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Nichts Geringeres als die „digitale Vermessung der Welt“ stand bei unserem diesjährigen Symposium „Das digitale Objekt“ auf dem virtuellen Flyer. Virtuell, weil wir das bereits vierte Symposium aufgrund der Pandemie wie im vergangenen Jahr komplett digital veranstalteten – für die „digitale Vermessung der Welt“ allerdings auch ein durchaus sinnvoller Austragungsort.

Digitale Vermessung oder digitale Welt?

Es lässt sich nicht leugnen, dass für den Titel unseres Symposiums zunächst einmal der Roman von Daniel Kehlmann Pate stand. Weiter sollte der Vergleich dann aber auch nicht reichen. Denn viel spannender für uns war die Diskussion, ob wir bei unserer Abänderung des Titels von der digitalen Vermessung der Welt oder der Vermessung der digitalen Welt sprechen sollten? Letztlich entschieden wir uns für ersteres, da wir nicht den digitalen Raum selbst, sondern eher die Vermessungs-Werkzeuge für die Übertragung des analogen Objekts in den digitalen Raum beleuchten wollten.

„Wir kommen nicht ohne Theorie aus!“ (Twitter – Sammlungsdinge)

Nach einer Begrüßung von Georg Hohmann, Leiter des Deutschen Museums Digital, präsentierte Bernhard Strackenbrock in der ersten Keynote der Veranstaltung mit welchen bildgebenden Verfahren und Werkzeugen sowohl Objekte als auch Räume digitalisiert werden und wie diese im digitalen Raum vor allem in Bezug auf die Performanz nutzbar gemacht werden können. Um die Funktionsweisen der Verfahren besser verstehen zu können, begann der Vortrag mit dem Theorieteil zu Photogrammetrie und weiteren Scanverfahren. Dabei wurde auch die Geschichte der „Meßbildkunst“ als Vorgänger der Photogrammetrie erklärt. Im Anschluss zeigte Bernhard Strackenbrock einige Ergebnisse seiner Arbeit – unter anderem das digitalisierte Bergwerk des Deutschen Museums sowie das Projekt „Das digitale Gedächtnis“, in welchem digitale Werke im digitalen Raum mit dem Faktor Zeit (Wann wurde welches Kunstwerk wo im Raum ausgestellt?) ergänzt wird.

„… unstrittig ist, dass das Original immer der Nullpunkt von allem ist. … Nullpunkt = Ursprung.“ (Twitter Sammlungsdinge)

Die erste Session befasste sich dann mit der Vermessung des digitalen Objekts. Moderiert von Katrin Zimmer (Koordinierungsstelle für Digitalisierung in Kunst und Kultur am Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst) stellte zunächst Pedro Santos (Fraunhofer IGD) das Projekt CultArm3D vor. Vollautomatisch scannt hier eine Kamera auf einem Roboterarm das gewünschte Objekt auf einem Drehteller. Neben dem automatisierten Prozessablauf und der zumeist komplett wegfallenden Nachbearbeitung kann auch die automatische Farbkalibrierung sowie der zügige Aufbau des Arms hervorgehoben werden.

Sander Münster (Juniorprofessor für Digital Humanities an der FSU Jena) gab einen Überblick in die Themen 3D-Rekonstruktion und wie Game-Engines für Computerspiele die Grundlage für diese sein können. Sowohl in seinem Vortrag als auch bei der späteren Paneldiskussion plädierte Sander Münster dann für eine bessere Verbindung / Verlinkung von (3D-) Objekten und das dazu gesammelte Wissen mithilfe von Annotationen. Die Tiefenerschließung des Kulturerbes nannte er als Grundvoraussetzung für den digitalen Wandel.

Erinrose Sullivan (Head of Museums and Cultural Heritage, SO REAL) stellte in Ihrem Vortrag zunächst die Frage, wie die Digitalisierung von Objekten die Zukunft der Museen beeinflussen kann? Denn auch bei den Besucher:innen der Museen ergeben sich Änderungen in den Wünschen, Anforderungen und Wahrnehmungen an und von Museen. Aus diesem Grund müsse man dorthin gehen, wo die Menschen sind („go where the people are“). Gerade bei der Interaktion und der Verbindung von digitalem und realem Raum („phygital“) könne man viel von der Gaming-Industrie lernen.

