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Ein Gespräch mit dem Historiker Dr. Wilhelm Füßl

Kaum jemand weiß, dass die Weltfirma AEG, die „Allgemeine Elektricitätsgesellschaft“, jahrelang von dem Gründer des Deutschen Museums, Oskar von Miller, gemeinsam mit Emil Rathenau geleitet wurde. Wir fragen nach, bei einem der es wissen muss: Dr. Wilhelm Füßl leitet unser Archiv. Der Historiker hat auch eine Biografie über Oskar von Miller, den Gründer des Deutschen Museum, verfasst. Ein Gespräch über Freundschaft und Pioniergeist.

Wer war Emil Rathenau?

Der Industrielle Emil Rathenau (1838-1915) war der Vater des bekannten deutschen Außenministers Walther Rathenau, der 1922 aus politischen Gründen ermordet wurde. Oskar von Miller hat ihn so beschrieben: „So vereinigte sich in Emil Rathenau in ungewöhnlichem Maße der tüchtige Ingenieur mit dem hervorragenden Kaufmann. Rathenaus Hauptstärke bildete jedoch der klare, weitschauende Blick, mit dem er unter Ausschaltung alles nebensächlichen Beiwerkes die Tragweite von Erfindungen erkannte und große Fragen in einfachster und selbstverständlichster Weise durch unermüdliche persönliche Arbeit zu lösen wusste.“

Wie haben sich Rathenau und Miller kennengelernt?

Oskar von Miller und Emil Rathenau sind sich anlässlich der Ersten Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung in Paris 1881 zum ersten Mal begegnet. Miller, damals gerade 26 Jahre alt und Bauingenieur im bayerischen Staat, hatte sich dank seiner Beziehungen die Möglichkeit verschafft, diese Ausstellung anzusehen. Rathenau wiederum, 17 Jahre älter, hatte schon Erfahrungen als Ingenieur und Besitzer einer Maschinenfabrik gesammelt. Beide waren allerdings in der Elektrotechnik unerfahren. Beide ließen sich in Paris gleichermaßen für die Elektrizität begeistern. In Paris erkannte Rathenau die Überlegenheit der Edison‘schen Kohlefadenlampen und erwarb in der Folge die Edison-Patente und gründete die Deutsches Edison Gesellschaft.

Seit wann arbeiteten Rathenau und Miller zusammen?

Miller organisierte 1882 die erste deutsche Elektrizitätsausstellung in München, bei der Rathenau seine Firma eindrucksvoll präsentierte, nachdem der Marktführer Siemens eine Beteiligung an der Messe abgelehnt hatte. Sie begründete Millers Ruf als Fachmann für Elektrotechnik. Der große Erfolg der Ausstellung führte dazu, dass Rathenau ihm die Stelle eines Direktors der DEG mit einem Gehalt von jährlich 20.000 Mark und Einnahmen aus Tantiemen von zwei Prozent des bilanzierten Reingewinns anbot. Miller nahm an und ging 1883 nach Berlin.

Wie muss man sich die Frühzeit der Elektrifizierung vorstellen?

Die Jahre, in denen Miller mit Rathenau bei der DEG arbeitete, bildeten die Pionierzeit der Elektrizitätsversorgung in Deutschland. Das damalige Vorgehen war, den Strom jeweils mit Hilfe einer eigenen Anlage an der Stelle zu erzeugen, an der er verbraucht werden sollte. Jedes Lokal und jedes Gebäude musste separat mit Strom versorgt werden. Um Erfahrungen bei der gleichzeitigen Versorgung mehrerer Häuser zu gewinnen, gingen Rathenau und Miller Anfang 1884 daran, kleine Anlagen, so genannte „Blockstationen“, zu konzipieren. Die Probleme waren vielfältig, da die damals gebauten elektrischen Maschinen technisch noch unausgereift waren. Für nahezu jede Anlage mussten die Dynamo- und die Dampfmaschinen umkonstruiert werden. Immer wieder gab es Probleme. Miller hat einen Wutausbruch Rathenaus nach zahlreichen gescheiterten Versuchen festgehalten: „Wir müssen den Aktionären offen sagen, dass wir Esel und der Edison ein Lump ist, dass die ganze Elektrotechnik ein Schwindel ist und dass wir nicht das Recht haben, das Geld der Aktionäre in den Dampfmaschinen und den Apparaten von Edison zu verpuffen.“

Wie sah das Konzept der Deutschen Edison Gesellschaft aus?

