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Stefan L. Wolff untersucht schon lange die politischen Rahmenbedingungen von physikalischer Forschung. Für sein Engagement, die Erinnerung an die unter dem NS-Regime verfolgten Mitglieder der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) zu bewahren, wurde ihm nun die DPG Ehrennadel verliehen: ein gebührender Anlass, um seine Forschung hier vorzustellen.

Seine Diplomarbeit fertigte Stefan L. Wolff in der theoretischen Physik an, um sich dann bereits in der Promotion der Geschichte seines Fachs zuzuwenden. Zu den Schwerpunkten seiner Forschung gehörte die mechanische Wärmetheorie, wobei er sich u.a. mit den Arbeiten von Magnus, Kundt, Clausius und Planck beschäftigte. Der Physikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts widmet er sich bis heute am Forschungsinstitut des Deutschen Museums. Über die anfängliche Fragestellung hinaus, wie denn physikalische Erkenntnisse zustande kommen, rückte Wolff die Verknüpfung von Forschung und politischen Umständen mehr und mehr in seinen Fokus. Physik muss – wie jede andere wissenschaftliche Disziplin – eben im Kontext ihrer Zeit, in ihren sozialen und politischen Rahmenbedingungen verstanden und untersucht werden.

Die Katalogisierung des Nachlasses des Nobelpreisträgers Wilhelm Wien, der sich im Archiv des Deutschen Museums befindet, führte Wolff nicht allein zu physikalischen Fragen, sondern ebenso zum politischen Kontext: Er analysierte hier beispielhaft die Politisierung der Physik im Ersten Weltkrieg. Als Mitherausgeber und beitragender Autor untersuchte er die Geschichte unseres Museums im Sammelband „Das Deutsche Museum in der Zeit des Nationalsozialismus“.

Verfolgung und Emigration in der NS-Zeit

Emigrationsschicksale von Physikern und die Geschichte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in der NS-Zeit sind immer wieder Anknüpfungspunkte von Wolffs historischen Arbeiten. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft oder auch wegen ihrer politischen Haltung wurden zahlreiche Mitglieder der DPG, der weltweit ältesten und größten Fachgesellschaft für Physik, in der NS-Zeit zur Flucht gezwungen, ermordet bzw. in den Suizid getrieben. Das Dossier „Im Gedenken“ der DPG widmet sich dieser Erinnerung. Zwei Biografien von Physikern jüdischer Herkunft werden hier beispielhaft herausgegriffen.

Imre Bródy (1891-1944). Von der Quantentheorie zur Glühlampenindustrie

In der Biographie von Imre (oder Emmerich) Bródy spiegeln sich die Probleme eines theoretischen Physikers in den politischen Umbrüchen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in besonders tragischer Weise. Geboren in Arad, damals noch ungarisch, wurde er nach dem Studium der Mathematik und Physik Lehrer in Budapest. Mit einer quantentheoretischen Untersuchung einatomiger Gase promovierte er 1918. Er unterrichtete danach auch an der Universität, allerdings wurde ihm 1921 aufgrund des Vorwurfs, er sympathisiere mit dem Kommunismus, jede weitere Lehrtätigkeit in Ungarn untersagt.

Bereits zuvor hatte sich Bródy – wie viele seiner ungarischen Kollegen aus unterschiedlichsten Gründen – in Richtung Deutschland orientiert. Er traf Albert Einstein in Berlin und wurde in Göttingen Privatassistent von Max Born. Obwohl Bródys theoretische Arbeiten Anerkennung fanden, gab es im akademischen Bereich keine Stellung für ihn, mit der er seine kleine Familie hätte ernähren konnte.

Deshalb zog er 1923 zurück nach Ungarn und übernahm in dem Forschungslaboratorium der Firma Tungsram – einer der größten europäischen Produzenten von Radioröhren und Glühbirnen – eine leitende Position. Bródy war dort maßgeblich an der Entwicklung von Kryptonlampen beteiligt. Während viele seiner ungarisch-jüdischen Kollegen in Deutschland bereits 1933 vor allem in die USA emigrierten, gab es für Brody und seine Familie in Ungarn dazu vorerst keine unmittelbare Veranlassung.

