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Von Tina Kubot
Ein Weihnachtsbaum? In der Nachrichtentechniksammlung? In meinem Fachgebiet, das als eher nüchtern und trocken verschrien ist? Es dauerte eine Weile, bis ich meine Überraschung überwunden hatte.
Aber tatsächlich: Unsere Datenbank zeigte unter der Inventarnummer 62535 sogar ein Bild eines prächtigen Tannenbaumes unter einer Glasglocke, der eindeutig der Sammlung Nachrichtentechnik zugeordnet ist. Und so ein kurioses Objekt taucht pünktlich zu Weihnachten auf! Viele Informationen gab die Datenbank allerdings noch nicht her. Der Baum hat ein stattliches Maß von 97cm Höhe und 57cm Durchmesser. Aber was ist das denn nun eigentlich? Laut angebrachter Plakette handelt es sich um ein 1400 paar. Fernsprech-Röhrenkabel / (Reichsposttype) / Siemens&Halske A.-G. An das Museum kam das Bäumchen am 26.02.1929 direkt von Siemens&Halske aus der Siemensstadt in Berlin, das Baujahr liegt geschätzt bei 1920. Fernsprechkabel wie dieses wurden unterirdisch in Röhren verlegt, um Verteilstellen miteinander oder Fernmeldezentralen wie Telefonämter mit Unterverteilungen zu verbinden. Hier wurden die Kabel dann in kleinere Portionen aufgeteilt und weiter geleitet. Dieses Kabel hat 1400 Paar, das sind 2800 einzelne Adern, die konzentrisch in Lagen um einen Kern angeordnet sind. Die einzelnen Lagen sind gleichmäßig aufgefächert, um die verschiedenen Ebenen des Tannenbaumes zu erzeugen und je vier Adern sind an den äußeren Enden mit einem Faden fixiert. Die einzelnen Adern sind mit Papier isoliert. Dem aufmerksamen Beobachter fällt ein einzelnes Rotes Kabel in jeder Lage auf. Dieses diente zur Orientierung desjenigen, der dieses Kabel mit einem anderen verbinden musste, schließlich durften dabei keine Fehler unterlaufen und jede der 2800 Adern musste mit exakt der richtigen Ader des Gegenkabels verbunden werden. Der Vorgang erfolgt noch immer per Hand: Bei Wind und Wetter sitzen die Menschen in Löchern in der Straße und verbinden Kabel, damit wir telefonieren, fernsehen oder surfen können.
Was heute selbstverständlich ist, war in den 1920er Jahren noch eine Sensation. Schließlich gab es gerade mal gut 50 Jahre eine Verbindung für „Echtzeit“-Kommunikation zwischen Europa und Amerika, damals noch telegraphisch. Wo ein Brief mindestens eine Woche brauchte, dauerte die Übermittlung eines Telegrammes immerhin nur noch Stunden. Die von viel Spott und Ungläubigkeit begleitete Demonstration des Telefons war gerade mal 36 Jahre her, Langstreckentelefonie gab es erst seit wenigen Jahren, nur einige zehntausend Menschen besaßen einen Telefonanschluss und die Selbstwahl ohne das Fräulein vom Amt befand sich erst in einer Erprobungsphase. Die Reichshauptstadt Berlin zählte 1906 33 Vermittlungsämter, davon sechs Innenstadt- und 27 Vorortämter. Acht davon waren große Ämter mit mehr als 10000 Anschlüssen.
Die Begeisterung für die sich rasant entwickelnde Technik war damals allgegenwärtig. Besonders aus dem Kommunikationsbereich gibt es schöne Beispiele: So wurde 1858 das erste Unterseekabel für Telegraphie durch den Atlantik verlegt. Um dieses Ereignis zu würdigen wurde dieser Kabelbaum hergestellt, der sich in der Sammlung des Science Museum London befindet.1 Das Kabel hielt jedoch nur wenige Wochen bevor es durch eine Fehlbedienung zerstört wurde. Viel hilft viel ist insbesondere in der Elektrotechnik nicht immer eine gute Idee. 1865/1866 wurde ein neues Kabel hergestellt und verlegt. Seitdem gibt es eine stabile Kommunikationsverbindung zwischen Europa und Amerika. Schnell wurden es mehr und mehr Kabel durch alle möglichen Weltmeere. Gelegentlich wurden diese Kabel wieder gehoben, so wie dieses 1873 durch den Atlantik gelegte, das 1909 gehoben wurde. Es stellte sich heraus, dass sich darauf eine vielfältige Unterwasserflora und –fauna angesiedelt hatte, die auch noch hübsch anzusehen war und so wurden Stücke dieses Kabels zu Souvenirs verarbeitet wie dem abgebildeten ebenfalls aus der Sammlung des Science Museum London, das dort auch ausgestellt ist.2
In diese Reihe gehört auch unser Tannenbaum, der noch in der erweiterten Weihnachtszeit bis zum 6. Januar im Fotoatelier beim Kinderreich ausgestellt ist. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen und den Ihrigen besinnliche, erholsame Weihnachtstage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!
1Bild: http://collectionsonline.nmsi.ac.uk/detail.php?t=objects&type=all&f=&s=submarine&record=1
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Bild: http://collectionsonline.nmsi.ac.uk/detail.php?t=objects&type=all&f=&s=submarine&record=26

Autor/in

Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.