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Von Carola Dahlke
Letzte Woche erreichte mich folgende SMS: "Das Voynich-Manuskript ist entschlüsselt. Musst Du jetzt Deine Ausstellungstexte umschreiben?"
Zugegeben, so eine Meldung verursacht immer einen kurzen Moment der Schockstarre. Es wäre wirklich peinlich, im kommenden Jahr eine brandneue Ausstellung über Kryptologie zu eröffnen, die bereits ab dem ersten Tag veraltet ist.
Das Voynich-Manuskript gehört zu den berühmten ungelösten Rätseln der Kryptografie-Geschichte.
Es ist ein Codex aus dem 15. Jahrhundert, verfasst in einer unbekannten Handschrift und mit eindrucksvollen Zeichnungen aus den Bereichen Botanik, Astronomie, Badekunde bzw. Anatomie und weiteren versehen. Nun muss dazu gesagt werden, dass über das legendäre Voynich-Manuskript quasi jährlich mindestens eine derartige Meldung veröffentlicht wird. Inzwischen gibt es weit über 50 angebliche Entschlüsselungen - und keine davon wurde von der Fachwelt akzeptiert.



Wie müsste denn eine akzeptable Entschlüsselung aussehen? Grob zusammengefasst, muss eine Entschlüsselung bzw. eine Übersetzung folgende beiden Bedingungen gleichzeitig erfüllen: Sie muss reproduzierbar sein (d.h. einer Regel folgen, so dass jeder von uns mithilfe dieser Regel das Voynich Manuskript entschlüsseln könnte) UND dabei sinnhaften Inhalt ergeben. Darüberhinaus zeigen statistische Untersuchungen der Buchstabenhäufigkeiten und Wortfolgen des Voynich-Manuskripts ungewöhnliche Muster. Eine akzeptable Entschlüsselung würde diese Muster miteinbeziehen und erklären können, und ebenso auch, wie und wozu das Voynich-Manuskript verfasst wurde.

Bisher sind, zumindest zu diesem Zeitpunkt, die genannten Bedingungen für eine akzeptable Entschlüsselung nicht ausreichend erfüllt
, d.h. unsere Ausstellungstexte müssen (noch) nicht umgeschrieben werden. Und wenn es doch einmal dazu kommen sollte, haben wir den Bereich der ungelösten Rätsel so aufgebaut, dass Ausstellungsinhalte ohne großen Aufwand aktualisiert werden können. Für alle Fälle.
Carola Dahlke ist Kuratorin für Informatik und betreut die große Chiffriermaschinen-Sammlung des Deutschen Museums. Sie arbeitet derzeit an einer umfassenden Ausstellung zur Kryptologie, die als Teil von "Bild Schrift Codes" ab Dezember 2021 zu sehen sein wird. Zuvor war die promovierte Geowissenschaftlerin viele Jahre in der Umwelt- und Klimaforschung tätig. 

Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: 

der analoge Gezeitenrechner in der Ausstellung zur Meeresforschung – ein 7-tonnenschwerer Koloss der 1930er Jahre zur mechanischen Vorhersage von Ebbe und Flutereignissen.
Die neue Kryptologie-Ausstellung wird voraussichtlich Ende 2021 eröffnet.

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Internetredaktion