Register hat seine eigene Persönlichkeit.
Maschinen können messen, aber sie hören nicht wie Menschen hören. Sie wissen nicht, wann ein Ton “lebendig” klingt. Ihnen fehlt der Zugang zu Emotionen, die für uns immer auch mit Musikerlebnissen verbunden sind. Im Deutschen Museum sollen die Instrumente nicht neu und perfekt klingen, sondern in erster Linie bewahrt werden – mitsamt den Spuren ihrer Zeit. “Hier wird nichts verbessert, nichts verkauft”, sagt Steinbeißer. “Wir halten fest, was war.” In einer Welt, in der fast alles reproduzierbar geworden ist, bleibt der Orgelbau ein Gegenentwurf: präzise, sinnlich, langsam. Und jedes Mal, wenn Steinbeißer eine Pfeife zum Klingen bringt, klingt auch ein Stück Geschichte mit.
