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Das Deutsche Museum besitzt über 104 000 inventarisierte Sammlungsgegenstände. Gesammelt werden Exponate aus 52 Fachgebieten wie Chemie, Physik, Starkstromtechnik, Land- und Straßenverkehr, Schifffahrt, Luftfahrt oder Musikinstrumente, um nur einige wenige zu nennen. Jedes Jahr kommen neue Objekte hinzu - wie kürzlich ein seltener Musikautomat, das Geigenklavier 'Pianella Paganini'. Den Schlager 'Man lacht, man lebt, man liebt' von Jean Gilbert hat er ebenso drauf wie Musik von Wagner, Strauss und vieles mehr. Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Kultur-Blogparade der Residenz München. Wir wollen über das Sammeln berichten und fragen dazu Silke Berdux, die als Kuratorin für Musikinstrumente das Geigenklavier eingeworben hat.
Wie kam das Instrument an das Deutsche Museum? Silke Berdux: Wie so viele Geschichten heutzutage begann alles mit einer E-Mail. Von privat wurde uns ein Instrument angeboten, das der Besitzer als „Historisches, Stiftwalzen gesteuertes Klavier der Firma J. D. Philipps, das um etwa 1903 gebaut wurde“, beschrieb. Auf den der Mail beigefügten Fotos konnte ich erkennen, dass es sich um ein Geigenklavier „Pianella Paganini“ handelt, das mit Lochstreifen gesteuert wird. Bei meinen Recherchen stellte sich heraus, dass es ein sehr seltenes Stück ist. Ich besprach dies auch mit Kollegen aus anderen Museen und Experten für Musikautomaten. 
Der Name des Automaten weckt die Assoziation von Geige und Klavier - um was für ein Instrument handelt es sich genau?SB: "Pianella Paganini" ist ein Geigenklavier, erbaut um 1911 von der Firma J.D. Philipps & Söhne in Frankfurt/Main. Ab 1910 fertigte Philipps die Paganini-Reihe - benannt nach Niccolò Paganini, dem auch als „Teufelsgeiger“ bezeichneten berühmtesten Geigenvirtuosen des 19. Jahrhunderts. Die Instrumente verbinden den mit Orgelpfeifen erzeugten Klang einer Geige mit Klavierbegleitung. Um 1900 experimentierten verschiedene Firmen damit, wie man Geigen am besten in einen Automaten integrieren kann – das ist nämlich sehr schwierig. Die Instrumente von Philipps konnten mit feiner Abstufung der Dynamik sowie Vibrato den Klang einer solistisch gespielten Geige sehr realistisch und lebendig wiedergeben. Zum ausdrucksvollen Spiel trug auch das mit dem sog. DUCA-Betonungs-System ausgestattete Klavier bei. Gesteuert wird "Pianella Paganini" von Lochstreifenrollen, angetrieben durch einen Elektromotor. Die Instrumente standen, auch in größerer Ausführung als unser „Modell 1“, in Gastwirtschaften, Kinos oder den Salons wohlhabender Bürger.
Wie wird die Entscheidung getroffen, ob ein Objekt in die Sammlungen des Deutschen Museums aufgenommen wird?SB: Wir erhalten viele Angebote - von privat, von Auktionshäusern oder professionellen Sammlern. Als Kurator/in stellt man Recherchen an, prüft, ob das Objekt in die Sammlungen passt, und befragt eventuell sein berufliches Netzwerk. Das Deutsche Museum verfügt über eine bedeutende Sammlung von circa 100 Musikautomaten. In diesem Fall ergänzt das Instrument die Sammlung perfekt, da wir mehrere Automaten besitzen, die Geigen und Geigenklang integrieren, bisher aber keinen Typ mit Orgelpfeifen. Dann wird das Objekt besichtigt, Preis und Zustand werden geprüft. Wenn der Kurator seine fachliche Entscheidung getroffen hat, legt er dem Sammlungsbeirat des Deutschen Museums eine Art Gutachten vor. Dieses Gremium, besetzt mit Kuratoren und dem Leiter des Sammlungsmanagements, bespricht alle Exponatzu- und Exponatabgänge - auch Leihgaben oder Neuzugänge. Ein Objekt, das ins Museum kommt, bringt eine ganze Menge in Bewegung: Es geht um Transport, Konservierung und Restaurierung, um Ausstellungsfläche und Depotplatz. Häufig gibt es mehrere Bieter auf ein Objekt und es ist dann eine spannende Sache, ob wir als Deutsches Museum den Zuschlag erhalten. Oft hilft uns das Renommee unseres Hauses, denn der Etat für Ankäufe könnte natürlich größer sein. Es gibt unterschiedliche Wege des Zugangs: Ankauf, Stiftung, Spende - um die wichtigsten zu nennen. Was passiert mit einem Objekt, wenn es in das Deutsche Museum kommt? SB: Zunächst wird es inventarisiert, d.h. es wird beschrieben, fotografiert und erhält eine Inventarnummer. Durch diese Nummer ist es eindeutig zu identifizieren und wird damit in den Eingangsbüchern geführt, in denen seit Gründung des Deutschen Museums 1903 alle Objekte verzeichnet werden. Im Fall des „Pianella Paganini“ gehörte zum Instrument erfreulicherweise auch Zubehör: 76 Lochstreifenrollen und sogar ein Porträt des ursprünglichen Besitzers. Auch dieses wurde genau verzeichnet. Gegebenenfalls muss das Objekt konserviert oder restauriert werden – oder es wird für die Ausstellung vorbereitet. Oftmals kann ein Objekt nicht oder nicht gleich ausgestellt werden. So ist es leider im Moment mit dem „Pianella Paganini“.
Objekte erzählen immer auch eine Geschichte. Was haben Sie über diese „Pianella Paganini“ in Erfahrung bringen können?SB: Die Geschichte dieses Automaten ist besonders spannend und farbig – es ist selten, dass man sie so genau erfährt. Bis zum Umzug in das Deutsche Museum befand sich der Musikautomat in der Familie des ursprünglichen Käufers, Lorenz Buchmayer. Dieser hatte eine Schneiderei in Kirchseeon und betrieb dort auch ein Kino. Der Automat kam wohl in diesem Kino zum Einsatz, denn es sind Spezial-Kinorollen vorhanden und einige Rollenkästen sind handschriftlich markiert mit Aufschriften wie "Lustspiel", "Schauspiel" oder "Drama". Wir wissen sogar, dass das Instrument 1912 bei einem Münchner Händler gekauft wurde, da sich dessen Schild noch über der Tastatur befindet: „Gebrüder Nahr, Westenriederstraße 21 in München". Der Katalogpreis betrug damals für 4890 Mark. Bis zur Übernahme ins Deutsche Museum stand der Automat in der Wohnung der Nachkommen von Bruckmayer. Welches Objekt würden Sie gerne für die Sammlungen erwerben, wenn Sie einen Wunsch frei äußern könnten - ohne sachliche und materielle Zwänge?SB: Oh, da hätte ich einige Musikinstrumente auf meinem Wunschzettel ... Speziell für die Sammlung der Musikautomaten würde ich mir eine Wiener Flötenuhr wünschen. Das sind subtil gearbeitete Automaten mit einem Flötenwerk, gesteuert von einer Stiftwalze. Haydn und Mozart haben dafür Stücke geschrieben. Bildergalerie zum Anklicken:

