Direkt zum Seiteninhalt springen

von

Von Tatjana Dietl

Objektgeschichte der Etrich-Rumpler Taube des Deutschen Museums (Teil 2)

„Flieg, du kleine Rumpler Taube, flieg in meine Wolkenlaube…“ so klingt ein Lied des deutschen Komponisten Jean Gilbert von 1912. Das Flugzeugmuster „Taube“ war nicht nur in Fliegerkreisen deutschlandweit bekannt. Sie zierte zahlreiche Werbeplakate, war Vorbild für das Flugzeugführer-Abzeichen und gilt noch heute als Symbol der Frühzeit des deutschen Motorflugs.

Edmund Rumpler und Igo Etrich: Der Erfinderstreit

Der Entwurf der „Taube“ stammt vom österreichischen Textilfabrikanten und Flugzeugkonstrukteur Igo Etrich. Die Tragflächenform geht auf einen kürbisartigen Palmensamen (Zanonia macrocarpa) zurück, der ein äußerst stabiles Flugverhalten aufweist.
Die Berliner Firma „Rumpler-Luftfahrzeugbau GmbH“ unter der Leitung von Edmund Rumpler erhielt im Juni 1910 die Nachbaurechte für Deutschland. Etrichs Bemühungen um ein Patent in Deutschland scheiterten jedoch 1911, weil die besondere Tragflächenform auf den Erkenntnissen des deutschen Zoologen und Physikers Professor Friedrich Ahlborn basierte.
Dies führte letztendlich dazu, dass die Maschine in Deutschland von einer Vielzahl von Firmen (u.a. Gotha, Jatho und Albatros) in verschiedensten Formen nachgebaut und verkauft wurde. Edmund Rumpler verzichtete bereits im Frühjahr 1911 auf die Lizenzzahlungen sowie auf die mündlich vereinbarte Kennzeichnung der Flugzeuge mit der Rumpfaufschrift „Etrich-Rumpler“. Die Streitigkeiten mit Etrich begannen.
Als das Unternehmen Kathreiner`s Malzkaffee-Fabriken 1911 die von Rumpler gebaute „Taube“ erwarb und dem Deutschen Museum stiftete, trug es am Rumpf bereits die reduzierte Aufschrift „Rumpler Berlin“. Der Name Rumpler stand zur damaligen Zeit für einen der bekanntesten und erfolgreichsten Flugzeughersteller in Deutschland. Das Deutsche Museum stellte die nationale Zuschreibung der „Taube“ zur Person Edmund Rumpler nicht infrage.  Die Texttafel „Erste Rumpler Taube 1909“ vermittelte allerdings  falsche Tatsachen, da sowohl Rumplers Flugzeug erwiesenermaßen erstmals am 10. Oktober 1910 geflogen war, als auch Etrichs erste „Taube“ (Etrich II) auf Anfang 1910 datiert wurde.  Trotz der Bitte um eine Korrektur der Beschriftung des Exponats in „Etrich-Rumpler Taube“ durch Igo Etrich, blieb das Museum bei seiner Zuschreibung und erwähnte die Entstehungsgeschichte um Etrich mit keinem Wort.

Historische Umdeutung in der Zeit des Nationalsozialismus

Mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten verschoben sich die Gewichte in der öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Edmund Rumpler und Igo Etrich um die Entstehungsgeschichte der „Taube“. Edmund Rumpler wurde aufgrund seiner „jüdischen“ Herkunft verleugnet und mit seiner Familie kontinuierlich aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen. Zu dieser antisemitischen Diskriminierung sowie der nationalsozialistischen Ausgrenzung Rumplers aus der deutschen Luftfahrtgeschichte trug auch das Deutsche Museum mit bei. So wurde in der Luftfahrtausstellung ab 1940 der Name Rumpler und die damit verbundenen Leistungen in der Luftfahrt- und Automobiltechnik gezielt entfernt: Die originale Rumpfbeschriftung  der „Taube“ wurde durch die kuriose Beschriftung „Etrich Berlin“ ersetzt. Ebenso verschwand der Name aus der dazugehörigen Objektbeschriftung und aus den Texten des Ausstellungsführers. Er wurde historisch unkorrekt durch „Etrich“ ersetzt. Igo Etrich war jedoch weder in Berlin wohnhaft gewesen, noch hatte er dort Produktionsstätten besessen. Seine „Tauben“ hatten lediglich die Aufschrift „Etrich“ ohne einen zusätzlichen Ortsnamen getragen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ab 1953 am Deutschen Museum die Restaurierung der „Taube“. Mit der Wiedereröffnung der Abteilung Luftfahrt im Mai 1958 kehrte die Maschine neben anderen restaurierten Flugzeugen, wie „Wright Model A“ und „Grade-Eindecker“, an ihren Platz unter der Hallendecke zurück. Auf dem Exponat-Schild trug sie zunächst erneut die unkorrekte Bezeichnung „Etrich Taube 1910“, welche um 1980 in „Rumpler Taube 1910“ geändert wurde. Nach gründlicher Recherche legten sich die Kuratoren zur Eröffnung der neuen Ausstellung in der Luft- und Raumfahrthalle des Deutschen Museums im Mai 1984 auf die Bezeichnung „Etrich-Rumpler Taube 1910“ fest, die bis heute für die „Taube“ des Deutschen Museums ihre Gültigkeit hat.  
Durch die Neubespannung nach der Restaurierung präsentierte sich das Flugzeug den Besuchern ohne jegliche Aufschrift in einem neutralen und entpolitisierten Gewand. Auch die beiden Karikaturen des Kunstmalers Emil Kneiß wurden nicht wieder erneuert. Das Deutsche Museum war noch nicht bereit sich seiner Vergangenheit zu stellen: „Eine Bereitschaft der Museumsverantwortlichen zur Wiedergutmachung der nationalsozialistischen Ausgrenzung Rumplers, an der sich letztlich auch das Deutsche Museum beteiligt hatte, und der Entrechtung Rumplers und seiner Familie ist in dieser Phase nicht zu erkennen.“ (Holzer, Hans und Trischler, Helmut: Zuschreibung, Umdeutung, Ausgrenzung: Rumpler, Etrich und das Taube-Flugzeug des Deutschen Museums, in: (2), S. 449-472)
Wie zahlreiche andere Objekte, war auch die „Taube“ des Deutschen Museums nach dem Zweiten Weltkrieg stark beschädigt. Nach ihrer Restaurierung präsentierte sie sich in der Zeit von 1958 bis 1992 ohne jegliche Rumpf-Bemalung. BN R_2512_13 & R_2513_07