Sascha Kiener (Gründer Svarmony) ist Experte für Augmented Reality und hat sich mit seiner Firma Svarmony auf das Nutzbarmachen von erhobenen Raumdaten (Punktewolken) für Augmented Reality spezialisiert. So können Leitsysteme die Orientierung im Museum ermöglichen und gleichzeitig an sogenannten Points of Interest Informationen zu Objekten virtuell angezeigt oder gar von Avataren erklärt werden. In einem Kooperationsprojekt mit dem Deutschen Museum konnte bereits die Indoor Navigation von Svarmony erfolgreich getestet werden.

Die Möglichkeiten der Digitalisierung von Kulturobjekten – so wurde in der anschließenden Podiumsdiskussion festgestellt – sind noch nicht vollständig in den Kultureinrichtungen angekommen. Gerade die 3D-Digitalisierung ist auch für kleinere Häuser finanzierbar und bietet einen enormen Mehrwert für die Besucher:innen analog wie digital. Doch muss das Bewusstsein auch für die Tiefenerschließung der Daten entwickelt werden. Denn ohne weiterführende und beschreibende Informationen sind die digitalen Objekte häufig nicht oder nur begrenzt nutzbar. Auf technischer und auch auf wissenschaftlicher Ebene ist die Digitalisierung von Kulturobjekten schon sehr weit fortgeschritten. Dabei muss – darin waren sich die Diskussionteilnehmer:innen einig – das Original immer der Ausgangspunkt aller digitalen Planung und somit auch des digitalen Objektes sein.

„Storytelling. story-sharing. story-making.“ (Twitter DMD)

Der zweite Veranstaltungstag wurde von Medhavi Gandhi (the heritage lab) und ihrer Keynote „CrossCollections: A Call for Collaborations“ eröffnet. Hier beschrieb sie den Rollenwechsel, den Besucher:innen im musealen Kontext erfahren können, indem Ausstellungen nicht nur für, sondern auch von Besucher:innen entwickelt werden. Der digitale Raum bietet hierbei die Möglichkeit, Geschichten einerseits kollaborativ zu erarbeiten und zu erzählen und andererseits diese auch beispielsweise über Social-Media dauerhaft bereitzustellen. Voraussetzungen hierfür sind jedoch eine Grundausbildung im Digitalen, die sogenannte „Digital Literacy“, sowie ein Netzwerk und Ressourcen. Hier wurde die Europeana als erste Anlaufstelle und gutes Beispiel vorgestellt.

„Wie kommen wir zu nachhaltigen und guten Daten?“ (Twitter am_bernhard)

Nach dem Fokus auf das digitale Objekt wurde nun der (Ausstellungs-)raum digital vermessen. Moderiert wurde diese zweite Session von Sybille Greisinger (Landesstelle für nichtstaatliche Museen).

Zunächst stellte Georg Schroth (Chief Technology Officer NavVis) die Vermessungswerkzeuge seit den 1980ern (Laserscan) vor, um aufzuzeigen, wie „komfortabel und niederschwellig“ diese Technologie heute ist. Mit NavVis können heute ganze Räume einfach gescannt und so als digitale Punktewolke bereitgestellt werden. Die Umsetzung des NavVis-Raumscanners wurde im Deutschen Museum erprobt. Das Ergebnis kann als virtuelle Tour unter https://virtualtour.deutsches-museum.de/ getestet werden.

Ina Blümel (TIB Hannover) gab einen Einblick in das Projekt NFDI4Culture und erklärte, wie sich Wissensnetze und –netzwerke im digitalen Raum bauen lassen und wie diese für die Forschung nutzbar gemacht werden können. Als Architektin und Forscherin legt sie dabei großen Wert auf die Struktur und das – im doppelten Wortsinne – Fundament der Netzwerke. Gerade auch aus ökonomischer Sicht plädierte Ina Blümel dafür, die bestehenden (Infra-)Strukturen zu nutzen und auf das kollektive Wissen sowie auf interoperable und kollaborative Werkzeuge zurückzugreifen. Hier nannte sie u.a. Wikidata, aber auch den Kompakkt-Viewer für 3D-Objekte.

