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Von Dr. Jörn Bohlmann
Am 22. März 1987 trat der Seenotrettungskreuzer Theodor Heuss seine letzte große Reise an: nach München. Die bayrische Landeshauptstadt als Ziel schien auf den ersten Eindruck ein wenig obskur. Denn was hatte ein Schiff, das für Rettungseinsätze auf hoher See konstruiert und gebaut wurde – also häufig gerade dann in See stach, wenn andere Schiffe schützende Häfen anliefen – was hatte ein solches Schiff im bayrischen München zu suchen?
Die Antwort war einfach: es sollte ins Deutsche Museum. Denn hier fanden bereits seit der Gründung des Museums zu Beginn des 20. Jahrhunderts beständig Meisterwerke der Naturwissenschaft und Technik ihren Eingang. Und ganz ohne Zweifel war (und ist) dieser Seenotrettungskreuzer ein Meisterwerk. Er ist einer der ersten in Serie gebauten Spezialschiffe mit Tochterboot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Bis heute ist die Schiffsklasse, der die Theodor Heuss angehört, wegweisend für den Bau moderner Rettungseinheiten der Seenotretter.
1960 fand die Theodor Heuss, die ursprünglich auf den Namen H. H. Meier getauft wurde, ihre erste Station in Bremerhaven. Vor dort aus stach sie unzählige Male in See, um Rettungseinsätze durchzuführen und havarierten Schiffen und Seeleuten vieler Nationen zu Hilfe zu eilen. Nach vielen Einsätzen wurde die H. H. Meier schließlich nach einem viertel Jahrhundert Reserveschiff der Seenotretter  – und, auf Wunsch vieler Förderer der DGzRS, auf den Namen des ersten Kreuzers der Serie Theodor Heuss umgetauft. Nach der Außerdienststellung im März 1987 begann dann ihre letzte Reise – mit dem Ziel München. Über Flüsse und Kanäle gelangte die Theodor Heuss auf eigenem Kiel bis Nürnberg. Dort wurde das rund 60 Tonnen schwere Schiff am 10. April 1987 schließlich mit zwei Teleskop-Autokränen aus dem Wasser gehoben und auf einen Schwertransporter gesetzt. Dessen vierachsige Zugmaschine zog einen insgesamt zwölfachsigen Tieflader. Das insgesamt 55 m lange Gespann brachte den Rettungskreuzer dann über die bayrischen Straßen und zahlreiche enge Ortsdurchfahrten sicher nach München. Am 15. April 1987, morgens um 03:30 Uhr, erreichte der Schwertransport die Corneliusbrücke – und das Deutsche Museum. Dort wurde das Schiff, wiederum mit Hilfe zweier schwerer Teleskopkrane und unter reger Teilnahme der Öffentlichkeit, im Museumsgarten am Ufer der Isar abgesetzt.
Alle Fotos: Helmut Kapitza
Die Fahrt auf den deutschen Binnengewässern war für die sturmerprobten Seenotretter der DGzRS ungewohnt beschaulich, brachte auf dem Hochwasser führenden Rhein und Main aber trotzdem einige Aufregung mit sich. Denn wegen des hohen Wasserstandes war das Passieren der Brücken manches Mal eine arg knappe Angelegenheit. Der damals verantwortliche Kurator für die Schifffahrtsausstellung des Deutschen Museums, Dr. Jobst Broelmann, führt in seinem Buch Panorama der Seefahrt aus:
„Zum ersten Mal wünschte sich die Mannschaft, bisher unter freien Himmel erfolgreich, auch eine Handbreit Luft über den ohnehin schon gekappten Schornstein. Den Ansturm der sensationshungrigen Reporter hielten sie anschließend jedoch mit Humor stand: ‚Was war Ihr schwierigster Einsatz?‘ ‚Als wir unter den Brücken durch mußten.‘ ‚Und was war Ihr schönstes Erlebnis?‘ ‚Als wir unten durch waren.‘“
Aufgrund der umfassenden Renovierungs-, Umbau- und Neugestaltungsarbeiten unseres Hauses ist die Besichtigung der Theodor Heuss derzeit leider nicht möglich – für unsere fleißigen Handwerker und Restauratoren eine willkommene Gelegenheit, dem Schiff beizeiten eine notwendige Renovierung zukommen zu lassen. Unabhängig davon, dass die Theodor Heuss derzeit also nicht zu besichtigen ist: die Arbeit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger wird in der Schifffahrtsausstellung dargestellt. Die humanitäre  Arbeit der Seenotretter ist bis heute spendenfinanziert; gespendet werden kann unter folgenden Link: https://spenden.seenotretter.de. Und zum Weiterlesen und Stöbern seien folgende Bücher empfohlen:  
  • (1988): Vom Seenotkreuzer zum Straßenkreuer; Bremen-München 1987, die Theodor Heuss schreibt Transport-Geschichte; DGzRS, Bremen
  • Broelmann, Jobst (2006): Panorama der Seefahrt, Deutsches Museum, München und Hauschild, Bremen
  • Mehr zum Seenotrettungskreuzer, auch Fotos von den Innenräumen, auf unseren Sammlungsseiten
Dr. Jörn Bohlmann ist gelernter Segelmacher und Holzbootsbauer, fuhr mehre Jahre zur See und arbeitete viele Jahre in verschiedenen Werften und Museen sowohl als Restaurierungshandwerker sowie als wissenschaftlicher Angestellter. Er ist Kurator für Schifffahrt und Meerestechnik am Deutschen Museum.

Autor/in

Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.