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Melli Beese – Eine Pilotin, die Luftfahrtgeschichte schrieb (Teil 1)

Von Tatjana Dietl
Der Menschheitstraum von der Eroberung des Luftraumes, wurde nicht nur von männlichen Pionieren gemeistert. In der frühen Entwicklungsphase der Luftfahrt wurden auch einige Frauen von der Aufbruchsstimmung und „Höhensehnsucht“ erfasst. Eine Hinwendung zur Luftfahrt bedeutete für die Pilotinnen des 19. Jahrhunderts in der Regel eine erklärte Absage an die ihnen gesellschaftlich zugedachten Lebensentwürfe als Ehefrau und Mutter. Immer mehr Frauen erhoben den Anspruch, sich an Kunst, Literatur, Wissenschaft und Technik beteiligen zu wollen und strebten autonome Lebensformen an. Diese neuen Wege konnten allerdings nur Frauen gehen, die finanziell die dazu nötigen Spielräume hatten. Die meisten frühen Pilotinnen waren gut ausgebildet und finanziell durch ihre Familien abgesichert. Eine Frau im Cockpit war in den frühen Jahren der Luftfahrt nach 1900 folglich eine Sensation oder sogar ein Skandal. Umso bemerkenswerter ist die Geschichte der ersten deutschen Pilotin Amelie Hedwig Boutard-Beese, besser bekannt unter ihrem Rufnamen Melli Beese.
„Ich wollte fliegen lernen! – das war auch alles, von dem ich wusste, dass ich es wollte…“ *
Beese wurde am 13. September 1986 im Dorf Laubegast geboren, damals ein Vorort von Dresden. Sie wuchs mit drei Geschwistern in wohlhabenden Verhältnissen des gehobenen Mittelstandes auf. Ihre die Mutter war die Tochter eines Radeberger Stadtrates und Bäckereibesitzers und der Vater ein namhafter Architekt und Baumeister. Beese studierte ab Herbst 1906 bis 1909 an der Königlichen Akademie der Freien Künste in Stockholm Bildhauerei. In Deutschland gab es für Frauen vor dem Ersten Weltkrieg noch keine Ausbildung in diesem Fach. Ihre bildhauerischen Arbeiten erreichten große Anerkennung, aber ihre Leidenschaft galt dem Hochseesegeln und Fliegen. Fasziniert verfolgte sie die Nachrichten von den ersten Flugversuchen in aller Welt. 1909 kehrte sie nach Deutschland zurück und besuchte im Herbst 1910 am Technikum Dresden (heute „Technische Universität“) als externe Hörerin Vorlesungen in Mathematik, Mechanik, Schiffbau und Flugmechanik. Doch wollte sie die Flugzeuge nicht nur vom Boden aus betrachten, sondern sich auch selbst in die Lüfte erheben. Ihr Vater finanzierte die Flugausbildung, die sie im selben Jahr auf dem Motorflugplatz in Berlin Johannisthal begann. Dieser Flugplatz wurde im September 1909 als erster unternehmerisch geführter Flugplatz und, nach dem August-Euler-Flugplatz in Darmstadt, als zweiter Motorflugplatz in Deutschland eröffnet.
„Nun war ich plötzlich da, und felsenfest davon überzeugt: in wenigen, vielleicht zwei, spätestens drei Wochen würde ich, sportlich trainiert, wie ich war, hoch über allem Sterblichen meine Kreise ziehen…“ *

