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Ein gewaltiger Wandel vollzieht sich in den Fragen, die wir stellen, und in den Antworten, die wir erhalten: Suchmaschinen gaben uns Quellen, KI-Systeme geben uns Antworten. Reflexionen über die derzeitigen Umbrüche unserer Informationsbeschaffung.

Eine vertraute Kulturtechnik gerät in Bewegung: Die Art, wie wir im Internet nach Informationen suchen, wandelt sich grundlegend. Über drei Jahrzehnte hinweg prägten Suchmaschinen unser digitales Handeln – so selbstverständlich, dass wir sie kaum noch als eigenständige Praxis wahrnehmen. 2004 fand das Wort „googlen“ Eingang in den Duden und bezeichnet damit eine fest etablierte Tätigkeit: das Recherchieren im Netz. 2012 stellte die Encyclopaedia Britannica ihre gedruckte Ausgabe ein.

Spätestens da zeigte sich, wie sehr der Zugang zu Wissen ins Digitale verlagert war. Wir leben in einer Informationswelt, deren Nutzung so selbstverständlich geworden ist, dass wir die Praktiken, durch die wir zu Informationen gelangen, kaum noch reflektieren. Inhalte lassen sich jederzeit abrufen, vergleichen und technisch verknüpfen. Indizes, Rankings und Verweise helfen bei der Orientierung. Dieser Zugang wurde uns zur zweiten Natur – so sehr, dass ein Internet ohne Suchmaschinen kaum noch vorstellbar ist.

Dabei gerät leicht in Vergessenheit, worauf diese Selbstverständlichkeit beruht. Klassische Suchmaschinen stützen sich auf eine komplexe technische Infrastruktur: Sie durchkämmen das Netz automatisiert, nutzen standardisierte Protokolle, speichern Inhalte in großen Rechenzentren und sortieren sie mithilfe algorithmischer Verfahren nach statistischer Relevanz. Eine Suchanfrage liefert in der Regel keine Antworten, sondern eine geordnete Liste von Verweisen. Bedeutung entsteht erst durch Lesen, Vergleichen und Einordnen. Suchmaschinen organisieren den Zugang zu Informationen – das Verstehen blieb all diese Jahrzehnte unsere Aufgabe.

Die Autorschaft ist dabei meist nachvollziehbar: Informationen stammen aus konkreten Quellen – verfasst von Redaktionen, Institutionen oder einzelnen Autorinnen und Verfasser auf den jeweiligen Websites. Die Suchmaschine stellt vor allem den Zugang zu diesen Quellen her. Auch wie glaubwürdig sie sind, mussten wir über dreißig Jahre lang selbst einschätzen. Doch diese Ära scheint gerade zu enden.

"Googlen" wird Mediengeschichte

Wir erleben einen radikalen Umbruch der digitalen Informationsordnung: Generative KI greift tief in die Strukturen der Kommunikation und des Wissens ein. Sichtbare Phänomene wie Deepfakes, synthetische Bilder oder automatisierte Texte zeigen nur die Oberfläche dieser Entwicklung. Weitreichender ist, dass generative KI nicht bloß als neues Tool in bestehende Prozesse eingebunden ist, sondern in ihrer medialen Form die Bedingungen selbst verändert, unter denen Inhalte entstehen, gewichtet und als Wissen anerkannt werden. Sie überlagert bestehende Medienformate, Infrastrukturen und Vermittlungslogiken und konfiguriert sie vollkommen neu. 

Besonders deutlich wird dieser Wandel, wenn wir uns digitale Informationsbeschaffung als einen Besuch in der Bibliothek vorstellen: Jahrzehntelang verwies ein schweigsamer Bibliothekar auf Regale, reichte Kataloge oder stellte Literaturlisten zusammen. Mit generativer KI ändert sich seine Rolle grundlegend. Er verweist nicht mehr, sondern erzählt. Er erklärt das gewünschte Thema selbst – souverän, ausführlich und auf Wunsch in jeder erdenklichen Form: als Zusammenfassung, ausführlichen Einstieg ins Thema oder sogar als fertiges Referat samt Vorschlag für eine Powerpoint-Präsentation. 

Entscheidend ist, was im Hintergrund geschieht. Das Sprachmodell, das diesen neuen Bibliothekar antreibt, besitzt kein Wissen im klassischen Sinn. Es versteht nicht, erinnert sich nicht, überprüft nicht. Bedeutung entsteht hier nicht aus Erkenntnis, sondern als Behauptung aus statistischen Mustern: aus der Berechnung dessen, was in ähnlichen Kontexten typischerweise gesagt wird. Das Ergebnis ist eine formal stimmige, oft überzeugende Darstellung, die Informationen bündelt, ordnet und sprachlich glättet.

