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Es gibt ja kaum jemanden, den Oldtimer kalt lassen. Ihr Design, ihre Historie und Technik sind faszinierend. Dass auch Motten zu den eingefleischten Oldtimer-Fanatikern gehören, klingt erstmal überraschend, ist es aber auf den zweiten Blick nicht. Wolle, Seide, Filz und Rosshaar werden in Bezügen, Fußmatten und in der Polsterung der alten Fahrzeuge verwendet. Diese Naturmaterialien ziehen Motten an und die wird man so schnell nicht mehr los... 2003 fing es an. Die alte Automobil-Ausstellung auf der Museumsinsel sollte geräumt werden und der Borgward P 100, das Goggomobil, der Opel Laubfrosch und all die anderen Preziosen in das zu eröffnende Verkehrszentrum auf der Theresienhöhe umziehen. Im Rahmen des Umzugs stellte man fest, dass die Mottenpopulation stark zugenommen hatte. Ein Problem, das auch bei anderen Museen zeitgleich beobachtet wurde. Was tun?
Fünf Fragen zu Motten im Museum an Elisabeth Knott, Leiterin der Abteilung Technik, die in Zusammenarbeit mit den Werkstätten für Schutz und Instandhaltung aller Objekte im Deutschen Museum verantwortlich ist. Warum braucht das Museum einen Holzwurmflüsterer? 2003 haben wir die Motten mit Stickstoff bekämpft. Die Fahrzeuge wurden in Alufolie gesteckt und über mehrere Wochen immer wieder mit Stickstoff behandelt. Danach waren sie „entwest“, wie man so schön sagt, also frei von Motten. Nach dem Umzug in das Verkehrszentrum kamen die Motten jedoch wieder zurück. Wolle, Seide und Rosshaar enthalten Keratin und gehören einfach zu ihren Leibspeisen. Stephan Biebl betreibt Schädlingsbekämpfung mit Nützlingen, ein Kind hat ihn daher einmal „Holzwurmflüsterer“ genannt. Er hat mit uns den starken Befall behandelt und schlug vor, den erneuten Mottenangriff mit Nützlingen zu bekämpfen. Als erstes Museum schlugen wir 2007 diesen Weg ein, mittlerweile findet diese Methode in mehreren Häusern Verwendung. Gift kam für uns in einer Ausstellungshalle nie in Frage, der Einsatz von Stickstoff ist teuer und aufwändig, wir waren also bereit etwas Neues zu versuchen.
Wie läuft Mottenbekämpfung mit Nützlingen ab? Stephan Biebl hat in unserem Fall Trichogramma evanescens, also Schlupfwespen eingesetzt. Damit konnte die Mottenpopulation innerhalb von drei Jahren von 10 bis 15 Motten pro Objekt auf 2-3 Motten reduziert werden, einige Fahrzeuge sind ganz mottenfrei. Die Schlupfwespe legt ihre Eier in die Eier der Motten und frisst sie von innen auf. Damit sterben die Motten irgendwann aus. Mit Pheromonfallen, das sind Duftstofffallen, die die männlichen Motten anziehen, wird regelmäßig der Mottenbefall überwacht. Sobald wieder eine Motte auftaucht, setzen wir dort  Schlupfwespen aus. Das ist einfach und günstig: eine Mitarbeiterin legt zwei Kärtchen in ein Fahrzeug, ein Kärtchen kostet weniger als ein Cappuccino.
Welchen Schaden richten die Motten an? Fraßlöcher in den Bezügen der Automobile auf Sitzen, im Kofferraum oder den Fußmatten.
Was passiert mit den ausgesetzten Schlupfwespen? Diese einheimische Nützlingsart ist nur so groß wie ein Schreibmaschinenpunkt („ . “) und kann unter günstigen Bedingungen bis zu 15 Meter laufen, um an ihren Wirt zu kommen. Trichogramma evanescens ist normalerweise auch im Freiland anzutreffen, kann im Labor als Massenware gezüchtet werden und führt bei erhöhtem Aufkommen und gezieltem Einsatz zu einer Reduzierung von Schädlingen. Bei 20° lebt sie ungefähr 10 Tage. Sobald keine Motteneier mehr da sind, kann sie sich nicht mehr fortpflanzen und stirbt aus. Auf diese Weise kamen in den letzten Jahren bei 74 Oldtimern, Kutschen und Zugwaggons insgesamt 45000 Schlupfwespen pro Jahr zum Einsatz. Sind die Schlupfwespen für die Besucher gefährlich? Nein, der Besucher bekommt von den Schlupfwespen nichts mit. Sie sind winzig klein und interessieren sich eigentlich nur für die Motteneier. Dank der Schlupfwespen kann man die Fahrzeuge in der Ausstellung bei laufendem Betrieb behandeln. Ansonsten müssten wir sie einhausen oder aus den Ausstellungen nehmen.

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Annette Lein

leitet das digitale Redaktionsteam am Deutschen Museum. Alle Neuigkeiten tickern durch das Redaktionssystem auf ihren Bildschirm. Als Germanistin und Theaterwissenschaftlerin erzählt sie im Blog gerne von den Geschichten und Menschen, die das Deutsche Museum zu dem machen, was es ist. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: In der Ausstellung Meeresforschung die Tauchkugel Trieste ansehen und sich dabei vorstellen, wie sich Jaques Piccard in dieser dickwandigen Kugel gut 11 km zur tiefsten Stelle des Ozeans hat herabsinken lassen. Der Schweizer Forscher hat dabei einen Plattfisch entdeckte - ja, es gibt Leben in der Tiefsee!