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Melli Beese war die erste deutsche Pilotin - zu einer Zeit als die Fliegerei für  Frauen aufgrund gesellschaftlicher Konventionen schwer zugänglich war. Eine Bronzefigur, von Beese erschaffen, erzählt mehr über ihre Lebensgeschichte.

Mit einem Gewicht von 2 kg und den Objektmaßen 145x170x12,5 mm (HxBxT) wirkt der Bronzeguss auf den ersten Blick recht unauffällig. Dargestellt ist ein Frauenakt, der verträumt einen auf dem Boden sitzenden Frosch betrachtet. Wer aber genauer hinschaut, erkennt die Initialen „MBeese“ auf der rechten Ecke der Bodenplatte. Dieses Objekt erzählt also einen spannenden Teil der Lebensgeschichte von Melli Beese, der ersten deutschen Pilotin.

Bevor die berühmte Fliegerin in der Luftfahrt Fuß fasste, studierte sie von 1906 bis 1909 an der Königlichen Akademie der Freien Künste in Stockholm Bildhauerei. Für Frauen war in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg eine Ausbildung in diesem Fach nicht möglich. Erst an der Wende zum 20. Jahrhundert eröffneten sich neue Arbeitsfelder und Zugänge zum Studium. Kennzeichnend für die Stellung der Frau aller sozialen Schichten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war ihre wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit vom Mann (Ehemann, Vater, Bruder oder Vormund). Der weitere Lebensweg von Melli Beese sieht vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund völlig untypisch aus. So konnte Beese mit Unterstützung ihres Vaters in Stockholm eine eigene Atelierwohnung mieten. Ihre bildhauerischen Arbeiten erreichten große Anerkennung und einige Auszeichnungen. Die Skulptur des weiblichen Aktes gehörte wohl zu einer Gruppe bildhauerischer Arbeiten von Beese, die den Titel „Kampf um die Fahne“ trug.*1

Weitere Informationen zur Bedeutung dieser Figur sind herzlich willkommen!

Zugang ans Deutsche Museum

Die von Melli Beese geschaffene Figur fand ihren Weg ans Deutsche Museum als Dauerleihgabe der Familie Nixtatis, mit der Intention:

„Die Skulptur würde eventuell gut in die Ausstellung passen, da es die besonderen Talente dieser außergewöhnlichen Frau unterstreicht.“
Uwe Nixtatis

Die Skulptur ist ein Familienerbstück, welches Uwe Nixtatis 2021 von seiner Mutter Christel Zeuch geerbt und nun an seinen Sohn Patrick vermacht hat.

Der Großvater von Uwe Nixtatis hatte die Bronze um das Jahr 1938 aus seiner Firma mitgebracht. Die „Zeuch Generatoren G.m.b.H“ fertigte Holzgasgeneratoren für Fahrzeuge sowie Warmluftheizungen für Gewerbe und Industriehallen. Der Großvater sammelte zu jener Zeit Skulpturen aus Bronze und bekam die Beese-Figur als Geburtstagsgeschenk von einem Geschäftspartner, Kunden oder Lieferanten. Kurz vor der Besetzung durch die Alliierten floh die Familie 1945 aus Berlin nach Bayrischzell und konnte dabei die meisten Kunstgegenstände mitnehmen, samt der Beese-Bronze. Nach dem Tod des Großvaters 1957 ging die Statue in den Besitz seiner Tochter Christel Zeuch über.

Pilotinnen der frühen Luftfahrt

Die Bronzeskulptur inspirierte das Luftfahrt-Team sich intensiver mit den Pilotinnen der frühen Luftfahrt zu befassen und sich mit der Thematik in der Ausstellung auseinanderzusetzen. Herausgekommen ist eine Vitrine, die von unserem hauseigenen Grafiker André Judä gestaltet wurde und nun in der Dauerausstellung der Flugwerft Schleißheim zu sehen ist.