Der schwierige Weg zur Pilotin

Doch ganz ohne Bruchlandung verlief auch die Ausbildung von Melli Beese nicht. Bereits einer der ersten Übungsflüge brachte sie mit Knochenbrüchen ins Krankenhaus. Schmerzen waren aber kein Grund zum Aufgeben. Vielmehr lagen ihre größten Probleme nicht an den Flugkünsten oder an den zerbrechlichen Flugzeugen. Von Anfang an musste sich Beese gegen den Widerstand der Männer und die gesellschaftlichen Grenzen weiblicher Selbstbestimmung durchsetzen, in einer Zeit vor gut 100 Jahren, in der Frauen im deutschen Kaiserreich kein Wahlrecht hatten und auch nur bedingt geschäftsfähig waren. Beeses Ausbildung zur Pilotin zog sich über Monate hin. Alle männlichen Schüler wurden ihr vorgezogen, und schaffte sie es doch einmal hinters Steuer, hatte das Flugzeug meist einen Defekt. Einmal wurde ihr kurz vor dem Start das Benzin aus dem Tank gelassen, ein anderes Mal wurden die Tragflächen gelockert. Ihr Fluglehrer bei den Rumpler-Werken in Berlin Johannisthal war ab Juli 1911 der bekannte Flugpionier und Konstrukteur Hellmuth Hirth. Er hatte generelle Vorbehalte gegen die Ausbildung von Frauen zu Pilotinnen und schrieb dazu: „Der Unterricht von Damen als Flugschülerinnen hat seine Schattenseiten (…) wie in allen Berufen, die gelegentlich die physischen Kräfte eines Mannes erfordern, glaube ich nicht, dass auf den heutigen Flugzeugen die Frauen etwas Großes leisten werden. Die ganze Sache wird von ihnen lediglich als Sensation aufgefasst und dient dem Publikum nur zur Belustigung.“ (Helmuth Hirth, 1913, „20.000 Kilometer im Luftmeer“).
Doch Melli Beese, technisch begabt, hartnäckig und entschlossen, lies sich nicht von ihrem großen Traum abbringen. Am 13. September 1911, ihrem 25. Geburtstag, nutzte sie die Gunst der Stunde, während ihre missgünstigen Mitstreiter abwesend waren. Sie organisierte sich externe Zeugen und absolvierte unbemerkt in den frühen Morgenstunden ihre Pilotenscheinprüfung. Damit war sie die erste Pilotin Deutschlands! Ihre „Flugzeugführerlizenz“ trug die Nummer 115, das heißt, sie war der 115. Mensch, der in Deutschland offiziell ein Flugzeug fliegen durfte. Im Jahr zuvor hatten die Französinnen Thérèse Peltier, Raymonde Laroche, Marie Marvinght, Marthe Niel und die Belgierin Hélène Dutrieu ihre Pilotenlizent erhalten. Die nächste Frau, die in Deutschland das Examen ablegte, war mit der Nr. 274 am 16. August 1912 die russische Fürstin Eugenie Schakowskoy, ihr folgte mit Nr. 285 am 7. September 1912 Charlotte Möhring aus Berlin-Pankow. Mit Martha Behrboom Nr. 427 am 4. Juni 1913 und Else Haugk Nr. 785 am 6. Juni 1914 sind das auch schon alle Frauen, die in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg den Pilotenschein erwarben. Weltweit gab es 34 Pilotinnen mit Flugberechtigung. Neben diesen lizenzierten Fliegerinnen gab es jedoch noch zahlreiche weitere Frauen, die sowohl fliegerisch tätig als auch bei der Konstruktion und dem Bau von Flugzeugen beteiligt waren.
„Zum ersten Male Leben und Tod in der eigenen Hand – in Unmittelbarkeit, wie es bei keinem anderen Sport der Fall ist!“ *
Zwei Wochen nach der erfolgreichen Flugprüfung nahm Melli Beese bereits an den Johannisthaler Herbstflugwochen teil. Hier gelang ihr der Durchbruch: Sie belegte mit ihrer Rumpler-Taube unter 24 Teilnehmern den fünften Platz. Zudem stellte sie einen neuen Höhen- und Dauerflugweltrekord für weibliche Piloten mit Passagier auf, als sie eine Höhe von 825 Metern erreichte und zweieinhalb Stunden in der Luft blieb.
„Ich konnte kein Ende finden – immer wieder ließ ich die Maschine steigen, fallen, wieder steigen, nach links herum schwenken, in immer engeren Kurven.“ *

