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Es begann mit einer unerwarteten E-Mail. Der amerikanische Ingenieur Peter Krauss wandte sich mit einer ungewöhnlichen Bitte an das Deutsche Museum. Er plane einen Deutschlandbesuch und würde gerne ein bestimmtes Objekt wiedersehen: eine Handpresse für Nanoprägelithographie.

Vor mehr als 15 Jahren stiftete sein Doktorvater Professor Steve Chou diese dem Deutschen Museum. Im Gegenzug bot Krauss an, sein historisches und technisches Wissen zu dem Objekt zu teilen. Solche Gelegenheiten sind unbezahlbar für die zuständigen Kuratorinnen: Ein Zeitzeuge berichtet aus erster Hand! Daher wurde auch keine Mühe gescheut und für dieses exklusive Treffen die alte Handpresse eigens aus dem Depot geholt und sorgfältig gereinigt. Es war ein ganz besonderer Moment der Technikgeschichte als die auf den ersten Blick völlig unscheinbare Presse und ihr damaliger Experimentator nach drei Jahrzehnten wieder vereint waren.

Wie alles begann: Stempeln statt Zeichnen

Wir schreiben die Mitte der 1990er Jahre an der University of Minnesota. Zu dieser Zeit dominiert die Elektronenstrahllithografie die Herstellung von winzigen Nanostrukturen auf Computerchips. Dabei „zeichnet“ ein feiner Elektronenstrahl wie ein Laserstift das gewünschte Muster Punkt für Punkt direkt in eine lichtempfindliche Schicht auf einem Wafer. Die Methode ist hochpräzise, hat aber einen gewaltigen Haken: Sie ist langsam und extrem kostspielig. Die Herstellung einer einzigen kommerziellen Probe dauert oft Tage.

Steve Chou hatte damals einen radikalen Einfall. Er wollte das Verfahren beschleunigen und kostengünstiger gestalten und frage sich, ob man die winzigen Strukturen vielleicht einfach mit einem Stempel mechanisch aufdrücken könnte? In der Fachwelt klang diese Idee für Strukturen im Nanometerbereich geradezu absurd. Doch Chou bat Krauss im Rahmen seiner Doktorarbeit, den Versuch zu wagen. Da das Budget knapp war, lieh man sich aus der Festkörperphysik eine massive, handbetriebene Presse aus, die für derartige Präzisionsaufgaben überhaupt nicht konzipiert war.

Holzklötze, Druckerpapier und eine Prise Improvisation

Die Bedienung dieses sogenannten "Nano-Imprint-Verfahrens" war ein Meisterstück der Improvisation. Zunächst wurde in mehrtägiger Arbeit ein winziger mit Siliziumdioxid beschichteter Silizium-Stempel (die Form) präpariert. Das Gegenstück, ein mit dem Kunststoff Polymethylmethacrylat (PMMA) beschichteter Wafer von nur etwa einem Quadratzentimeter Größe, musste auf 150 bis 200 Grad Celsius erhitzt werden, damit das Material formbar wurde. Da die Presse nicht beheizbar war, wärmte Krauss Aluminiumzylinder auf einer simplen Heizplatte vor. Beim Übereinanderstapeln in der Maschine fungierten dann simple Holzblöcke als thermische Isolatoren, damit die Hitze nicht in das kalte Metallgestell abfloss. Um die winzigen Proben beim manuellen Zudrehen exakt waagerecht zu halten, musste Krauss zusätzliche Siliziumstücke an den Ecken positionieren. Die größte technische Hürde war jedoch der Druck. Immer wieder zersplitterten die fragilen Silizium-Wafer unter der ungleichmäßigen Krafteinwirkung. Die Lösung fand Krauss in seiner beruflichen Vergangenheit bei 3M, wo man für Makro-Prägungen Pappe genutzt hatte. Für die Nanowelt war Pappe zu grob, doch simples, sauberes Computerpapier, das oben und unten in die Presse gelegt wurde, dämpfte den Druck schließlich perfekt und verhinderte den Bruch der Wafer.

