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Warum ist es möglich, die Spuren des Violinvirtuosen Giuseppe Tartini (1692–1770) in ganz Europa zu finden? Tartini selbst, der heute vor allem für seine Teufelstriller-Sonate bekannt ist, war keineswegs ein durch Europa reisender Virtuose. In dem Beitrag klären wir, wie sich sein Kompositionsstil und vor allem seine virtuose Violintechnik von Padua aus über ganz Europa verbreiten konnte.

Giuseppe Tartini – der große Lehrmeister

„Hätte ich in meiner Jugend von Tartini, und du vom Porpora gelehrnet, wären wir beede andre Leüte word[en]“, so der aus Salzburg stammende Violinist Franz Pirker in einem Brief an seine Frau Marianne Pirker vom 13. Juni 1749. Das Paar befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer sehr prekären Lage: Franz saß mit hohen Schulden in London fest, während seine Frau, die Sängerin Marianne Pirker, als Mitglied der Operntruppe von Pietro Mingotti versuchte, Geld zu verdienen, und sich um eine Anstellung am Württembergischen Hof in Stuttgart bemühte. Pirkers explizite Referenz auf den Violinvirtuosen und Lehrer Tartini zeigt, wie zentral der musikalische Stallgeruch für die Karrieren von Violinisten bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts war. Bei Tartini gelernt zu haben, wäre wohl – wie Pirker es mit schmerzlichem Unterton anklingen lässt – auch für ihn ein ideales Karrieresprungbrett gewesen.

Kein Wunder also, dass es zahlreiche angehende Violinvirtuosen, aber auch Violinvirtuosinnen nach Padua zog, um bei dem großen Lehrmeister die hochentwickelte italienische Violintechnik, Bogenführung und auch Komposition zu studieren. Möglich war dies, weil Tartini um 1728 eine Violin- und Kompositionsschule in Padua gründete. Schon zu Lebzeiten Tartinis war sie als „Scuola delle nazioni“ (Schule der Nationen) bekannt und dieser Name war Programm: Bis dato können rund 120 Schüler:innen nachgewiesen werden, die in großen Teilen aus Italien, aber auch aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Schweden, Spanien, Portugal und sogar aus dem heutigen Indonesien stammten.

„Hätte ich in meiner Jugend von Tartini, und du vom Porpora gelehrnet, wären wir beede andre Leüte word[en].“
Franz Pirker an seine Frau Marianne, 13. Juni 1749.

Von Europa nach Padua – von Padua nach Europa

Die Wege der Schüler zu Tartini waren unterschiedlich: Für einige wurde die Ausbildung von einem Hof oder einem Mäzen bezahlt, andere gingen auf eigene Faust nach Italien: 

Wenzeslaus Wodiczka (1712–1774) kam 1732 aus dem heutigen Tschechien an den Münchner Hof. Von dort aus wurde er wahrscheinlich 1737 nach Italien mit ziemlicher Sicherheit zu Tartini zur Ausbildung geschickt – auf Kosten des Hofes. Ganz wie es sich Franz Pirker gewünscht hätte, zeichnete sich sein Studium in barer Münze aus: Er erhielt ein hohes Gehalt, mehrere Gehaltserhöhungen und bekleidete von 1747 bis zu seinem Tod das Amt des Konzertmeisters und Kurfürstlichen Rats.

Im Jahr 1759 schickte Graf Vincenc von Waldstein den jungen Antonín Kammel (1730–1784) nach Padua. Der aus dem heutigen Tschechien stammende Violinist trug den dort erlernten Stil nach dem Studium in den Norden, konzertierte u.a. in Würzburg und Hamburg und ging schließlich nach London. Anders als der eingangs erwähnte Pirker wurde Kammel in London ein gefeierter Konzertsolist und Musiker der Royal Chapel.

Anders Wesström (1720–1781) war schon ausgebildeter Jurist, als er seine zweite Profession in den Mittelpunkt rückte: Es gelang ihm, 1748 als Violinist am Hof in Stockholm tätig zu werden. 1756 entschloss er sich zu einer Bildungsreise, die ihn zunächst zum Violinunterricht bei Francesco Maria Cattaneo nach Dresden führte. Er machte dort die Bekannschaft mit dem Komponisten Johann Georg Naumann. Mit Naumann ging es 1757 nach Italien, wo beide bei Tartini Unterricht nahmen. Nach der Rückkehr Wesströms trat er wieder in den Hofdienst ein und war als gefeierter Violinist mit einer Reihe eigener und italienischer Kompositionen in Stockholm zu hören.