Unternehmerin und Flugzeugkonstrukteurin

Beeses Laufbahn im aktiven Flugsport scheint im Mai 1912 ein Ende gefunden zu haben. Sie widmete sich stattdessen einer anderen Leidenschaft und machte diese zum Beruf. Zusammen mit dem französischen Piloten Charles Boutard, den sie im Jahr darauf heiratete, gründete sie am 2. Januar 1912 ein eigenes Luftfahrtunternehmen, die „Flugschule Melli Beese GmbH”. Buchhalter Moritz Lengenfeld und Aviatiker Hermann Reichelt waren weitere Teilhaber des Unternehmens auf dem Flugplatz Johannisthal. Finanziell unterstütze sie Karl August Lingner, der Erfinder des Mundwassers Odol. Sie entwarf einen neuen effektiveren Unterrichtsplan, der den SchülernInnen eine schnelle Ausbildung ermöglichte und ihnen zum ersten Mal theoretische und praktische Arbeit (Reparatur am Flugzeug) beibrachte. Die Qualität ihrer Ausbildung sprach sich schnell herum und bescherte der jungen Firma genügend Schüler und auch Schülerinnen, um davon leben zu können. Beese kümmerte sich zunehmend um die technische Weiterentwicklung der selbst produzierten Flugzeuge vom Typ „Taube“ und erhielt mehrere Patente auf ihre Konstruktionen zugesprochen.
Für die Ausbildung der Flugschüler war die „Taube“ bestens geeignet. Die Taube, ein Flugzeug des österreichischen Konstrukteurs Igo Etrich, war ein Eindecker, bei dem Fluglehrer und Schüler hintereinander saßen. Beese baute als erste nach den Rumpler-Werken in Deutschland die Taube nach, die hier nicht patentrechtlich geschützt war. Neben Schulflügen wurden die „Melli-Beese-Tauben“ auch zum Preis von 12.000 Mark angeboten, die Rumpler-Taube von Edmund Rumpler kostete stolze 20.000 Mark. Dabei hoffte Beese auch auf einen größeren Auftrag, der eigentlich nur vom Militär kommen konnte, da mittlerweile alle großen Militärstaaten Luftfahrzeuge unter ihre Kriegsmittel aufgenommen hatten.
Welchen Wendepunkt bringt der Beginn des ersten Weltkriegs für Melli Beese und ihre Flugschule?
Die Fortsetzung folgt im zweiten Teil der Lebensgeschichte von Deutschlands erster Pilotin.
* Zitate von Melli Beese aus ihren Erinnerungen „Unser Flugplatz in memoriam“, die 1921 in der Zeitschrift „Der Luftweg“ in Fortsetzung erschienen sind.
Die Pionierin Melli Beese und die „fliegenden Frauen der frühen Luftfahrt“ werden Teil der neuen Dauerausstellung „Historische Luftfahrt bis 1918“, deren Konzepterarbeitung gerade läuft. Wenn Sie Exponate oder interessante Hinweise zu Melli Beese haben, freuen wir uns über Ihre Nachricht an:
t.dietl@deutsches-museum.de

Herzlichen Dank für die Unterstützung an:

  • Barbara Waibel, Archivleiterin Luftschiffbau Zeppelin GmbH. Gemeinsam mit Heike Vogel betreuten sie die Ausstellung „Die Schwestern des Ikarus: Frau und Flug“, die 2004 am Zeppelin Museum Friedrichshafen gezeigt wurde.
  • Brigitte Hadyk, Archiv Museen Treptow-Köpenick. Die Dauerausstellung im Berliner Museum Treptow „Aus 200 Jahren Treptower Geschichte“ widmet sich zahlreichen Themen rund um den Flugplatz Johannisthal und erinnert an die Pilotin Melli Beese.
  • Dr. Maria Hermes-Wladarsch, Kuratorin der Wanderausstellung „Fliegen zwischen Traum und Wirklichkeit. Weibliche Piloten in der Geschichte der Luftfahrt“, die vom 24. Februar – 21. Mai 2017 als Sonderausstellung in der Flugwerft Schleißheim gezeigt wurde.
Tatjana Dietl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Luftfahrt und arbeitet derzeit an der Neugestaltung der Ausstellung „Historische Luftfahrt bis 1918“.

Autor/in

Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.