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Teil 1: Mit dem Dampfschiff „Luitpold“ über den Blaubergsee

Damit fing alles an: Kürzlich flatterte eine Ansichtskarte auf meinen Schreibtisch. Auf ihr ist das britische Luftschiff R34 zu sehen, das 1919 als erstes den Atlantik überquerte. Gesendet wurde sie mir von meinem Kollegen Yannik Scheurer vom Zeppelin Museum in Friedrichshafen am Bodensee.

Aber was hat das nun mit Erika Mann und einem Dampfschiff zu tun? Habe noch etwas Geduld, liebe*r Leser*in. Die Vernetzung hat längst begonnen…

Vernetzung der Welt

In der dort noch bis zum 3. Mai 2020 laufenden Ausstellung „Vernetzung der Welt. Pionierfahrten und Luftverkehr über den Atlantik“ anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der ersten Nordatlantiküberquerung mit einem Luftschiff kann man in den Ausstellungsräumen eines von vier Ansichtskartenmotiven auswählen, die Karte beschreiben und sie dann vor Ort in einen Briefkasten von Südmail werfen, damit sie dem Adressaten zugestellt wird. So ging Vernetzung vor 100 Jahren. Eine ähnliche Aktion gab es 2018 auch in der Kunsthalle in Bremen in der Ausstellung „Hans Christian Andersen. Poet mit Feder und Schere“. Dort konnte man eine Ansichtskarte mit einem von Andersens Scherenschnitten vor Ort versehen, was von den Besucher*innen ebenfalls rege getan wurde. In Zeiten von WhatsApp und SMS ist das eine schöne analoge Idee für eine Hands-On-Station im Museum.

Doch damit nicht genug: Der Kollege aus dem Zeppelin Museum wünschte sich von mir ein Foto von der Ansichtskarte am Ankunftsort. Fotos mit Ansichtskarten aus ganz Deutschland und sogar Brasilien oder Kanada hat das Zeppelin Museum bereits erhalten. Nun brachte ich den Zeppelin R 34 auf der Karte zu unserer Zeppelin-Bugspitze des L 127 „Graf Zeppelin“ und schickte das Foto dem Kollegen.

Dann schrieb ich eine Karte mit einem Motiv des Deutschen Museums an das Zeppelin Museum: Auf ihr ist ein unter dem Rasterelektronenmikroskop vergrößertes Bärtierchen abgebildet. Dieses kann man sich zusammen mit anderen Winzlingen im Mikroskopischen Theater des Deutschen Museums ansehen. Die Vernetzung klappte, denn kurze Zeit später bekam ich ein Foto zurück, das zeigt, wie Winziges und Riesiges in Museen zusammenfindet: Das Bärtierchen besucht das Luftschiff LZ129 „Hindenburg“ in Friedrichshafen.

Ein paar Tage nach Ankunft der Karte aus Friedrichshafen wurde an unser Team Deutsches Museum Digital die Anfrage gerichtet, ob wir nicht an der digitalen Vernetzungsaktion „Erika Mann: Anstand, Freiheit, Toleranz │#Erika Mann“ teilnehmen möchten, die vom 16. bis 27. März 2020 läuft. Sie findet im Rahmen der Ausstellung „Erika Mann. Kabarettistin – Kriegsreporterin – politisches Rednerin“ statt, die noch bis 30. Juni 2020 in der Monacensia im Hildebrandhaus in München zu sehen sein wird. Die Vernetzungsaktion richtet sich an Kulturinstitutionen, um auf Themen wie Demokratie, Frauenrechte etc. aufmerksam zu machen und für eine offene Gesellschaft einzutreten.

Nur worüber könnte man da schreiben? Was hat Erika Mann denn mit dem Deutschen Museum und seinen Objekten zu tun, außer dass beide aus München sind? Und wie kommt man von dort zu den Themen Anstand, Freiheit, Toleranz?

