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Von Phillip Berg

Alle reden über CO2 und wie es sich wieder binden und einsparen lässt – wir lassen es raus. Mit voller Absicht! Zur Sicherheit für unsere Besucher und für unsere Mitarbeiter. Denn sonst könnten Exponate für die Luftfahrtausstellung unkontrolliert bersten.
„Für den unwahrscheinlichen Fall einer Notlandung auf dem Wasser, befindet sich eine Schwimmweste unter Ihrem Sitz…“ Wie es dann weitergeht, weiß wahrscheinlich jeder, der schon einmal geflogen ist: Die Flugbegleiterin stülpt sich das quietschgelbe Teil über den Kopf, bindet es mit einem hübschen Schleifchen um die Taille fest und tut dann so, als würde sie an der Auslöserleine ziehen…
Im Posthof des Deutschen Museums ist an diesem Vormittag nicht einmal eine Pfütze auf dem Boden. Und statt einer Flugbegleiterin hat hier eine Schaufensterpuppe die gelbe Rettungsweste um den Hals. Trotzdem soll der Auslöser dieses Mal richtig gezogen werden. Denn die Weste soll – genauso wie eine Rettungsinsel und weitere alte Sicherheitswesten aus einem Flugzeug - künftig in der Luftfahrt-Abteilung ausgestellt werden. Und dort dürfen sie natürlich unter keinen Umständen plötzlich aufplatzen. Deshalb werden die CO2-Flaschen, die für die schnelle Füllung der Rettungsmittel sorgen, jetzt gezielt „entschärft“.
Das Problem ist, dass eine Entschärfung des Systems manchmal nicht vorgesehen ist. Solche Ausrüstungsgegenstände sind oft dafür gedacht, ein Flugzeug das ganze Leben zu begleiten. Und dieses endet entweder nach mehreren Jahrzehnten bei einem Verwertungsunternehmen, oder, im ungünstigsten Falle, durch einen Unfall, der die Verwendung der Sicherheitsausrüstung notwendig macht. Eine Entschärfung durch Zerstörung kommt für uns natürlich nicht in Frage, schließlich wollen wir die Exponate erhalten! Es bleibt also nur die kontrollierte Auslösung der Rettungsmittel.
Problematisch ist nicht das CO2 selbst, sondern die Verbindung mit zunehmend alternden Komponenten, die dem Druck bei einer Auslösung irgendwann nicht mehr standhalten können. Es könnte zu einem unkontrollierten Bersten kommen. Bestenfalls entfalten sie sich vollständig und können im Anschluss, fein säuberlich nach Faltplan, wieder zusammengelegt werden. Ob das auch bei älteren Exponaten, die sich zum Teil schon seit mehreren Jahrzehnten in der Sammlung befinden, reibungslos klappt, können wir nicht vorhersagen. Im schlimmsten Fall könnte das Gewebe bereits so gealtert sein, dass es bei der Druckbelastung Schaden nimmt…
Zuerst wird die Rettungsinsel im Posthof ausgepackt und aufgerollt. Die Spannung steigt, der Auslöser wird gezogen und … unsere Rettungsinsel hat sich in Sekundenschnelle wie geplant entfaltet! Sie ist erst vor wenigen Wochen zu uns ins Museum gekommen und wurde zuletzt vor zwei Jahren gewartet. Sie diente bei Offshore-Flügen über der Nordsee als Rettungsmittel in einem Hubschrauber.
Weniger Glück haben wir mit einer der Rettungswesten. Das schnelle Aufpumpen nach dem Auslösen klappt noch reibungslos. Und zunächst hält die Weste auch der Belastung stand, doch nach wenigen Sekunden reißt die Klebestelle einer Luftkammer und neben dem Arm unserer „Flugbegleiter“-Puppe steigt mit lautem Zischen ein deutlich sichtbares CO2-Wölkchen auf. Das Überdruckventil hatte seine Arbeit nicht schnell genug verrichtet.

Trotzdem ist die ganze Aktion ein Erfolg:
Die Druckpatronen dieser Rettungsmittel stellen jetzt keine Gefahr bei Lagerung und Ausstellung dar. Der Schaden an der Rettungsweste ist, im drucklosen Zustand, nicht sichtbar. Aber er zeigt, dass unsere Vorsichtmaßnahmen beim Umgang mit diesen Exponaten nicht ganz unbegründet waren. Bei anderen, zum Teil deutlich älteren Westen, konnten wir die Druckpatronen ohne eine Auslösung entfernen. Diese wurden im Anschluss mit Hilfe des Auslösemechanismus der bereits in Mitleidenschaft gezogenen Weste geöffnet und so unschädlich gemacht.
Phillip Berg hat Geschichte und Literaturwissenschaft studiert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Moderne Luftfahrt ab 1945. Dort ist er insbesondere mit der Neugestaltung der Dauerausstellung Moderne Luftfahrt beschäftigt.

Da im Moment der Großteil der Luftfahrt-Exponate ausgelagert wurde, empfehle ich, die S-Bahnfahrt Nach Oberschleißheim in Kauf zu nehmen. Die dortige Flugwerft Schleißheim beheimatet eine Vielzahl von spannenden Fluggeräten. Eigentlich ist für jeden etwas dabei!

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Internetredaktion