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Von Susanne Rehn
Aus der Zeit der „Atomeuphorie“ nach dem zweiten Weltkrieg sind skurrile Dinge überliefert: Frisuren oder Torten, die wie der Explosionspilz einer Atombombe aussehen, Visionen einer Zukunft, in der atomkraftgesteuerte Autos und Maschinen dem Menschen alle Arbeit abnehmen und Spielzeuge, die auf verblüffend naive Weise mit diesem Thema umgehen. Berühmt-berüchtigt ist in diesem Zusammenhang das „Gilbert U-238 Atomic Energy Set“, das in den USA zwischen 1951 und 1952 in den Spielzeugläden stand und Kindern die Möglichkeit bot, mit radioaktiven Substanzen zu experimentieren.
Das Exponat wurde von den Werkstätten des Deutschen Museums restauriert und wartet momentan darauf, ausgestellt zu werden.

5 Fragen an Dr. Susanne Rehn, die Kuratorin für Chemie.

Was ist das Besondere an diesem Exponat?

Es handelt sich um einen Koffer mit verschiedenen Geräten und Chemikalien, ähnlich den chemischen Experimentierkästen, die es auch heute noch gibt. Nur mit dem Unterschied, dass hier die radioaktiven Eigenschaften von Uranverbindungen untersucht werden konnten. Die Kinder waren also aufgefordert, offen mit radioaktiv strahlenden Pulvern zu hantieren. Es konnte eine Nebelkammer aufgebaut werden, in der man die Flugbahnen der radioaktiven Teilchen beobachten konnte. Das ist ein sehr eindrucksvoller Versuch, den Sie in moderner Form auch heute im Deutschen Museum sehen können. Daneben waren noch einige andere Messgeräte für radioaktive Strahlung in dem Set vorhanden. So auch ein Geigerzähler  und eine Anweisung, wie die Kinder damit in der freien Natur nach Uranvorkommen suchen können, sowie eine Adresse, um vielversprechende Proben einzuschicken.

Wie populär war denn die Atomkraft zu der Zeit, als das Spiel auf den Markt kam?

Die Atomkraft war auf dem Weg zu dem Höhepunkt ihrer Popularität! Das große Versprechen, durch die Nutzung der Kernspaltung schier unbegrenzte Energie zur Verfügung zu haben, wurde unglaublich positiv aufgenommen. Dies war gepaart mit einem durchaus nachvollziehbaren Enthusiasmus der beteiligten Forscher, die versuchten, die ersten Atomreaktoren zu konstruieren. An die Nachteile, wie Entsorgungsprobleme des radioaktiven Abfalls oder Umweltkatastrophen durch Unfälle, dachte man damals einfach nicht.
In den fünfziger Jahren, nach einer Rede von US-Präsident Eisenhower 1953, startete die amerikanische Regierung ein groß angelegtes Propagandaprogramm um die positiven Seiten der Atomkraft herauszustellen. Das Programm hieß „Atoms for Peace“ und zeigte mit Büchern und sehr populären Zeichentrickfilmen aus dem Hause Disney, was Atomkraft ist und was sie vielleicht eines Tages ermöglicht. Dennoch ist diese große Euphorie schwer nachzuvollziehen angesichts der Tatsache, dass seit der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gerade mal sechs Jahre vergangen waren!

Wie gefährlich war dieses Spielzeug/ist es noch heute?

Das Set enthält vier verschiedene Uran-Mineralien sowie drei künstliche Strahlenquellen. Diese Substanzen senden unterschiedliche Formen der radioaktiven Strahlung aus. Die künstlichen Strahlenquellen sind mittlerweile abgeklungen und die schwache Strahlung der natürlichen Uransalze lässt sich gut durch die Glasverpackung abschirmen. Als Museumsexponat ist das Stück also sehr sicher zu handhaben, auch in einer Ausstellung muss man sich als Besucher keine Sorgen machen. Dass Kinder allerdings offen mit den Strahlern gearbeitet haben ist sehr kritisch zu sehen. Bei offener Handhabung besteht immer die Gefahr die Substanzen an die Finger und dann in den Mund zu bekommen. Sobald Uranverbindungen inkorporiert sind, können sie schwere Vergiftungen und letztendlich auch Strahlenkrankheit auslösen.
Interessanterweise ist der Name des Sets irreführend: Selbstverständlich konnte keine Kernspaltung durchgeführt werden, der Prozess, der sich hinter der „Atomic Energy“ eigentlich verbirgt. Dafür wäre auch das angereicherte Uranisotop U-235 notwendig gewesen. Was man beobachtete ist der natürliche Kernzerfall des schon im Titel erwähnten Isotops U-238.

Wie kam das Exponat das Museum?

Die Geschichte der atomaren Forschung ist eines meiner Hauptinteressen hier im Museum, daher stöbere ich regelmäßig im Internet nach kulturellen Randerscheinungen. Ich bin im Austausch mit Kollegen an anderen Museen, kenne daher diesen Experimentierkasten und weiß, dass er mittlerweile sehr selten ist. Eines Tages habe ich ihn tatsächlich auf einer großen Internet-Auktionsplattform gefunden, für mehr als das fünfzigfache des ursprünglichen Preises. Wir gewannen die Auktion und das Set kam wohlbehalten aus USA bei uns an. Es war noch eine interessante Frage, ob man die radioaktiven Mineralien einfach so verschicken darf, aber interessanterweise gibt es für natürliche Uranmineralien keine Transportvorschriften. Und Da es sich um ein zukünftiges Museumsexponat handelt, hatte auch der Zoll keine Beanstandungen.

Was passiert nun mit dem Exponat?

Das Set ist leider nicht ganz vollständig. Teile des Kartons wurden von den Kolleginnen aus der Buchbinderwerkstatt ersetzt. Wir werden bei der Präsentation deutlich zeigen, welche Teile fehlen. Momentan lagert das Exponat im Depot aber es gibt bereits mehrere Ausstellungsprojekte, die Interesse angemeldet haben. Das ist nicht verwunderlich, berührt die Geschichte der Kernenergie doch so unterschiedliche Themenbereiche wie Physik, Chemie oder Energienutzung.
Susanne Rehn ist Chemikerin und seit 2005 Kuratorin für Chemie am Deutschen Museum. Derzeit arbeitet sie an Konzept und Entstehung der neuen Dauerausstellung Chemie und ist für die Digitalisierung der chemischen Sammlung verantwortlich. Sie hat auch daran mitgewirkt, dass das Arrangement, das im Deutschen Museum lange Jahre als "Otto-Hahn-Tisch" bezeichnet wurde nun "Hahn-Meitner-Strassmann-Tisch" heißt. An diesem Exponat lässt sich Wissenschaftsgeschichte in allen Facetten erzählen.

Autor/in

Susanne Rehn-Taube

Susanne Rehn ist Chemikerin und seit 2005 Kuratorin für Chemie am Deutschen Museum. Derzeit arbeitet sie an Konzept und Entstehung der neuen Dauerausstellung Chemie und ist für die Digitalisierung der chemischen Sammlung verantwortlich.