Erika Mann (1905–1969), älteste Tochter von Thomas Mann (1875–1955) war während des Zweiten Weltkriegs als Kriegsberichterstatterin für die BBC tätig, nachdem sie 1933 ins Exil gegangen war. Zuvor erwarb sie Mechanikerkenntnisse und nahm 1931 als Rennfahrerin mit ihrem Beifahrer Richard „Ricky“ Hallgarten (1905–1932) an einer Rallye über 10.000 Kilometer quer durch Europa teil, die sie in 10 Tagen absolvierte und gewann. Ein Vorbild nicht nur für andere Frauen also.

Sie verfasste aber auch mehrere Kinderbücher. Auf ihrem ersten Buch ist ein Junge abgebildet, der auf dem Boden sitzt und einen über ihm schwebenden Zeppelin betrachtet. Die Illustrationen stammen von Manns Rallye-Beifahrer Ricky Hallgarten. Als ich das Cover sehe, fällt mein Blick wieder auf die Ansichtskarte mit dem Zeppelin auf meinem Schreibtisch. Das Buch werde ich mir doch einmal genauer ansehen!

Zum Thema starke, unabhängige Kinderbuchautorin fällt mir gleich die schwedische Autorin Astrid Lindgren (1907–2002) ein. Sie war seit 1940 beim Schwedischen Nachrichtendienst in der Abteilung Briefzensur tätig. In ihren posthum im Jahre 2015 veröffentlichten Tagebüchern aus dieser Zeit, „Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939–1945“, schildert sie die tägliche Situation während des Zweiten Weltkriegs im vermeintlich politisch neutralen Schweden. Seit 1941 erzählte sie ihrer kranken Tochter Karin von Pippi Langstrumpf, dem mutigen Mädchen, das sich von den Erwachsenen nichts sagen lässt. 1944 schrieb sie die Geschichten dann auf, die 1945 erstmals erschienen sind. Bis 2019 wurden die „Pippi“-Bücher in 77 Sprachen übersetzt. In ihren Büchern versuchte sie stets, Kinder stark zu machen für das Leben in all seinen Schattierungen. 1978 erhielt sie für ihre Arbeit den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Im Vergleich mit Astrid Lindgrens Werken nimmt sich Erika Manns Beitrag zum Genre Kinderbuch zwar bescheidener aus: Im Herbst 1932 – wenige Monate vor ihrer Flucht ins Exil – veröffentlichte sie das Kinderbuch „Stoffel fliegt übers Meer“ bei Levy & Müller in Stuttgart, sechs weitere Kinderbücher sollten folgen. Der „Stoffel“, den sie für ihre jüngeren Geschwister schrieb, erlebte jedoch rasch 10 Auflagen, wurde mit Erich Kästners erfolgreichem Kinderbuch „Emil und die Detektive“ verglichen, in viele Sprachen übersetzt und erschien 1953 in einer Neuausgabe. Das Manuskript „Stoffel fliegt übers Meer. Novelle in 12 Kapiteln“ wird im Literaturarchiv im Erika-Mann-Archiv der Stadtbibliothek München / Monacensia aufbewahrt (Sign. L 1374) und kann digital durchblättert werden. Auch Erikas Vater Thomas und ihr Onkel Heinrich Mann haben übrigens mehrere Kinderbücher verfasst, was heute kaum noch bekannt ist.

In Erika Manns noch heute aufgelegtem Buch werden die Erlebnisse und Abenteuer des 10-jährigen Jungen Christoph Bartel, genannt Stoffel erzählt, der mit seinen Eltern am fiktiven Blaubergsee – einer Mischung aus Starnberger See und Bodensee – lebt. Sein Vater ist Fischer, seine Mutter betreut eine Badeanstalt. Während er in der schwedischen Ausgabe von 1932 („Stoffel tjuvflyger“) ein Stoffel blieb, wurde aus ihm in der dänischen Ausgabe von 1934 ein Ole („Ole flyver over atlanterhavet“), in der französischen aus demselben Jahr ein Petit Christophe („Petit Christophe et son dirigeable“) gemacht.