Bangen über Nacht

Die eigentliche Arbeit an der Maschine fand nicht in einem sterilen Reinraum, sondern in einer büroähnlichen, vollgestopften Werkstatt statt. Jedes Staubkorn konnte das Experiment zerstören, es musste also sehr sorgfältig gearbeitet werden. Da die Maschine keine aktive Kühlung besaß, musste der manuell zusammengepresste Aufbau über Nacht von selbst abkühlen. Diese Stunden waren nervenaufreibend. "Das ist am nächsten Morgen immer der beängstigende Teil, wenn man versucht herauszufinden: Hat es funktioniert? Habe ich einen Fehler gemacht? Was könnte schiefgelaufen sein?", erinnerte sich Krauss. 

Am Ende mussten die zusammengepressten Platten mit einer Rasierklinge in exakt senkrechtem Winkel aufgesprengt werden – rutschte man ab, zerstörten Scherkräfte das Werk oder die winzigen Proben flogen quer durchs Zimmer.

Trotz ständiger Rückschläge blieb Krauss fokussiert. Seine Frau Amy, die ihn damals oft im Labor besuchte, bewunderte diese Haltung: „Er sah es als ein Problem an, das gelöst werden musste, und ja, es würde gelöst werden“.

Aus dem Schatten ins Licht

Der Lohn dieser Hartnäckigkeit war historisch: Mit einem unfassbar simplen Gerät ließen sich fehlerfrei Strukturen von bis zu 10 Nanometern übertragen. Doch die unscheinbare Optik der Maschine war den Forschern offenbar fast ein wenig peinlich. In seiner Doktorarbeit oder in Veröffentlichungen jener Zeit sucht man vergeblich nach Fotos der Presse. "Vielleicht hätte uns niemand geglaubt, dass wir diese Ergebnisse mit etwas erzielt haben, das so aussieht", lacht Peter Krauss heute. Für Amy Krauss war das Wiedersehen in München besonders bewegend: "Als wir hier hereinkamen, wurde ich ein wenig emotional bei der Tatsache, dass wow, das kam aus Minnesota. [...] Die ganze Sache ist surreal".

Heute treiben Milliardenkonzerne wie Canon die Nano-Imprint-Lithografie mit riesigen, hochkomplexen Anlagen voran, nicht zuletzt, weil das physikalische Prägen im Vergleich zur EUV-Lithografie (EUV – extremes Ultraviolett) energieeffizient ist. Genutzt wird Nanoprägelithographie aktuell um kostengünstig und schnell präzise Muster zu replizieren. Beispiele sind Smartphone-Komponenten wie Mikrolinsen-Arrays oder feinste Kanäle zur Analyse von Biomolekülen auf den sogenannten „Lab on a Chip“-Systemen. Dass der Ursprung dieser Zukunftstechnologie in einer geliehenen Handpresse mit Holzklötzen und Druckerpapier liegt, ist eine wundervolle Geschichte. Sie zeigt den unschätzbaren Wert unserer Museumsdepots: Oft sind es genau diese unscheinbaren, im Verborgenen schlummernden Apparate, die uns am eindrucksvollsten daran erinnern, mit wie viel menschlichem Erfindergeist und Improvisation die Technologie von morgen wirklich erschaffen wurde.

Autor/in

Schwarze Kopf-Silhouette im Profil mit mittig überlagertem grauen Verlaufskasten, in einem runden Rahmen mit feinen Außenlinien; darunter angedeutete Hals- und Schultermotive.

Christine Kolczewski

Christine Kolczewski leitet das Zentrum Neue Technologien (ZNT) und ist Kuratorin für Nano- und Biowissenschaften. Neben der Betreuung und Aktualisierung der Sammlung und Ausstellung zur Nano- und Biotechnologie gehört auch die Entwicklung und Planung von Veranstaltungen zum Thema Neue Technologien zu ihren Aufgaben.

Außerdem leitet sie die Abteilung Ausstellungsprojekte Sonderausstellungen und ist Ansprechpartnerin für alle großen und kleinen Sonderausstellungen auf der Museumsinsel.

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