Im März 1944 änderte sich die Situation schlagartig: Ungarn kam unter deutsche Besatzung und Bródy und seine Familie konnten nicht rechtzeitig fliehen. Seine Frau und Tochter wurden in Lagern in Auschwitz bzw. Ravensburg unmittelbar ermordet. Für Imre Bródy selbst war Auschwitz noch nicht die letzte Station, sondern ein Arbeitslager bei Mühldorf (ca. 70 km östlich von München). Die Unterlagen vermerken seinen Tod im nahegelegenen Mettenheim am 25. November 1944.

Arnold Berliner (1862-1942). Von der Glühlampenindustrie zur Publizistik

Bródy war von der theoretischen Physik zur Glühlampenindustrie gekommen. Für Arnold Berliner bildete Letztere – in diesem Fall die Firma Osram in Berlin – 1887 den Einstieg in sein Berufsleben. Er konnte später von sich sagen, die „Kohlefadenglühlampe buchstäblich von der Wiege bis zum Grabe nicht nur kennen gelernt, sondern mitentwickelt“ zu haben. Beispielsweise war er 1896 an der Konstruktion von Röntgenröhren beteiligt, wobei er sich wegen des damals unbefangenen Umgangs mit der Strahlung eine Schädigung der Haut auf dem Arm zuzog, die sein ganzes Leben sichtbar bleiben sollte. 

Berliner stieg 1904 im Glühlampenwerk zum Direktor auf und reiste des Öfteren zu General Electric in die USA, wo er auch mit Thomas Alva Edison zusammentraf. Ein unheilbares Zerwürfnis mit Emil Rathenau, dem Chef der AEG, veranlasste ihn jedoch 1911 die Firma zu verlassen und seine Tätigkeit in der Industrie aufzugeben.

Berliner wechselte in die Publizistik und gründete eine Zeitschrift, die das gesamte Spektrum der Naturwissenschaften abdeckte. Die Artikel verfassten die entsprechenden Fachleute selbst. So erhielten die Leser Informationen aus erster Hand. Die seit 1913 wöchentlich beim Springer-Verlag erscheinende Zeitschrift erhielt schließlich den Titel „Die Naturwissenschaften“.  Seit 1924 war sie offizielles Organ der „Naturforscherversammlung“ und der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Berliner hatte ein zentrales, fachübergreifendes und viel beachtetes Diskussions­forum aller naturwissenschaftlichen Fachrichtungen in Deutschland geschaffen, das bis heute – mittlerweile unter dem Titel „The Science of Nature“ – erscheint.

Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahr 1933 und der damit einhergehenden Vertreibung vieler Wissenschaftler wurde es für Berliner schwieriger, die Hefte zu füllen. Am 13. August 1935 beendete Springer – wohl unter politischem Druck – von einem Tag zum anderen Berliners Tätigkeit und teilte ihm brieflich mit, dass er das Springer-Haus nicht mehr betreten dürfe. Berliners Pläne, eine Tätigkeit in den USA aufzunehmen, ließen sich nicht realisieren. In Deutschland litt Berliner unter zunehmender Isolation. Als ihm aufgrund der Repressionen des NS-Regimes schließlich der Verlust der eigenen Wohnung drohte, setzte er am 22. März 1942 im Alter von 79 Jahren seinem Leben selbst ein Ende.

Erinnern im öffentlichen Raum und unter Herausstellung des sozialen Kontexts

Solche Schicksale sind weitgehend unbekannt: Sie müssen erforscht und an die Öffentlichkeit getragen werden, um das Erinnern aufrechtzuerhalten. Neben Aufsätzen in Fachzeitschriften, Vorträgen und populären Beiträgen beinhaltet dies auch die Anbringung von Gedenktafeln oder das Setzen von Stolpersteinen am letzten Wohnort der Ermordeten. Wolffs Arbeit zeichnet sich dabei besonders durch eine Sensibilität nicht nur gegenüber den politischen, sondern auch den sozialen Rahmenbedingungen aus. Die nun verliehene Ehrennadel würdigt sein umfängliches Engagement.

Autor/in

Porträtfotografie von Stefan Wolff

Stefan L. Wolff

Stefan L. Wolff ist Senior Researcher am Forschungsinstitut des Deutschen Museums und beschäftigt sich mit der Geschichte der Physik im 19. und 20. Jahrhundert.

Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Entdecken Sie die Welt im Kleinsten und besuchen Sie die Ausstellung Atomphysik.