Anlass für die Erzählung war zum einen die über neunmonatige Weltreise, auf die sich die 20-jährige Erika und ihr 19-jähriger Bruder Klaus Mann (1906–1949) von Oktober 1927 bis Juli 1928 begaben. Zunächst fuhren sie von Rotterdam mit einem Transatlantikliner in die USA, wo sie in D-Zügen und mit Automobilen weiterfuhren. Danach reisten sie nach Hawaii, Japan, Korea und in die Sowjetunion, dann über Warschau zurück nach Deutschland. 1929 veröffentlichten sie darüber im S. Fischer Verlag den Reisebericht „Rundherum“ – wie Klaus Mann am Ende schreibt: „einmal hin, einmal her, rundherum, das ist nicht schwer“ (S. 141). Diese Reise beeinflusste auch die Geschichte von Stoffel.

In der Erzählung spielen reale Land-, Wasser- und Luftfahrzeuge eine Rolle, was in Anbetracht von Erika Manns eigener Erfahrung als begeisterte Autofahrerin und Nutzerin verschiedenster Fortbewegungsmittel während ihrer Weltreise nicht weiter verwundert. Auf einige dieser Fahrzeuge möchte ich hier etwas näher eingehen, da sie mit der Technikgeschichte und mit Objekten des Deutschen Museum zusammenhängen. Zunächst werden es die auf dem Wasser genutzten Fahrzeuge sein.

„Jetzt fahr’n wir über’n See, über’n See …“

Eines Tages sitzt Stoffel im Kapitel „Auf hohem See“ in seinem Ruderboot auf dem Blaubergsee und trifft auf ein Schiff: „Dann hörte er etwas tuten und sah, wie das Dampfschiff nicht weit hinter im daherkam. Die beiden Schaufelräder wirbelten das Wasser rechts und links zu Schaum – es war ein prächtiger Raddampfer, er hieß ‚Luitpold‘ und war ganz mit roten und goldenen Farben angestrichen, die jetzt herrlich in der Sonne leuchteten.“ (S. 37)

Das im „Stoffel“ beschriebene Dampfschiff hat ein reales Vorbild, von dem das Deutsche Museum ein etwa 1,20 Meter langes Modell im Maßstab 1:50 besitzt (DMO, Inv.-Nr. 76365): Die nach dem damaligen Prinzregenten des Königreichs Bayern benannte „Luitpold“ wurde von der Werft J. A. Maffei gebaut und lief im Mai 1890 vom Stapel. Ab 1918 oder 1919 hieß sie „München“, 1955 wurde sie dann abgewrackt. Bei einer Maschinenleistung von etwa 400 PS konnte die 2-Zylinder-Verbund-Dampfmaschine mit zwei Kesseln eine Geschwindigkeit von über 20 km pro Stunde erreichen. Mit der für den Münchner Ausflugsverkehr gebauten Eisenbahnlinie Pasing–Starnberg gelangten die Leute aus der königlichen Haupt- und Residenzstadt an den See, wo sie in den elektrisch beleuchteten Salondampfer mit prunkvoller Innenausstattung steigen konnten, was insbesondere nach Anbruch der Dämmerung beeindruckend gewesen sein muss. Das Schiff bot Platz für über 1000 Fahrgäste.

Die ansässigen Fischer waren von der auf dem See 1851 einsetzenden Dampfschifffahrt, den Tagesausflüglern und dem regionalen Massentourismus jedoch weniger begeistert, da sie um ihren Fischbestand und ihre Einnahmen aus Lohnfahrten fürchteten.

Im „Stoffel“, dessen Vater nachts im Blaubergsee fischt, wettert dessen Freundin Agi daher auch gegen das Ungetüm: „[U]m siebzehn Uhr zwounddreißig geht ein Dampfschiff; aber es ist gar nicht gut, es schwankt und macht Umwege, so daß ich Ihnen beinahe raten möchte, sich doch lieber rudern zu lassen“ (S. 14f.). Nicht zufällig ist es Stoffel, der Touristen für Geld in seinem Ruderboot „Lissy“ über den See rudert.

Die Manns kannten die den Raddampfer „Luitpold“ vermutlich aus eigener Anschauung als Wochenendausflügler. Seit 1914 wohnten sie in München in einer Villa in der Poschingerstraße 1 im Bogenhausener Herzogspark. Davon zeugt auch Erika Manns Trimester-Schulkarte aus dem Jahr 1923/1924, mit der die damals 18-jährige mit der Straßenbahn zu ihrem Mädchengymnasium fahren konnte. Die Karte wird in der Münchner Stadtbibliothek / Monacensia aufbewahrt (Sign. EM D 4).

