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Es war ein Moment, den man gerne als „once a lifetime“ bezeichnet: 2017 konnte das Deutsche Museum eines von nur zwei erhaltenen historischen Theremincelli erwerben. Bei den Recherchen im Vorfeld des Ankaufs stellte sich rasch heraus, dass über das von Leon Theremin (1896-1993) erfundene Instrument und dessen Geschichte wenig bekannt ist. Erfahren Sie im Folgenden mehr über meine Forschungen, die spannende Geschichten über den Erfinder, das Theremincello und die Frühzeit elektronischer Instrumente zutage förderten.

Cellist, Physiker und Tüftler Lev Termen

Lev Termen spielt das space-controlled Theremin.

Lev Termen, wie Leon Theremin ursprünglich hieß, gehört zu den schillerndsten Personen in der Geschichte der elektronischen Musik. 1896 in St. Petersburg geboren, studierte er Physik und Violoncello und entdeckte bei seinen Arbeiten mit Radiosendern im Polytechnischen Institut in St. Petersburg zufällig, dass er durch seinen Körper die Höhe von Tönen beeinflussen konnte. Dies war die Grundlage für sein „Aetherophon“, bei dem die Klänge aus der Luft zu kommen schienen: Beim Spielen wird es nämlich nicht berührt, sondern die Hände um zwei Antennen – eine für die Tonhöhe und eine für die Lautstärke – bewegt. Die richtigen Töne zu treffen, ist eine Herausforderung!

Termen zeigte das Instrument mit großem Erfolg in der Sowjetunion, in Westeuropa und in den USA, wo er von Ende 1927 an beinahe zehn Jahre lebte, die neuartigen Klänge und die Spielweise faszinierte die Menschen. In New York betrieb Theremin, wie er sich nun nannte, zusammen u.a. mit dem Börsenmakler Boyd Zinman, eine eigene Firma, Teletouch, in der er Musikinstrumente, aber auch Alarmanlagen, automatisch öffnende Türen und automatisch beleuchtete Schaufenster entwickelte. Neben dem bekannten, auch als „space controlled“ bezeichneten Instrument und dem bereits in der Sowjetunion erfundenen Theremincello entwickelte er Instrumente mit weiteren Interfaces wie z.B. ein Keyboard Theremin und das Terpsitone, das berührungslos mit dem gesamten Körper gespielt wird. Neben seiner Tätigkeit als Erfinder war er auch als Agent für die Sowjetunion tätig. 1938 verließ Theremin die USA unter nicht ganz geklärten Umständen und wurde in der Sowjetunion zunächst interniert und war dann bis zu seiner Rente 1964 für den KGB arbeitete. Er starb 1993 in Moskau.

„The Teletouch office-factory-laboratory [...] is a crazy place. Walk through a door and a shrieking alarm goes off. Touch a filing cabinet and another alarm goes off. Go to a mirror to set your tie and a light flashes behind the mirror so that you see, not your tie, but an advertisement. […] Vice President […] is so busy disturbing electromagnetic fields that he scarcely has time to play the Theremin.“
Fortune, 1935 (deutsche Übersetzung unten)

Das Instrument und seine Technik

Bei der Entwicklung des Theremincellos spielten Theremins Erfahrungen als Cellist und sein Wunsch, das Theremin mit einem einfacher zu bedienenden Interface zu versehen, eine Rolle.

Das Instrument im Deutschen Museum besteht aus einem Spielinterface, das das Griffbrett und die in einem kleinen Korpus untergebrachte Steuerungseinheit umfasst, sowie einem Koffer mit der tonerzeugenden Einheit, Verstärker und Lautsprecher. Die Tonhöhen werden nicht wie beim space-controlled Theremin durch Bewegen der Hände um eine Antenne erzeugt, sondern wie bei einem Violoncello auf dem Griffbrett gegriffen, weshalb das Instrument auch „Fingerboard Theremin“ heißt. Es gibt keinen Bogen, die Lautstärke wird über den Hebel am Korpus gesteuert. Mit den Drehreglern lassen sich verschiedene Klangfarben, die Grundlautstärke und die Feinstimmung einstellen.

Im Podcast „Geistermusik: Leon Theremin und das Theremincello“ erfahren Sie weitere Details über die Technik des Instruments.

Auf der Bühne: Das Theremincello im Einsatz

Im Konzert habe man ein „bedrohliches Brüllen“ gehört, berichteten die Zeitungen über ein Konzert des Philadelphia Orchestra im Dezember 1929, bei dem ein Theremincello zum Einsatz gekommen war. Dessen berühmter Leiter Leopold Stokowsky war bestrebt, die Möglichkeiten des Orchesters zu erweitern, und dachte dabei auch an elektronische Instrumente. Im Theremincello meinte er ein Instrument dafür gefunden zu haben. Das Instrument kam dann in Stokowskis Bearbeitung der berühmten Toccata und Fuge d-Moll von Johann Sebastian Bach zum Einsatz, gespielt von Carl Zeise, dem Cellisten des Orchesters. Doch überzeugte das Ergebnis nicht und das Theremincello wurde nicht mehr im Orchester eingesetzt.