Ein Neuanfang: Die Etrich-Rumpler Taube heute

Erst seit Anfang der 1990er Jahre entwickelte sich am Deutschen Museum das Bewusstsein für die historische Aufladung zahlreicher Exponate. Als Leitziel der Restaurierung und Konservierung gilt die Wiederherstellung und Erhaltung der ursprünglichen Verwendungszusammenhänge von historischen Exponaten. Auf dieser Grundlage wurde die „Taube“ im Februar 1992 von den Werkstätten des Museums wieder mit der ursprünglichen Beschriftung „Rumpler Berlin“ sowie mit den beiden Karikaturen versehen. Auch nach dem Umbau der „Alten Luftfahrthalle“ im zweiten Realisierungsabschnitt der Umbaumaßnahmen soll die Etrich-Rumpler Taube wieder einen zentralen Platz in der Ausstellung erhalten. Die „Taube“ ist ein bedeutender Schatz der Luftfahrtsammlung: Sie spielte in der Geschichte des frühen Motorflugs in Deutschland eine wichtige Rolle. Anhand der Objektgeschichte lassen sich einerseits technische Erfolge aufzeigen, andererseits steht das Exponat für die ausgrenzende und diskriminierende Museumspolitik im Nationalsozialismus. Dieses Flugzeug ist damit untrennbar mit der Geschichte des Deutschen Museum verbunden.

Objektgeschichte

„So a Tassl Kathreiner hilft ein’m über alles weg“ – Die Rumpler Taube Teil 1
Unsere Besucher haben bis zum Endes des Jahres die Möglichkeit Kritik und Lob zur derzeitigen Ausstellung zu geben, sowie ihre Wünsche für eine zukünftige „Historische Luftfahrt bis 1918“ zu formulieren. Dies funktioniert über die Online-Besucherumfrage. Der Fragebogen sollte bitte persönlich und NACH dem Besuch der Ausstellung ausgefüllt werden. Alle Angaben werden selbstverständlich streng vertraulich behandelt. Im Anschluss an die Umfrage besteht noch die Möglichkeit an einer Verlosung teilzunehmen und eine Jahreskarte des Deutschen Museums sowie ein besonderes Flugzeugmodell zu gewinnen!

Literatur:

  1. Holzer, Hans/Trischler, Helmuth: Zuschreibung, Umdeutung, Ausgrenzung: Rumpler, Etrich und das Taube-Flugzeug des Deutschen Museums, in: Vaupel, Elisabeth/Wolff, Stefan L. (Hg.): Das Deutsche Museum in der Zeit des Nationalsozialismus. Eine Bestandsaufnahme. Göttingen 2010, S. 449-472
  2. Holzer, Hans/Löffler, Leonhard: Die Taube – Geschichte des ersten Motorflugzeuges im Deutschen Museum. In: Kultur und Technik 2 (1988), S. 74-80
  3. Hashagen, Ulf/Blumtritt, Oskar/Trischler, Helmuth (Hg.): Circa 1903. Artefakte in der Gründungszeit des Deutschen Museums. München 2003
  4. Metternich, Michael Graf Wolff: Edmund Rumpler – Konstrukteur und Erfinder. München 1985
  5. Schwarzer, Ute: Der Flugpionier und Großindustrieller Igo Etrich. Wien 2006
Tatjana Dietl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Luftfahrt und arbeitet derzeit an der Neugestaltung der Ausstellung „Historische Luftfahrt bis 1918“.

Autor/in

Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.