Der Unterschied zur klassischen Suche ist fundamental. Bisher boten Verweise Orientierung: Suchmaschinen verwiesen auf Quellen, zwischen denen sich Wissen erst durch Lesen, Vergleichen und Einordnen erschloss. Generative KI hingegen liefert fertige Antworten. Aus dem Erschließen von Wissen – einer offenen Praxis der Recherche – wird eine sprachliche Simulation. Wissen erscheint nicht mehr als etwas, das aus Quellen erarbeitet wird, sondern als etwas, das unmittelbar und in jeder gewünschten Tiefe verfügbar ist.

Wir müssen nicht mehr Informationen prüfen und einordnen, nicht mehr entscheiden, was relevant ist.

Die Antworten der KI-Systeme entstehen dabei weder rein technisch noch neutral. Sprachmodelle greifen für aktuelle Informationen auf klassische Suchindizes zurück, doch die Antworten sind hybride Konstrukte. Sie kombinieren eine stark selektierte Auswahl aktuellen Materials aus dem Web mit erlernten Mustern aus den Trainingsdaten und der spezifischen Logik des Systems. Diese Logik folgt nicht nur epistemischen, sondern auch strategischen Zielen der kommerziell arbeitenden Modellanbieter: Antworten sollen für die User verständlich und hilfreich sein. 

Die Bibliothek ohne Regale

Hier zeigt sich die eigentliche Verschiebung der medialen Ordnung. KI-Systeme organisieren Wissen nicht mehr als offenes Netz von Verweisen, sondern als schlüsselfertig erzählte Einheit. Sie bestimmen, was relevant ist und wie es erscheint. Für alle, die Informationen öffentlich zugänglich machen – ob Institutionen, Redaktionen, Organisationen oder einzelne Personen –, verändert sich damit die Situation grundlegend. Digitale Sichtbarkeit hängt nicht mehr allein davon ab, ob Informationen irgendwo im Netz bereitstehen, sondern ob sie in den Antworten der Systeme überhaupt noch vorkommen – und in welcher Form sie dort erzählt werden.

Im Bild der Bibliothek: Es genügt nicht mehr, korrekt im Katalog verzeichnet zu sein. Der neue Bibliothekar verweist nicht nur auf ein Regal, sondern erzählt gleich die ganze Geschichte – stark verkürzt – aus seiner Perspektive. Er greift dabei auf viele Quellen gleichzeitig zurück und formt daraus ein Gesamtbild. Die einzelne Website bleibt eine wichtige Grundlage für die Bereitstellung von Informationen, ist jedoch nur noch ein Teil dieses größeren Erzählzusammenhangs – sofern sie überhaupt in die Auswahl des Systems eingeht.

Das Netz wird zum Hintergrundbestand von Texten und Daten, aus dem das System statistische Muster ableitet und daraus eine Antwort formuliert.

Für den Nutzer bedeutet das eine andere Erfahrung. Die Suchmaschine öffnete uns einen Raum, den wir selbst durchqueren mussten. Das generative Antwortsystem verdichtet diesen Raum zu einer stark verkürzten Darstellung.

Damit verschiebt sich auch die Wahrnehmung der Welt im Digitalen. Während die Suche (wenngleich algorithmisch eingeschränkt) Vielfalt sichtbar machte, verdichten generative Systeme sie zu Antworten, die aus der Logik des Modells heraus erzeugt werden. Der digitale Raum schrumpft gewissermaßen auf die plausibelste Darstellung dessen, was gesagt werden kann.

Streng genommen suchen wir nicht mehr selbst. Suchen bedeutet, zwischen Quellen zu wählen, sie zu lesen, zu vergleichen und ein eigenes Urteil zu bilden. Stattdessen stellen wir eine Frage und erhalten eine Antwort. Aus dem Navigieren zwischen Quellen, dem Lesen, Vergleichen und Einordnen wird das Entgegennehmen einer fertigen Darstellung.

Autor/in

Porträt einer Frau mit kinnlangem blondem Bob, die eine olivgrüne Jacke mit weißen Seitenstreifen über einem schwarzen Rollkragenpullover trägt; Gesicht unscharf/abgedeckt.

Maren Burghard

Maren Burghard ist in der digitalen Kulturvermittlung tätig, beschäftigt sich mit Nutzungsanalysen digitaler Medien und arbeitet als freie Kuratorin. 

Sie hat einen Hintergund in Philologie und Kommunikationswissenschaften und setzt sich seit einigen Jahren verstärkt mit generativer KI auseinander. Am Massachusetts Institute of Technology hat sie sich in diesem Feld weiterqualifiziert. Sie interessiert sich vor allem für gesellschaftliche und kulturelle Fragen rund um generative KI und AI Literacy.