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Zwei historische Errungenschaften werden dauerhaft von der 1991 untergegangenen Sowjetunion bleiben: der siegreiche Überlebenskampf im Krieg 1941-1945 und der erste Mensch, der mit seinem riskanten Flug am 12. April 1961 das Weltall erreichte und damit der Welt zeigte, zu welch hohem technologischen Niveau das sozialistische System fähig ist. Nach dem politischen Beben des „Sputnikschocks“ 1957 war der erste Kosmonaut Juri Gagarin zudem das äußerst menschliche Antlitz eines als feindlich empfundenen Systems und irritierte damit die westliche Welt.

Pojechali - „auf geht’s“, rief Juri Gagarin in sein Helmmikrofon, als sich die Wostok-Rakete vor 60 Jahren nur wenige Tage nach Ostern am 12. April 1961 von der Startplattform löste. Dieser banale Ausruf steht am Beginn der bemannten Raumfahrt und könnte nicht besser die Aufbruchstimmung jener Tage umschreiben – in der Sowjetunion und den USA, in zwei verfeindeten politischen Systemen, die auch mit den Mitteln moderner Technik um die Anerkennung in der Welt buhlten.

Am 9. März 1994 hätte der „Kolumbus des 20. Jahrhunderts“ 60. Geburtstag gefeiert, wäre er nicht im März 1968, gerade 34 geworden, bei einem profanen Übungsflug mit einer MiG-15 ums Leben gekommen. Ich befand mich auf einer Recherchereise in Moskau und hatte das Glück, mit der offiziellen Einladungskarte Siegmund Jähns, des ersten Deutschen im All, an dem Festakt im „Sternenstädtchen“ bei Moskau anlässlich dieses Ehrentages teilnehmen zu dürfen. Jähn selbst musste einer anderen Verpflichtung nachkommen, und so konnte ich aus eigener Anschauung erleben, welche Bedeutung dem sozialistischen Helden auch gut zwei Jahre nach Untergang der Sowjetunion noch beigemessen wurde. Oder besser: Gerade in dieser politisch und wirtschaftlich unsicheren Zeit spielte der Stolz auf die Errungenschaft, das Kind zweier Kolchosarbeiter als ersten Menschen ins Weltall geschickt zu haben, eine wichtige Rolle zur Identitätsstiftung. Bis heute wird immer wieder auf Gagarin als Vorbild und Stichwortgeber verwiesen.

Der Start des ersten Satelliten am 4. Oktober 1957 schockierte den Westen, denn er zeigte sich auf einen Schlag militärisch verwundbar, während offensichtlich die Sowjetunion technologisch überlegen zu sein schien. Gemeinsam mit dem Konstrukteur Sergej Koroljow hatte Partei- und Staatschef Nikita Chruschtschow nun ein Vergnügen daran, ein wahres Feuerwerk an Raumfahrterfolgen zu zünden. Bereits der zweite Sputnik brachte mit der Hündin Laika ein Lebewesen ins All, weitere Raumschiffe und ihre tierischen Besatzungen machten deutlich, in welche Richtung die Reise ging. Dieses als rückwärtsgewandt, dunkel und mysteriös empfundene Land auf der anderen Seite der Welt hatte die westliche Führungsmacht offensichtlich auf einem extrem öffentlichkeitswirksamen und prestigeträchtigen Terrain überholt und deklassiert.

Zwangsläufig machten sich die beiden Konkurrenten nun an die Vorbereitungen für einen bemannten Flug. Neben den technischen Herausforderungen sollte der oder die Auserwählte ein bestimmtes Menschenbild transportieren. Während die mediale Inszenierung der „glorious Mercury-Seven“ um John Glenn und Alan Shepard den „gewöhnlichen Supermann“ in den Mittelpunkt stellte, mussten die zuletzt sechs im Schnitt zehn Jahre jüngeren Kosmonauten-Anwärter um Juri Gagarin andere Vorgaben erfüllen: Gefragt waren unverbrauchte junge Männer aus dem Volk mit möglichst proletarischem Stammbaum, die als Vorbild für die eigene Generation dienen konnten, die der sowjetischen Ideologie in der Tauwetterperiode zu entgleiten drohte. Er musste dem Moralkodex der Erbauer des Sozialismus zumindest nach außen hin folgen und stellte damit eine Weiterentwicklung der als „Stalin‘sche Falken“ bekannten Fliegerhelden der 1930er dar. Um es an dieser Stelle kurz zu machen: Auch einem Juri Gagarin war nichts Menschliches fremd, und sein vergeblicher Kampf um einen zweiten Weltraumflug dürfte zu seinem frühen Ende beigetragen haben.

Neben seinem zutiefst menschlichen Antlitz bleibt die Kühnheit, seinem Mentor Koroljow zu vertrauen (dessen Rakete als Sojus noch heute unterwegs ist), und sich als Kolumbus des 20. Jahrhunderts auf das extrem ungewisse Abenteuer des ersten Fluges ins All einzulassen. Die erste Mondlandung ist ohne Gagarin undenkbar, war er doch der Anlass für den pathetischen Aufruf Präsident Kennedys eben dorthin.

Autor/in

Dr. Robert Kluge

Robert Kluge

Dr. Robert Kluge ist Kurator für Moderne Luftfahrt am Deutschen Museum und seit 40 Jahren passionierter Pilot. Nach dem Studium der Slawistik, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre, seiner Dissertation „Der sowjetische Traum vom Fliegen“ (1997) und langen Jahren als Luftfahrtjournalist und einer Berufspilotenausbildung fand er 2015 zum Traumberuf.

Sein Tipp – ein Fachgespräch mit den engagierten Kollegen vom Ausstellungsdienst in Oberschleißheim oder demnächst wieder in der Neuen Luft-und Raumfahrthalle auf der Museumsinsel.