Franz Carl (um 1724–1787) und Johann Nepomuk Cröner (?–1785) stammten aus einer Musikerfamilie, die ausschließlich aus virtuosen Geigern bestand. Vater Thomas (um 1689/90–1757) kam 1735 von Augsburg an den Münchner Hof und wurde zusammen mit seinem 15-jährigen Sohn Franz Ferdinand (1720–1780) in der Hofkapelle angestellt. Kurz darauf war er mit seinen Kindern in Hamburg und präsentierte sie in Konzerten unter Georg Philipp Telemann als Wunderkinder. Zehn Jahre später schickte Kurfürst Karl Albrecht/Kaiser Karl VII. Franz (Carl oder Ferdinand?) und Anton Albert (1727–1770) nach Italien zur Ausbildung. Anton Albert hatte von seinem Italien-Aufenthalt vielleicht ein musikalisches Mitbringsel mitgebracht: Denn 1768 verkaufte er dem Hof ein Tartini-Konzert. Um 1750 änderte sich die Ausbildungspraxis am Hof und die Ausbildungskosten wurden auf die Musiker übertragen: Johann Nepomuk kehrte 1751 aus Italien zurück, nachdem er von Kurfürst Max III. Joseph aufgefordert wurde zu reisen – auf eigene Kosten. Johann Nepomuk erreichte München in Begleitung des Tartini-Schülers Carl Albrecht Dubreil – ein Zeichen, dass er selbst bei Tartini studiert hatte? Trotz des hohen Investments, denn Reisen war teuer und der Unterricht musste auch bezahlt werden, zahlte sich die Ausbildung für die Familie aus: Neben hohen Gehältern, zahlreichen Gehaltserhöhungen und Vergünstigungen sowie hohen Funktionen wie Cammer-Compositeur (Franz Carl), Vizekonzertmeister (Franz Ferdinand, Johann Nepomuk) und Konzertmeister (Franz Ferdinand) wurde sie 1749 sogar in den Adelsstand erhoben.

„Padua. Diese Stadt ist in neuern Zeiten durch den Aufenthalt des berühmten Komponisten und Geigers Tartini so bekannt geworden, als in alten Zeiten dadurch, daß der Geschichtschreiber T. Livius hier gebohren war. Tartini starb wenige Monathe vor meiner Ankunft hieselbst, ein Zufall, den ich als ein besonders Unglück für mich ansah, so wie er ein Verlust für die ganze musikalische Welt war. Er war ein Virtuos mit dem ich mich so gern über seine Kunst unterredet hätte, als ich wünschte, ihn spielen zu hören.“
Charles Burney, Tagebuch einer Musikalischen Reise durch Frankreich und Italien, Hamburg 1772, S. 85

Giuseppe Tartinis klingende Werkstatt in der Musikinstrumentensammlung

Für ein Konzert am 21. Oktober 2026 in der Musikinstrumentensammlung greifen wir die oben genannten fünf Schüler heraus, die nach dem Studium in Padua ihre Violinkunst und ihre Kompositionen wie auch Tartinis Werke in unterschiedliche Regionen Europas trugen. Ausgehend von Tartinis Komposition Aria del Tasso für Violine solo führt das Konzert in der Instrumentensammlung zu speziellen Stationen des europäischen Schüler-Netzwerks. Es erklingen Werke, die am Münchner Hof, im musikalisch pulsierenden London des 18. Jahrhunderts und in Stockholm entstanden sind. Dabei wird ohrenfällig, dass die Komponisten nicht nur Kompositionstechniken und Stilmittel Tartinis übernahmen und ihre Werke an den jeweiligen Aufführungskontext anpassten; Tartinis Schüler verbinden virtuose Geigenkunst mit einer klareren, gefühlvolleren Tonsprache, die musikalisch bereits den Weg zur Klassik weist. Damit wird Giuseppe Tartinis musikalische Werkstatt hörbar gemacht, die von Padua ausgehend bis in den hohen Norden Europas reichte.

Tartini hören

Die Violonistin Penelope Spencer stellt Tartinis Besonderheiten im Video vor: https://youtube.com/shorts/yF3lek3qT4w?si=oU47sl4JqmsadQce

Autor/in

Ein lächelnder Mann mit dunkler Brille, graubrauen Haaren und hellblauem Hemd unter einem blauen Reißverschluss-Pullover, vor grünen, blättrigen Sträuchern im Garten.

Berthold Over

Berthold Over ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Augsburg (Arbeitsbereich Musikwissenschaft) im internationalen Forschungsprojekt TartinianS in Europe. The School of Nations and its Networks, das an den Universitäten Augsburg und Graz sowie der Schola Cantorum in Basel angesiedelt ist.

Porträt einer lächelnden Frau mit schulterlangem braunem Haar, ohne Make-up, vor einer rauen Steinwand; sie trägt einen schwarzen Pullover und eine kurze, quadratförmige Perlenkette.

Andrea Zedler

Andrea Zedler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Augsburg (Arbeitsbereich Musikwissenschaft) im internationalen Forschungsprojekt TartinianS in Europe. The School of Nations and its Networks, das an den Universitäten Augsburg und Graz sowie der Schola Cantorum in Basel angesiedelt ist.

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