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Martin Roemers (63) ist ein niederländischer Fotograf, der bereits zweimal beim World Press Photo Award ausgezeichnet wurde (2006 The Never-Ending War, 2011 Metropolis). Er ist bekannt für Langzeitprojekte, die sozialen Wandel abbilden. Wir haben mit ihm über sein neuestes Werk, „Homo Mobilis“, gesprochen. Darin zeigt er Menschen mit ihren Fahrzeugen in acht verschiedenen Ländern, die mit wenig Text viel über Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit aussagen.

Wenn Sie auf das Projekt zurückblicken, welches Bild kommt Ihnen als erstes in den Sinn?

Martin Roemers: Für mich persönlich sind die wichtigsten Bilder die von den Menschen, die in ihren Autos leben. Immer, wenn ich in den USA bin, sehe ich viele wohnungslose Menschen. Das regt mich auf. Nicht, weil sie auf der Straße sind, sondern weil es in so einem reichen Land überhaupt keine Hilfe von der Regierung gibt. Deswegen wollte ich diese Personengruppe unbedingt mit einbeziehen. Sie sind sehr zugänglich, leider kommen sie oft nicht zum vereinbarten Shooting.

Sie haben 160 Fahrzeuge mit ihren Besitzerinnen und Besitzern fotografiert. Wie findet man so viele Leute, die mitmachen?

Ich habe da zwei Ansätze. Einer ist eher zufällig: Mein Team und ich bauen unser mobiles Studio irgendwo auf, auf dem Parkplatz eines Kaufhauses zum Beispiel. Dann schaue ich einfach, wer vorbeikommt, wer interessant ist oder ein spannendes Fahrzeug hat. Der andere Ansatz ist gezielter. Da gehen wir speziell an Orte, wo wir glauben, dass wir eine gewisse Gruppe an Menschen oder Fahrzeugen finden können; ein Beispiel ist die LGBTQ+ Community. Wir sind in ein bekanntes queeres Viertel gegangen, West Hollywood in Los Angeles, und haben einfach Pärchen auf der Straße angesprochen, ob sie mitmachen. Generell sind viele offen dafür, auch wenn sie anfangs oft etwas zögerlich sind.

Sind Ihnen irgendwelche verrückten Fahrzeuge begegnet?

Ja, das von Herrn Suresh zum Beispiel. Einmal fuhren wir durch Bengaluru in Indien, als wir einen lilafarbenen Tata am Straßenrand sahen. Er hatte einen Garten auf dem Dach. Ich war fasziniert, also haben wir den Besitzer gesucht. Es stellte sich heraus, dass Herr Suresh Anwalt ist, aber auch Klimaaktivist. Mit dem Garten auf dem Dach will er seinen CO2-Fußabdruck verringern. Er meint, jedes Fahrzeug sollte einen Garten haben. Und er will, dass man seinem Beispiel folgt. Seine „Grüne Revolution“ hat noch keine Anhänger, aber das Statement finde ich großartig.

Sie sagen „Man ist, was man fährt“ - im sozialen Sinne. Welches Auto fahren Sie?

Ich habe einen sehr praktischen schwedischen Kombi, einen Volvo. Als Fotograf brauche ich ein großes Auto, ich habe ja immer eine Menge Equipment dabei.

Woher kam die Idee zum weißen Hintergrund der Fotos?

Als ich für mein Projekt „Metropolis„ in Indien war, habe ich mich gefragt, was passieren würde, wenn man ein Auto aus seiner natürlichen Umgebung herausnimmt. Ein paar Jahre später habe ich ein interessantes Auto gesehen, das vor einem Teppichladen in Mumbai stand. Es war überall beschrieben und wurde als Werbetafel genutzt. Ich habe schnell eine Location und den weißen Hintergrund organisiert. Ich wollte das Auto unbedingt von der Umgebung isolieren. Das fertige Bild hat mich in dem Konzept bestätigt. Ein halbes Jahr später bin ich mit dem Team nach Indien zurückgekehrt, und dann ging es richtig los mit dem Projekt.

Für das Projekt brauchen Sie ein mobiles Studio. Wie reist man mit so einer Konstruktion?

In Europa nutze ich mein eigenes Auto, da passen alle Gestelle rein. In Ländern wie Indien oder Senegal kann ich sowas aber nicht mieten. Also haben wir Schmiede angeheuert, die uns dort eine entsprechende Konstruktion bauen: zwölf Meter lang, sechs Meter hoch. Die Teile passen in einen Van, wir brauchen aber fünf bis zehn Leute, um alles aufzubauen. Dafür heuern wir Menschen aus der Umgebung an. Man braucht ein paar Stunden dafür.

Sie haben schon mal ein Auto-Projekt gemacht - damals haben Sie die letzten Produktionstage des Trabants begleitet.

Ich wollte die Industriekultur der DDR dokumentieren. Der Trabant hat sich angeboten. Er ist ein Symbol der DDR und international bekannt. Also bin ich in die Fabrik in Zwickau gefahren und habe dort die letzten Tage miterlebt. Es ging mir aber mehr um den kulturellen Aspekt als um das Auto selbst. Die Ausstellung war auch 2009 hier im Verkehrszentrum zu sehen.

Woher kommt bei Ihnen die Leidenschaft, Autos zu fotografieren?

Als Kind fand ich Autos klasse. Diese Begeisterung ist mit der Zeit verblasst. Als ich für „Metropolis„ in den Megastädten gearbeitet habe, sind mir natürlich viele Autos untergekommen - und das Interesse kam zurück. Diesmal aber mit einem anderen Blickwinkel, etwa: „Was kann ein Fahrzeug uns über Gesellschaft und Kultur erzählen?„ Der Grund, warum ich „Homo Mobilis“ gemacht habe, ist, dass sich in der Mobilitätskultur gerade vieles ändert. Es ist eigentlich ein Projekt über den Wandel der Gesellschaft.

Auf einem Bild ist ein kleiner Hund zu sehen, der Männchen macht. Wie schwer ist es, Haustiere zum Posieren zu bringen?

Meine Assistenten versuchen während des Shootings, die Tiere zu unterhalten. Es dauert ewig, bis man sie in die richtige Position bekommt. Definitiv eines der schwersten und zeitintensivsten Dinge, die man fotografieren kann. (lacht)

„Homo Mobilis – Mensch & Mobil" ist noch bis 31. Oktober 2026 auf der Galerie in der Halle III des Verkehrszentrums zu sehen.

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Autor/in

Bianca Klein

Bianca Klein absolviert ein Praktikum in der Abteilung Presse- & Öffentlichkeitsarbeit im Deutschen Museum. Dabei lebt und studiert sie eigentlich in Graz.

Ihr Lieblingsort im Deutschen Museum ist die Ausstellung “Bild Schrift Codes” – vor allem wegen der Schreibmaschinen und der Kalligrafie-Station. Hier könnte sie Stunden verbringen. Praktisch also, dass ihre anderen Museums-Highlights direkt nebenan liegen: Die Ausstellung “Foto und Film” und die “Raumfahrt”.

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