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Von Annette Lein
mit vielen Textpassagen aus Jürgen Teichmanns Buch "Geheimcode der Sterne"
Joseph Fraunhofer, 1787 als elftes und letztes Kind seiner Eltern in Straubing geboren, war nach deren frühen Tod 1799 zur Lehre als Spiegelmacher und Zieratenglasschleifer nach München gegeben worden in das Haus eines Glasermeisters. Dieses Haus, ganz in der Nähe des Marineplatzes, brach bei Renovierungsarbeiten im Juli 1801 plötzlich zusammen. Das Ereignis bewegte ganz München. Es wurde in Zeitungsnachrichten und ausführlichen Polizeiberichten festgehalten. Was vor allem bewegte: man konnte noch Menschenleben retten.  
Nach einigen Stunden Arbeit zog man den Lehrling Joseph Fraunhofer relativ unverletzt aus einem Hohlraum des Trümmerhaufens.  Möglicherweise hätten wir nie etwas von Fraunhofer gehört, wenn nicht dieses Unglück geschehen wäre, das sogar den Landesvater auf den Plan rief. Josephs Meister hatte ihm jegliche Fortbildung über sein Spiegelmacherdasein hinaus verboten. Er durfte in seiner fensterlosen Kammer kein Licht machen, um etwas zu lesen. Selbst die Feiertagsschule, die das aufgeklärte Bayern gerade eingerichtet hatte, um Lehrlinge am Sonntag zu unterrichten, durfte er nicht besuchen.  All das änderte sich nach dem Hauszusammenbruch: Joseph erhielt vom Kurfürsten eine große Summe Geld. Er hatte der Hofgesellschaft in Nymphenburg von seinen angstvollen Stunden unter herunter gebrochenen Holzbalken und Steinen erzählt. Er durfte nun auch in die Schule gehen und bekam Kontakt zu Fachleuten. Sarkastisch könnte man formulieren: Nur unter drei Bedingungen hatte ein armer Bub Chancen im bayerischen Bildungswesen weiterzukommen. Es musste ein Haus zusammenbrechen und ihn begraben. Er musste das Unglück überleben. Und der Kurfürst persönlich musste sich dafür interessieren.  Fraunhofer nutzte seine Chance. Er war nicht der beste Schüler, bildete sich aber privat zäh und ehrgeizig fort, nicht nur in Zieratenglasschneiderei, sondern in allen Bereichen technischer und mathematischer Optik.
Joseph Fraunhofer sah zum ersten Mal die große Vielfalt dunkler Linien im Sonnenspektrum – mehrere hundert.  Er entdeckte die dunklen Sonnenlinien mit einem umgebauten Theodoliten für Landvermessung und verwendete bessere Glasprismen und raffiniertere Beobachtungstechnik gegenüber anderen Astronomen. Fraunhofer nutzte die Linien als technisch nützliche Messmarken, die seine Brechungswerte nochmals verbesserten. Doch das Geheimnis um die dunklen Linien wurde erst 40 Jahre nach ihrer Entdeckung durch das Ausnahmetalent Fraunhofer von dem Chemiker Bunsen und dem Physiker Kirchhoff entschlüsselt. 
Neu im Programm: Science Show "Die Farben des Lichts" zeigt die Entdeckungen von Fraunhofer in Live-Experimenten zum Mitmachen. Mehr zu den Science Shows
Die spannende Geschichte von Fraunhofer, seiner Entdeckung und deren Nachwirkungen bis heute können Sie nachlesen in einem Buch aus dem Verlag des Deutschen Museum. Jürgen Teichmann: Der Geheimcode der Sterne. Eine neue Landschaft des Himmels und die Geburt der Astrophysik. Verlag Deutsches Museum, 2017.
Der Autor, Jürgen Teichmann ist auch Kurator der Sonderausstellung "200 Jahre Fraunhoferlinien", die noch bis 8. April 2018 im Deutschen Museum zu sehen ist. Gezeigt wird die kleine Show in der Ausstellung Akademiesammlung, in der viele Objekte von und zu Joseph Fraunhofer aus der Sammlung des Museums ständig gezeigt werden.  TIPP: Am 4. April 2018 um 14.30 Uhr bietet Jürgen Teichmann eine Führung durch die Sonderausstellung 200 Jahre Fraunhoferlinien. Teilnahme kostenlos. Anmeldung nicht nötig.

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Annette Lein

leitet das digitale Redaktionsteam am Deutschen Museum. Alle Neuigkeiten tickern durch das Redaktionssystem auf ihren Bildschirm. Als Germanistin und Theaterwissenschaftlerin erzählt sie im Blog gerne von den Geschichten und Menschen, die das Deutsche Museum zu dem machen, was es ist. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: In der Ausstellung Meeresforschung die Tauchkugel Trieste ansehen und sich dabei vorstellen, wie sich Jaques Piccard in dieser dickwandigen Kugel gut 11 km zur tiefsten Stelle des Ozeans hat herabsinken lassen. Der Schweizer Forscher hat dabei einen Plattfisch entdeckte - ja, es gibt Leben in der Tiefsee!