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Geliebte Technik der 50er Jahre - unter diesem Titel zeigt das Deutsche Museum derzeit Zeitzeugen aus dem Depot. Etwas abseits von lustigen Jukeboxes und niedlichen Haushaltsgeräten ist eine "Eiserne Lunge" ausgestellt. Der 400 kg schwere Apparat aus Metall zur künstlichen Beatmung flößt Respekt ein. Als das Bayerische Fernsehen im März dieses Jahres einen Beitrag über die Ausstellung ausstrahlte, saß Marion Treiber vor dem Fernseher. Bei der Erwähnung der Eisernen Lunge kamen Erinnerungen hoch, zu denen sie lange Zeit keinen Zugang hatte. Die verdrängte schwierige Zeit und die eigenen Erlebnisse mit der Eisernen Lunge kamen ihr wieder in den Sinn. Marion Treiber lag 1950 in der Eisernen Lunge und wurde durch diese Möglichkeit der künstlichen Beatmung gerettet. Sie wandte sich ans Deutsche Museum und war bereit, als Zeitzeugin über ihre Erfahrungen zu berichten. Andrea Bistrich und ich haben Frau Treiber im Deutschen Museum getroffen. Auszüge aus dem Interview, das wir mit Marion Treiber geführt haben, können Sie hier lesen. In der aktuellen Kultur & Technik lesen Sie dazu den Beitrag „Wiedersehen mit einem eisernen Lebensretter“.
Fünf Fragen an Marion Treiber

Andrea Bistrich/ Annette Lein:Wie kamen Sie in die Eiserne Lunge?

Marion Treiber:  Ich wurde 1939 in Köln geboren, es war Kriegsbeginn. Da hat man sich aufgrund der Bombenangriffe nicht um die Impfstoffe kümmern können, und damals war es noch üblich, dass man sich gegen Pocken impfen lassen musste – das gibt es ja heute nicht mehr. Soweit ich weiß, sollte die erste Impfung mit drei Jahren und dann eine weitere Impfung noch mal im Alter von ca. 11 Jahren erfolgen. Durch die Kriegszustände hatte ich die erste Impfung als Baby nicht bekommen. Nach dem Krieg hat mein Vater eine Stelle in Freiburg im Breisgau bei der Zeitung erhalten, und so sind wir nach Freiburg gezogen. Ich war elfeinhalb Jahre alt, als wir dort in der Schule die zweite Pockenimpfung bekommen sollten. Am Tag der Impfung hatte meine Mutter mir einen Brief für den Schularzt mitgegeben, in dem sie mitteilte, dass ich die erste Pockenimpfung nicht erhalten hatte. Das weiß ich noch, als wäre es gestern gewesen: Wir mussten dann in kurzen Turnhosen antreten und der Schularzt schlug mir auf die Schenkel und sagte: „Die ist stark!“

Und jetzt kommt ein Teil, an den ich mich nicht mehr erinnern kann, weil ich da nicht mehr bei Bewusstsein war. Ich weiß nur, dass meine Mutter mir erzählt hat: Mein Zustand verschlimmerte sich zusehends. 14 Tage nach der Impfung war ich schon vollständig gelähmt. Als der Hausarzt zu mir sagte: Steh mal auf, habe ich wie ein Maikäfer nur noch mit den Armen und Beinen rudern können. Ich habe wohl auch kaum noch Luft bekommen, wurde mir gesagt. Aber das weiß ich eben alles nicht mehr.

Was noch interessant war: Es gab in ganz Deutschland damals nur zweimal diese Eiserne Lunge. Eine in Frankfurt und eine eben in Freiburg. Die in Freiburg stand im Reichsbahn-Waisenhaus – das war ein riesengroßes Gebäude, und unten im Keller stand die Eiserne Lunge. Die war zu dem Zeitpunkt aber belegt. Und die nächste, die in Frankfurt, war auch belegt. Und das Merkwürdige war, dass der Mann, der in der Eisernen Lunge in Freiburg lag, plötzlich starb. Und so konnte man mich, als es jetzt ganz dringend geworden war, in die Eiserne Lunge legen.

Ich erinnere mich nicht, wie ich reinkam, und ich erinnere mich auch nicht, wie ich wieder herauskam. Ich wusste auch nicht, wie das Ding aussieht, Ich kann mich nur noch erinnern, dass es laut war und dass da wohl ein kleines Kopfbrett und ein Tuch waren, auf dem der Kopf liegen konnte. Der Rest des Körpers muss in dem Gerät gewesen sein. Davor war wohl auch ein Spiegel. Und ich weiß noch, dass ich mich in diesem kleinen Spiegel gesehen habe und wie mein ganzer Mund verklebt war.

Jetzt kommt aber eine lustige Geschichte: Dieses Reichsbahn-Waisenhaus war geführt von katholischen Nonnen. Die Nonnen trugen große weiße Flügelhauben. Und ich habe also dann in das Spieglein geguckt, und da saß in der Ecke eine dicke, weiß gekleidete Nonne mit so einer großen Flügelhaube. Und da habe ich gedacht: Ach, jetzt bin ich im Himmel. Das kann nur ein Engel sein, wenn man so dick und so weiß ist.

Später wurde mir gesagt, dass wohl auch eine Ärztin in dem Raum gesessen hätte. Sie hätte die ganz Nacht neben mir gewacht und wusste nicht, ob ich noch lebe oder nicht. Wie ich aber versucht habe, diese Trockenheit um den Mund loszuwerden, hätte sie gesagt: Sie lebt ja noch!
AB/AL: Wie lange waren Sie in der Eisernen Lunge?