Während das Modell einen Gesamteindruck des Dampfschiffs vermittelt, kann man sich seine imposanten realen Ausmaße ebenfalls im Deutschen Museum vor Augen führen: Hier wird eines der beiden Schaufelräder des „Luitpold“ aufbewahrt (DMO, Inv.-Nr. 79416). Dieses ist ca. 3,3 (H) x 3,0 (B) x 2,0 m (L/T) groß. Besucher*innen können es sich zusammen mit dem Modell des Raddampfers in der Ausstellung „Schiffahrt“ ansehen.

Die an unserem Schiffsmodell nicht (mehr?) vorhandene Bugfigur, ein vom Bildhauer Rudolf Maison (1854–1904) im Stil des Naturalismus angefertigter, recht imposanter Triton mit Knabe auf der Schulter, befindet sich heute im Museum Starnberger See.

Und damit noch einmal zurück zu Stoffel: Dieser lässt sich mit seinem Kahn „Lissy“ nämlich eines Abends vom Dampfschiff „Luitpold“ im Schlepptau über den Blaubergsee ziehen, weil es stürmt und er das anderes Ufer sonst nicht erreichen würde. Dort befindet sich eine Luftschiffhalle, die ihn interessiert.

Was Stoffel für weitere Abenteuer erlebt und was das Ganze mit dem Zeppelin und einem blinden Passagier zu tun hat, das können Sie dann im zweiten Teil des Blogbeitrags am nächsten Freitag lesen ...

Literatur:

  1. Erika Mann: Stoffel fliegt übers Meer. Reinbek bei Hamburg 2018. (Nach der Originalausgabe von 1932)
  2. Erika und Klaus Mann: Rundherum. Abenteuer einer Weltreise. Nachwort von Uwe Naumann. Reinbek bei Hamburg 2017.

Alle Zitate aus „Stoffel fliegt übers Meer“: Copyright © 1999, 2005 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Folgenden Personen/Institutionen gilt mein herzlicher Dank: Für die Einladung zur Teilnahme an der digitalen Vernetzungsaktion: Dr. Tanja Praske. Für die Zu- und Rücksendung der Ansichtskarten: Yannik Scheurer, Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, Zeppelin Museum Friedrichshafen. Für die Genehmigung zur Veröffentlichung der Materialien Erika Manns: Professor Dr. Frido Mann. Für die Publikationsgenehmigung und Zusendung der Materialien Erika Manns: Nicki Nikolic von der Münchner Stadtbibliothek / Monacensia. Für die Genehmigung der Veröffentlichung des Covers und der Zitate aus „Stoffel fliegt übers Meer“: Katrin Finkemeier von der Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg. Für die inhaltliche Unterstützung: Daniela Menge, Kuratorin des Fachgebiets „Schiffahrt“ des Deutschen Museums. Für das Foto aus dem Zeppelin Museum und Hinweise: Tatjana Dietl vom Team „Historische Luftfahrt“ des Deutschen Museums.

Autor/in

Mareike Wöhler

Mareike Wöhler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Deutsches Museum Digital. Die Historikerin beschäftigt sich mit den Herstellern, der Fertigung und der Geschichte von Objekten zur Messung von Zeit und Raum, um herauszufinden, warum sich Alltags- und Wissensdinge im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Außerdem erzählt sie gerne digitale Objektgeschichten.

Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Steigt man in der Ausstellung Schifffahrt die Treppe am Ewer "Maria" herab, so gelangt man in das etwas verborgene Untergeschoss. Dort kann man bei Möwengekreisch auf dem Deck eines Passagierschiffs in Liegestühlen auf die Nordsee vor Helgoland schauen und sich in die Ferne sehnen. Gleich um die Ecke sieht man, mit welchen Navigations- und Zeitmessinstrumenten die Seefahrer auf den sieben Weltmeeren jahrhundertelang den Kurs hielten.