Miller und Rathenau bauten erst kleine Einzelanlagen, dann die ersten sogenannten Blockstationen wie das „Cafe Bauer“, die mehrere Einrichtungen versorgen konnten.
Und schließlich sorgten eigene „Zentralstationen“ für die Stromversorgung mehrerer Straßenblöcke. Dies ist der Beginn der Berliner Städtischen Elektricitäts-Werke. Vorbild der Einrichtung war die 1882 von Edison in der New Yorker Pearl Street geschaffene Anlage. Das Konzept der Zentralstationen ging auf, und das 1885 zur Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft umfirmierte Unternehmen baute europaweit zahlreiche Anlagen.

Wie lange blieb Miller bei der AEG?

Miller war bis 1889 einer der Direktoren in der AEG. Da er aber mit der Politik der Firma, gemeinsam mit Siemens beim Bau von Zentralstationen zusammenzuarbeiten, nicht übereinstimmte und seine Kompetenzen durch den kaufmännischen Direktor Felix Deutsch beschnitten sah, kündigte er seinen Vertrag zum Ende des Jahres 1889. Anschließend baute er in München ein eigenes Ingenieurbüro auf, das sich zu einem der weltweit führenden Beratungsbüros für elektrotechnische Anlagen entwickelte.

Führte Millers Ausscheiden zum Bruch zwischen Rathenau und Miller?

Nein! Das Verhältnis zwischen Miller und Rathenau blieb insgesamt eng, fast herzlich. Man unternahm gemeinsame Reisen und beide haben sich gegenseitig als „Freunde“ bezeichnet. In späteren Briefen Millers kann man immer wieder lesen, dass er sich bei Emil Rathenau Rat geholt hat. Geschäftlich arbeitete er in den Jahren seiner Selbstständigkeit seit 1890 häufig und mit großem Erfolg mit Rathenau und der AEG zusammen. Besonders die von Miller organisierte Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt 1891 und die dort dank der Unterstützung der AEG durch-geführte Drehstromübertragung über 175 Kilometer ist dafür Beweis.
Rathenau beteiligte sich auch an der Gründung des Deutschen Museums, indem er an der Konstituierenden Sitzung im Juni 1903 teilnahm und das neue Museum mit zahlreichen Objekt- und Geldstiftungen unterstützte. Jahre später schenkte Oskar von Miller seinem Sohn Rudolf einen handschriftlichen Brief Rathenaus für dessen Autografensammlung. Interessant und für die hohe Wertschätzung bezeichnend ist die erklärende Anmerkung des Vaters zur Person Rathenaus: „der Begründer der Deutschen Elektrotechnik, der weitsichtigste und größte Unternehmer der Gegenwart“.
Vielen Dank für das Gespräch!Die Fragen stellte Annette Lein, InternetredaktionMehr zum Thema: Ansehen: Ausstellung Starkstromtechnik im Deutschen Museum Lesen: Oskar von Miller (1855-1934). Eine Biographie. München Beck 2005, 452 S.
Dr. Wilhelm Füßl ist Historiker und leitet seit 1992 das Archiv des Deutschen Museums. Sein Forschungsinteresse gilt der Geschichte technischer Sammlungen und den Wechselwirkungen von Biografie und Technikgeschichte.
Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Besuchen Sie die Ausstellung "Geschichte des Deutschen Museums". Dort sehen Sie einen der nachgebildeten Pfähle, auf denen das Museum erbaut wurde und können dem Museumsgründer Oskar von Miller bei seiner Einwerbeaktionen zuhören.

Autor/in

Wilhelm Füßl

Dr. Wilhelm Füßl ist Historiker und leitet seit 1992 das Archiv des Deutschen Museums . Sein Forschungsinteresse gilt der Geschichte technischer Sammlungen und den Wechselwirkungen von Biografie und Technikgeschichte. Er publizierte 2005 die Biografie „Oskar von Miller 1855–1934“ und ist u a. Herausgeber bzw. Mitherausgeber der Bücher "Konstruierte Wirklichkeit. Philipp Lenard 1862-1947. Biografie - Physik - Ideologie" (2012), 100 Jahre Konrad Zuse – Einblicke in den Nachlass" (2010), „Geschichte des Deutschen Museums. Akteure, Artefakte, Ausstellungen“ (2003) und „Biographie und Technikgeschichte“ (1998). Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Besuchen Sie die Ausstellung "Geschichte des Deutschen Museums". Dort sehen Sie einen nachgebildeten Pfahl, auf denen das Museum steht, entdecken Sie, was die magischen Gläser verbergen und hören Sie Oskar von Miller bei seiner Einwerbeaktionen zu.