MT: Es kann nicht sehr lange gewesen sein. Ich vermute, einen Tag und eine Nacht. Dann kam ich in die Universitätsklinik nach Freiburg, in die Kinderklinik. Der Raum war aus Glas, sodass man mich immer sehen konnte. Es muss wohl so gewesen sein, dass ich schlimme Schmerzen hatte. Meine schönen Zöpfe mussten abgeschnitten werden, weil sie ganz verfilzt waren. Es gab eine kleine Puppe aus Bakelit, die ich völlig zerbissen habe vor Schmerzen. Und meine Oberschenkel waren mit Punkten, fast schon kleine Stachel, übersät. Die meiste Zeit über war ich aber nicht bei Bewusstsein.

Wie es mir dann wieder etwas besser ging, da habe ich dann Erinnerungen. Ich konnte z.B. durch den Glaskasten auch Leute sehen. Damals gab es keine Reha und nichts. Ich konnte noch nicht einmal mehr mit meinen Füßen auf ein am Boden liegendes Buch steigen, weil ich keine Muskelkraft mehr hatte. Ich erinnere mich noch, dass ich einen Bleistift oder ein Taschentuch mit den Zehen aufheben sollte, um meine Muskeln wieder zu stärken.

Seither habe ich Rückenschmerzen. Ich vermute, das kommt durch die Rückenmarkentzündung. AB/AL: War das damals auch die Diagnose gewesen?

MT: Ja, Rückenmarkentzündung und Hirnentzündung. Ich hatte nach der Krankheit starke Konzentrationsstörungen und habe aufgrund der Erkrankung ein halbes Jahr in der Schule gefehlt. Mit 14 Jahren wurde ich aus der Schule genommen, weil man meinte, dass ich geistig zurückgeblieben sei. Bei einem Onkel habe ich dann mit 18 Jahren eine Lehre gemacht.
AB/AL: Haben Sie sich hinterher mit der Eisernen Lunge beschäftigt, die Sie ja gerettet hat? Haben Sie noch viel über diese Zeit nachgedacht?

MT: So direkt nicht. Mir das erst bewusst geworden, nachdem ich vor Kurzem einen einen Fernsehbericht über die Ausstellung im Deutschen Museum gesehen habe, in der auch die Eiserne Lunge vorkam. Ich hatte ja schon öfter das Bedürfnis, darüber zu reden. Aber jedes Mal, wenn ich über meine Erlebnisse reden wollte, habe ich bemerkt, dass im Grunde eigentlich keiner so recht davon hören wollte. Als ich nun diesen Beitrag gesehen habe, habe ich mich wieder an die Eisernen Lunge erinnert und war ganz erstaunt, dass es heute noch so etwas gibt. Damals war mir eigentlich gar nicht so recht bewusst, wie schlimm krank ich eigentlich gewesen bin. Man sagte manchmal, ich sei aufmüpfig gewesen als Kind, schwer erziehbar, aber ich vermute, dass diese sogenannte Aufmüpfigkeit der innere Wille war, zu überleben.

AB/AL: Gab es diesen Verlauf bei der Pockenimpfung öfter?

MT: Ja, und das war insofern schlimm, dass viele dadurch auch geistige Behinderungen davontrugen. Mein Mann war Starfighter-Pilot und wir sind 1967 nach Amerika gegangen. Da hätte ich bei der Einreise einen Impfschein über die Pockenimpfung vorlegen müssen. Mir hat man aber nach meiner Krankheit gesagt, ich dürfte nie wieder eine Pockenimpfung erhalten. Meine Erkrankung war ja ganz direkt die Folge einer Pockenimpfung bzw. der ersten fehlenden Impfung. Im Grunde hätte ich die zweite Pockenimpfung gar nicht bekommen dürfen. Es war ein Behandlungsfehler des Schularztes, der damals, entgegen dem Brief meiner Mutter, entschied, dass ich die zweite Pockenimpfung bekommen sollte. Den Arzt hätte man auch zur Rechenschaft ziehen können, aber das haben meine Eltern nicht gemacht.

Bevor wir nach Amerika gehen wollten, waren wir im Impfinstitut in München, und da sagte der dortige Arzt: „Über Ihren Fall habe ich meine Doktorarbeit geschrieben. Aber ich habe noch nie jemand gesehen, der so gesund geworden ist, wie Sie.“



Marion Treiber hat drei gesunde Kinder und sechs Enkel - und einen kleinen Hund, der am liebsten mit ins Museum gekommen wäre. Sie ist voller Tatkraft und strahlt Lebensfreude aus. Nicht selbstverständlich - dachten wir, als sie uns von der prägenden Krankheit berichtet hat.

Andrea Bistrich ist freie Autorin und schreibt regelmäßig für Kultur & Technik, das Magazin aus dem Deutschen Museum.
Annette Lein ist Internetredakteurin am Deutschen Museum.
Kultur & Technik 3/11 mit dem Schwerpunktthema "Liebe zur Weisheit" erscheint am 1. Juli. Auf den Webseiten der Kultur und Technik können Sie ausgewählte Artikel als pdf lesen und im Heftarchiv stöbern.

Autor/in

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Annette Lein

leitet das digitale Redaktionsteam am Deutschen Museum. Alle Neuigkeiten tickern durch das Redaktionssystem auf ihren Bildschirm. Als Germanistin und Theaterwissenschaftlerin erzählt sie im Blog gerne von den Geschichten und Menschen, die das Deutsche Museum zu dem machen, was es ist. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: In der Ausstellung Meeresforschung die Tauchkugel Trieste ansehen und sich dabei vorstellen, wie sich Jaques Piccard in dieser dickwandigen Kugel gut 11 km zur tiefsten Stelle des Ozeans hat herabsinken lassen. Der Schweizer Forscher hat dabei einen Plattfisch entdeckte - ja, es gibt Leben in der Tiefsee!