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Am 5. und 6. Oktober wird man im Rahmen des Festivals „Verspielte Maschinen“ die Gelegenheit haben, Musik für mechanische Instrumente oder Musik-Automaten im Deutschen Museum zu hören. Dabei handelt es sich nicht um historische Kompositionen sondern um Stücke zeitgenössischer Komponisten.
Eine der "verspielten Maschinen" aus der Ausstellung Musikinstrumente sehen und hören Sie oben: das Zungenspielwerk mit automatischem Wechsler, Polyphon Musikwerke AG, Leipzig um 1900.

5 Fragen an Silke Berdux, Leiterin der Musikinstrumentenabteilung
Was genau ist eigentlich ein Musikautomat?  Das ist eine schwierige Frage. Der Begriff "Musikautomat" ist nicht unumstritten. Viele assoziieren damit etwas Lebloses oder Schematisches. Dabei klingt die Musik bei vielen Automaten fein und differenziert. Man spricht deshalb auch von selbstspielenden Instrumenten. Drei Dinge gibt es, die einen Musikautomaten auszeichnen: Programmträger, Tonerzeugung und Antrieb. Der Programmträger enthält nicht den Ton, er steuert die Klangerzeugung und kann ganz unterschiedlich aussehen. Es gibt unter anderem Stiftwalze, Planchette, Nockenscheibe und Lochstreifenrolle. Der Ton wird beispielsweise mit einem Klavier erzeugt oder mit Harmoniumpfeifen, einem Zungenkamm, den man von Kinderspieluhren kennt, oder Orgelpfeifen, einem Hackbrett oder auch – wie bei einem Orchestrion – mit vielen Instrumenten wie Triangel, Trommel oder Becken. Als Antrieb dient eine Kurbel, ein Motor oder Uhrwerk. Der Musikautomat ist in mehrfacher Hinsicht ein komplexes Kunstwerk.
Trägt jeder, der ein Smartphone mit entsprechender App besitzt, auch einen Musikautomaten mit sich herum? 
Eigentlich ja - aber vielleicht auch nicht. Dazu müsste man die Frage klären: Was ist heute ein Musikinstrument? Viele definieren das Smartphone als Instrument. Das ist eine interessante Diskussion.
Warum findet das Festival im Deutschen Museum statt? 
Weil wir eine bedeutende Sammlung von Musikautomaten haben und weil es für uns wichtig ist, die Gegenwart zu berücksichtigen. Wenn Wissenschaftler und zeitgenössische Künstler sich mit unseren Objekten beschäftigen und sie als Anknüpfungspunkt für ihre Arbeit nehmen, entstehen oft faszinierende Blicke auf unsere Sammlungsgegenstände. Dabei werden im besten Fall die historischen Objekte in der Kunst der Gegenwart lebendig, mindestens aber eröffnen sich neue Perspektiven und Verknüpfungen.
Welches ist der älteste Musikautomat im Deutschen Museum? Und welches der beliebteste, berühmteste und lauteste?
Der älteste Musikautomat ist eine Uhr mit Hackbrettspiel aus der Zeit um 1780, einer der berühmtesten der Trompeterautomat von 1812. Beim Festival wird ein Stück gespielt, das sich auf den Trompeterautomat bezieht, eine Uraufführung von Franziska Ott. Der beliebteste und lauteste Automat ist die Phonoliszt-Violina (um 1912). Auf diesen Automat bezieht sich Karl F. Gerber mit seinem Stück "Anregungen für Violinautomat".
Zum Anhören: Phonoliszt-Violina, Ludwig Hupfeld AG, Leipzig um 1912, Inv.-Nr. 73492 R. Morett (um 1920): Daisy (Foxtrott) MP3-Datei, 2:02 min 
Warum schreiben Komponisten heute Stücke für Automaten? 
Christoph Reiserer, einer der Künstler des Festivals, hat das gut in Worte gefasst. Vereinfacht gesagt darf ich ihn so zitieren: Werkzeuge gehören zum Menschen. Aus der Sicht des Anthropologen erzählen sie etwas über die Menschen, die sie erfunden und benutzt habe. Heute sind Maschinen und Automaten unsere Werkzeuge. Sie bestimmen unser Leben. Es ist also interessant, sie zum Gegenstand der Kunst zu machen. Manchmal wird die Sehnsucht nach dem Menschlichen in diesen Maschinen spürbar und sie wirken verspielt.
Vielen Dank, Frau Berdux!
  • Mehr zum Festival
  • Die Musikautomaten sind im 2. OG ausgestellt. Am besten sieht man sie sich im Rahmen der Rote-Punkt-Führungen an, dann werden einige Automaten vorgeführt.

Autor/in

Annette Lein

leitet das digitale Redaktionsteam am Deutschen Museum. Alle Neuigkeiten tickern durch das Redaktionssystem auf ihren Bildschirm. Als Germanistin und Theaterwissenschaftlerin erzählt sie im Blog gerne von den Geschichten und Menschen, die das Deutsche Museum zu dem machen, was es ist.

Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: In der Ausstellung Meeresforschung die Tauchkugel Trieste ansehen und sich dabei vorstellen, wie sich Jaques Piccard in dieser dickwandigen Kugel gut 11 km zur tiefsten Stelle des Ozeans hat herabsinken lassen. Der Schweizer Forscher hat dabei einen Plattfisch entdeckte - ja, es gibt Leben in der Tiefsee!