In der Folge präsentierte Theremin das Theremincello in New York bei Vorführungen an verschiedenen, an aktuellen Entwicklungen interessierten Institutionen wie der progressiven „New School of Social Research“. Meist wurden hier Bearbeitungen klassischer Werke gespielt. Es war auch Teil des „Trio Electrio“, später Theremin Electro-Ensemble, das er 1931 gegründet hatte, um seine Instrumente zu promoten und das mit Unterhaltungsmusik auch im Radio auftrat. Das Theremincello war auch bei den beiden repräsentativen Konzerten beteiligt, die Theremin 1930 und 1932 in der Carnegie Hall in New York veranstaltete – beim zweiten sogar in einem Ensemble aus sechs Instrumenten. Die Kritiker lobten damals die dynamische Spannbreite und den ‚exzellenten Klang‘ des Instruments, das wie Holz- und Blechblasinstrumente klingen oder sogar ‚ein ganzes Orchester‘ ersetzen könne.

1933 wurde der bekannte Avantgarde-Komponist Edgar Varèse, der eine Erweiterung des Instrumentarium anstrebte und stets auf der Suche nach neuen Klängen war, auf Theremin aufmerksam. Für Varèses Werk „Ecuatorial“ baute Theremin zwei Theremincelli. Für den Komponisten war den besonderen Klängen und der Möglichkeit von Glissandi vor allem deren in der Höhe bis 12.544 Hz, also eine Duodezime über den des Klaviers und der Violine hinausreichender,  Tonumfang von Interesse.

Für eine Aufführung von „Ecuatorial“ in Buffalo wurde vor zwanzig Jahren, 2004, übrigens das Theremincello, das sich heute im Deutschen Museum befindet, von dem amerikanische Instrumentenbauer Floyd Engels nachgebaut. Der amerikanische Cellist Jonathan Golove spielt einen dieser Nachbauten und gibt so einen Eindruck von dessen Klang.

Jonathan Golove spielt auf einem von Floyd Engels gefertigten Nachbau des Instruments, das sich heute im Deutschen Museum befindet, die Vocalise von Sergei Rachmaninoff, 2012.

Rarität und Meisterwerk der Sammlung

Es ist etwas ganz besonderes, ein „Once a lifetime“-Moment, dass das Deutsche Museum ein so seltenes Instrument wie ein historisches Theremincello erwerben konnte, das von den vielfältigen Ideen und Entwicklungen von Leon Theremin und der Frühzeit der elektronischen Musik zeugt. Theremin hat, wie die Recherchen ergaben, im Lauf der Zeit mindestens sieben verschiedene Formen des Theremincello entwickelt, häufig in Zusammenarbeit mit Musikern oder Komponisten, die letzte in den 1960er Jahren in Moskau. Insgesamt dürften mehr als zwanzig Exemplare entstanden sein. Erhalten sind von diesen nach derzeitiger Kenntnis jedoch nur zwei: das Instrument, das sich nun im Deutschen Museum befindet, und ein weiteres, das im National Music Museum in Vermillion, SD, in den USA verwahrt wird.

Das Theremincello können Sie in der Ausstellung Musikinstrumente auf der Museumsinsel besuchen. Dort finden Sie auch eines der ältesten deutschen Theremine, das 1929 für das Deutsche Museum von der Dresdner Firma Koch & Sterzel gebaut wurde.

Und an einem Modell des „space-controlled“ Theremin können Sie in der Ausstellung selbst aktiv werden. Der bekannte Physiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch hat dies bereits getan und zählt es zu seinen Lieblingsobjekten im Deutschen Museum.

Leschs Lieblinge – Das Theremin

Der bekannte Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch stellt das Theremin in der Ausstellung Musikinstrumente vor, erklärt wie dieses ganz besondere Musikinstrument funktioniert und wer es erfunden hat.

Die Geschichte als Podcast hören

Hören Sie in unserem Podcast mehr dazu, wie der russische Cellist, Physiker und Tüftler Leon Theremin eines der ersten elektronischen Instrumente der Welt entwickelt hat. Unsere Host Lisa-Sophie Scheurell trifft Silke Berdux, die ihr zu allen Fragen rund um das Theremincello und seinen Erfinder Rede und Antwort steht.

Spannende Storys hören

Literatur und Quellen

Autor/in

Silke Berdux

Silke Berdux hat Musikwissenschaft, Neuere Geschichte, Anglistik und Ethnologie studiert und ist Kuratorin für Musikinstrumente. Einer der Schwerpunkte der Musikwissenschaftlerin liegt in der Erschließung und Vermittlung der Sammlung. 

Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Der Zwitscherautomat von 1859 in der Musikausstellung zeigt einen Baum auf dem sich mehrere Vögel befinden. Es ist faszinierend wie naturgetreu die Stimmen und Bewegungen der Vögel vom Pariser Automatenbauer Blaise Bontemps nachempfunden wurden.

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