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Von Céline Gravot
Das Jahr 2020 war doch irgendwie alles andere als "normal"... Auch die Verleihung der Nobelpreise des Jahres fand unter besonderen Bedingungen statt! Am 10. Dezember gab es zwar eine offizielle Preisverleihung, allerdings so ganz ohne Gäste und vor allem auch ohne die Preisträgerinnen und Preisträger. Anders als sonst, erhielten sie ihre Preise nämlich nicht in Stockholm, sondern in ihren jeweiligen Heimatländern, also verteilt über die ganze Welt.
Sobald das Museum wieder geöffnet ist können Sie diese Informationen aber auch dort nachlesen. Direkt am Eingang zur Physik-Abteilung befinden sich unsere Nobelpreis-Tafeln.

Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2020 „für die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus“

Forschung, die Menschenleben rettet

Die Bekämpfung und Erforschung von Viren – Ein Thema, das uns derzeit tagtäglich beschäftigt. Doch diesmal geht es nicht um SARS-CoV-2, sondern um einen anderen Übeltäter: Das Hepatitis-C-Virus. Es löst schleichende Entzündungen in der Leber aus und kann zur Zerstörung des Organs, zu Krebs und schließlich zum Tod führen. Drei Forscher und ihre Arbeitsgruppen sind dem Virus auf die Spur gekommen und haben einen maßgeblichen Anteil am Kampf gegen die chronische Form der Hepatitis-Krankheit geleistet. Ihre Arbeit enthüllte nicht nur das Hepatitis-C-Virus und legte die Basis für die Entdeckung neuer Bluttests und Medikamente, sondern rettet(e) das Leben von Millionen Menschen! Für ihre Entdeckung des Hepatitis-C-Virus bekamen die drei Forscher nun den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2020 verliehen: Harvey J. Alter, Michael Houghton und Charles M. Rice.

Ein Virus mit vielen Gesichtern

Das Hepatitis-Virus ist weltweit verbreitet. Es befällt die Leber und richtet dort Schaden an. Doch das Virus hat verschiedene Gesichter. Je nach Erregertyp zeigen Patienten und Patientinnen unterschiedliche Symptome und Krankheitsverläufe. In den 1940er-Jahren erkennen Forscher und Forscherinnen, dass es zwei Haupttypen der infektiösen Hepatitis gibt. Die erste Form wird durch kontaminiertes Wasser oder Lebensmittel übertragen. Es kommt zu einer akuten Infektion, von der sich die meisten Patienten und Patientinnen komplett erholen. Der Verursacher dieser akuten Infektion wird Hepatitis-A-Erreger genannt. Die zweite Form der Hepatitis-Erkrankung wird durch Blut und Körperflüssigkeiten übertragen. Die Infektion verläuft meist chronisch und kann jahrelang unentdeckt bleiben. Heimlich und leise greift das Virus die Leber an und schädigt das Organ. Betroffene können eine Leberzirrhose oder Leberkrebs entwickeln. 1964 entdeckt der Forscher Baruch Blumberg den Erreger und bezeichnet ihn als Hepatitis-B-Virus. (Blumberg erhält 1976 für diese Entdeckung den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie.)

Dem Virus auf der Spur – Ein Forschungskrimi

An diesem Punkt kommen unsere diesjährigen Nobelpreisträger ins Spiel. Denn ihre Forschung enthüllt ein weiteres Gesicht des Virus. Die detektivische Arbeit der drei Wissenschaftler ähnelt hierbei einem Forschungskrimi.

Nicht A, nicht B

USA, Ende der 1970er-Jahre: Obwohl die zwei Typen der Krankheit bekannt sind, stellt der US-Virologe und Transfusionsmediziner Harvey J. Alter fest, dass viele Empfänger von Blutspenden immer noch an einer chronischen Leberentzündung als Folge einer Hepatitis-Infektion erkranken. Ein unerklärliches Phänomen, denn die bekannten Hepatitis-A- und Hepatitis-B-Viren können bei den Patienten und Patientinnen nicht nachgewiesen werden. Harvey Alter wendet alle damals verfügbaren medizinischen Tests an und merkt: Es muss noch einen weiteren Erreger geben! Der mysteriöse neue Erreger erhält die Bezeichnung „Non-A-Non-B-Virus“. Wie sieht dieses Virus aus? In den nächsten Jahren suchen Forscher und Forscherinnen nach dem Erbgut des Erregers, aber vom Täter fehlt bislang jede Spur…

Identität ermitteln

Die Identifizierung des neuartigen Virus hat höchste Priorität. Auch der britische Biochemiker und Virologe Michael Houghton und sein Team haben sich vorgenommen, das Virus zu identifizieren. Dafür müssen sie seine Genetik verstehen. In, zur damaligen Zeit noch langer und mühseliger, Handarbeit isoliert und vervielfältigt das Team um Houghton das Virus. Der Durchbruch gelingt 1989: Houghton schafft es, das Genom des neuen Virus aus dem Blut eines infizierten Schimpansen zu isolieren. Nun bleibt aber die Frage: Ist dieser Erreger tatsächlich die einzige Ursache für die beobachtete Erkrankung?

Der alleinige Täter

Die Antwort liefert der dritte im Bunde: der amerikanische Virologe Charles M. Rice. Ihm ist im Genom des neuen Virus ein untypischer Abschnitt aufgefallen. Er und sein Team vermuten, dass dieser Abschnitt bei der Vermehrung des Virus eine entscheidende Rolle spielt. Die Forscher injizieren Schimpansen RNA-Varianten dieser auffälligen Region und schaffen es das neue Virus im Blut der Tiere nachzuweisen. Sie beobachten, dass die Affen Veränderungen der Zellen aufweisen, die denen erkrankter Menschen ähneln. Mit diesen Experimenten gelingt Rice der Beweis, dass der Erreger allein Hepatitis verursachen kann! Die drei Forscher und ihre Teams sind der Ursache bis dahin nicht geklärter Fälle chronischer Hepatitis auf den Grund gegangen und haben gemeinsam den Übeltäter entlarvt: Das Hepatitis-C-Virus!

Grundlage für sichere Diagnostik und Therapie

Das Hepatitis-C-Virus ist weltweit immer noch ein Problem. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO, sind etwa 150 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert. Rund eine halbe Million Menschen stirbt jährlich an der Infektion. Doch die Entdeckungen von Harvey J. Alter, Michael Houghton und Charles M. Rice, legten die Basis für die Entwicklung sicherer Bluttests, mit denen Blutspenden auf den Erreger untersucht werden können. In vielen Ländern können heute die durch Blutübertragung verursachten Hepatitis-C-Fälle richtig diagnostiziert und behandelt werden. Die Erkenntnisse der Forscher bereiteten ebenfalls den Weg für die Entwicklung neuer Medikamente: Mittlerweile können etwa 95% der Betroffenen durch eine geeignete Therapie geheilt werden.
Die detektivische Forschung der drei Wissenschaftler gibt Hoffnung im Kampf gegen ein kleines Virus. Nun wurden sie für ihren „Verdienst für die Menschheit“ mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
Preisgeld: 10 Millionen Schwedische Kronen (rund 950.000 €), zu je einem Drittel an jeden der Preisträger. Pressemitteilung: http://nobelprize.org/

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Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.