Vanessa Carlow (TU Braunschweig) gab einen weiteren Blickwinkel bezüglich der Vermessung des digitalen Raums als Architektin und Städteplanerin. Gerade bei der Planung und Gestaltung von Räumen verwendet sie einerseits digitale Werkzeuge und Methoden, die auch für die Forschung von großem Nutzen sein können, und andererseits ist die Einbeziehung der Community für urbane Projekte von größter Wichtigkeit. So erwähnte sie u.a. Mess- und Analysemethoden wie Tracking (Puls, Distanzen), die das Bewegen durch den Städte-Raum aufzeichnen und auswerten. Denn für eine nachhaltige Nutzbarkeit von Räumen (real wie digital) muss immer aus Sicht derer geplant und geschaffen werden die sich später darin bewegen, bzw. damit arbeiten werden.

In der abschließenden Diskussion, an der auch Marion Grether (Leiterin des neueröffneten Deutschen Museums in Nürnberg) teilnahm, stellte Sybille Greisinger die Frage nach Wünschen für die Zukunft der digitalen Raumnutzung und –gestaltung. Die Panelteilnehmer:innen gaben hier spannende Antworten, die sich einerseits auf die Bereitstellung von Daten bezogen:

„Daten müssen zugänglich gemacht werden“ – Georg Schroth

„Daten die bereits vorhanden sind, und teilweise von der Öffentlichkeit bezahlt wurden, sollten verfügbar sein.“ – Vanessa Carlow

und andererseits auf den mutigeren Umgang mit den digitalen Möglichkeiten:

„Mehr Mut in den Museen jeder Größe, Best Practice, außerdem mehr Vernetzung im Hinblick auf die digitalen Herausforderungen.“ – Marion Grether

Den Abschluss bildete ein Recap zum Pre-Conference Workshop „Mit Rapid-Prototyping zur Online-Ausstellung? – Einblicke in Meaning Making Season 3“ mit Andrea Geipel und Etta Grotrian. Hier wurde nochmal gemeinsam reflektiert, wie Online-Ausstellungen analoge Ausstellungsformate, Forschungsergebnisse und kollaborative Projekte mit Besuchenden und Partnereinrichtungen erweitern und vermitteln können und wie hierfür Werkzeuge des Rapid-Prototyping dabei helfen können, festgefahrene Denkmuster aufzubrechen und kreatives Denken anzustoßen.

Bereits am Vortag fand das Recap zum Pre-Conference Workshop „Rethinking Communication – digitales Objekt und wissenschaftliche Vernetzung“ mit Matthias Göggerle, Johannes Sauter und Dominik von Roth (GNM Nürnberg) statt, bei dem die Teilnehmer;innen gemeinsam die digitale Arbeitsweise in den vergangen Pandemiemonaten beleuchtet haben. Aus ganz unterschiedlichen Bereichen der digitalen Museumsarbeit – Kommunikation, Forschung, Vermittlung – wurden Fragen rund um unser Vernetzungsverhalten aber auch um die Anforderungen an z.B. technische Tools diskutiert.

Zum Abschluss des vierten DDOs und in gewissem Maße auch des Jahres 2021 folgt noch ein wehmütiger Blick; geplant war die diesjährige Ausgabe ursprünglich in einem hybriden Format, das die Erfahrungen der letztjährigen digitalen Ausgabe und der klassisch analogen Formate von 2018 und 2019 zusammenbringen sollte. Aus den bekannten, pandemiebedingten Gründen sind wir erneut auf eine rein digitale Veranstaltung umgestiegen. Für das kommende Jahr und somit auch das kommende DDO sind wir jedoch optimistisch, dass wir ein analoges/hybrides Symposium veranstalten können. Im Zuge des Global Summit für Forschungsmuseen aus der ganzen Welt planen wir mit einem etwas anderen Digitalen Objekt und freuen uns bereits jetzt, bekannte und neue Gesichter begrüßen zu dürfen.

Autor/in

Johannes Sauter