Übrigens:

  • Es ist auch anderen gelungen, Geigen und Geigenklang in einen Automaten zu integrieren. Am Ende des langen Weges steht die berühmte "Violina" der Firma Hupfeld, bei der echte Geigen gespielt werden. Wir zeigen sie in der Ausstellung Musikautomaten. Dort wird sie im Rahmen der Rote-Punkt-Führungen vorgeführt, anhören kann man die "Phonoliszt-Violina" auch auf unserer Webseite.
  • Auf der Sammlungsseite gibt es noch weitere Informationen über Pianella Paganini.
  • Silke Berdux ist Kuratorin für Musikinstrumente und derzeit mit ihrem Team damit beschäftigt, die neue Ausstellung Musikinstrumente zu planen.
  • Die Fragen stellte Annette Lein von der Internetredaktion.

Autor/in

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Annette Lein

leitet das digitale Redaktionsteam am Deutschen Museum. Alle Neuigkeiten tickern durch das Redaktionssystem auf ihren Bildschirm. Als Germanistin und Theaterwissenschaftlerin erzählt sie im Blog gerne von den Geschichten und Menschen, die das Deutsche Museum zu dem machen, was es ist. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: In der Ausstellung Meeresforschung die Tauchkugel Trieste ansehen und sich dabei vorstellen, wie sich Jaques Piccard in dieser dickwandigen Kugel gut 11 km zur tiefsten Stelle des Ozeans hat herabsinken lassen. Der Schweizer Forscher hat dabei einen Plattfisch entdeckte - ja, es gibt Leben in der Tiefsee!