Im Mittelpunkt der Pilotinnen-Vitrine stehen die ersten drei Motorfliegerinnen in Deutschland: Melli Beese (*13.9.1886 in Laubegast bei Dresden; † 21.12.1925 in Berlin), Charlotte Möhring (*31.3.1887 in Pankow; † 19.10.1970 in Berlin) und Martha Behrbom (*6.10.1888 in Schwerin; † Todesdatum unbekannt). Sie besaßen seit Gründung der ersten Flugschulen 1909 bis zum Ersten Weltkrieg 1914 eine Lizenz als Flugzeugführerin und schafften es trotz aller Widrigkeiten ihren Lebensweg innerhalb der Luftfahrt erfolgreich zu bestreiten. Der Zugang zur Fliegerei wurde Frauen aufgrund gesellschaftlicher Konventionen erheblich erschwert. Gelang es ihnen persönlich, sich von weiblichen Rollenvorgaben zu befreien, sahen sie sich nicht selten mit neuen Hindernissen konfrontiert: Flugschulen verweigerten die Aufnahme von Schülerinnen, sie erhielten keine Starterlaubnis oder es wurden sogar Anstrengungen unternommen, Frauen generell vom Luftverkehr auszuschließen.

Es ist zu vermuten, dass sich neben den drei bekannten lizensierten Fliegerinnen in Deutschland eine Reihe weiterer Frauen befanden, u.a. Tony Werntgen (*25. April 1875 in Ruhrort; † 5. Januar 1954 in Bingen am Rhein)*2. Sie engagierten sich neben der Konstruktion und dem Bau von Flugzeugen auch für die Durchsetzung der Luftfahrt allgemein und waren eventuell auch fliegerisch tätig, ohne allerdings eine formale Ausbildung durchlaufen oder eine offizielle Flugprüfung abgelegt zu haben.*3 Somit stehen die drei deutschen Pilotinnen stellvertretend für alle Pilotinnen weltweit, die einen wichtigen Anteil innerhalb der Luftfahrtgeschichte haben und deren Leistungen mehr gewürdigt werden sollten. 

Quellen

  • *1 Livia Käthe Wittmann, Barbara Zibler: Melli Beese und die „Flügel am Horizont“. Die Geschichte der ersten Deutschen Pilotin, trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, Berlin 2009, S. 26
  • *2 Paul Wirtz, Ernst Probst: Tony und Bruno Werntgen. Zwei Leben für die Luftfahrt. GRIN, München 2011
  • *3 Evelyn Zegenhagen: „Schneidige deutsche Mädel“. Fliegerinnen zwischen 1918 und 1945, Wallstein Verlag, Göttingen 2007, S. 109-110 (Absatz)

Falls Sie weitere Informationenzur Bedeutung der Bronzefigur haben, schreiben Sie uns eine Mail.

Weiterführende Links

Die Pilotinnen-Vitrine in der Flugwerft Schleißheim

Die Vitrine zu den Pilotinnen der frühen Luftfahrt ist ausgestellt in der Flugwerft Schleißheim, im Bereich zwischen Historischer Werfthalle und Neuer Ausstellungshalle. Vom Lilienthal-Gleiter bis zum Eurofighter, vom Flugboot bis zur Rakete: In unserem Zweigmuseum in Oberschleißheim, ca. 15 km vom Haupthaus auf der Museumsinsel entfernt, erzählen etwa 70 Flugobjekte, dazu Motoren und Modelle, Luftfahrtgeschichte. Wir freuen uns auf Ihren Besuch.

Mehr zum Besuch der Flugwerft Schleißheim

Noch mehr Frauen der Luftfahrt – coming soon!

Von den Anfängen der Ballonfahrt bis zu heutigen Düsenflugzeugen haben Frauen eine wichtige Rolle innerhalb der Luftfahrt gespielt.

In unserer Museums-App erscheint demnächst ein Quiz, das sich mit einigen erfolgreichen Frauen der Luftfahrt beschäftigt.

Autor/in

Tatjana Dietl

Tatjana Dietl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Luftfahrt und arbeitet derzeit an der Neugestaltung der Ausstellung „Historische Luftfahrt bis 1918“.

Ihr Tipp – In der Ausstellung Historische Luftfahrt in der Galerie ( Ebene 1+) eröffnen wir demnächst ein neues Mitmach-Highlight: den Segelflugsimulator.  Bald kann man im Rahmen einer Vorführung im Simulator Platz nehmen und für einige Minuten selbst zum Segelflieger werden!

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