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Von Gerrit Faust
Es ist der erfolgreiche Abschluss eines Jahrhundertprojekts – der beiden Gesamtausgaben der großen Astronomen Nicolaus Copernicus und Johannes Kepler. Beide haben unsere Sicht der Welt grundlegend verändert. Beide Editionen können auf eine sehr lange – im Fall der Kepler-Ausgabe fast 100-jährige – Entstehungsgeschichte zurückschauen. Und beide werden von großen Münchner Wissenschaftsinstitutionen betreut: die Kepler-Edition von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die Copernicus-Ausgabe vom Deutschen Museum.
Mitarbeiter und Mitherausgeber bei der Copernicus-Gesamtausgabe Prof. Dr. Andreas Kühne vom Forschungsinstitut des Deutschen Museums ist seit 26 Jahren dabei – und weiß eine Menge über Copernicus.
Kühne kennt den berühmten Astronomen inzwischen als Universalgelehrten, der nicht nur das astronomische Weltbild revolutionierte, sondern auch ein ausgezeichneter Währungstheoretiker war, ein hervorragender Verwaltungsbeamter, ein ebenso ausgezeichneter Mathematiker wie ein ausgebildeter Arzt. Copernicus‘ Hauptwerk, das den Anfang vom Ende des geozentrischen Weltbildes verkörpert, heißt zwar „De revolutionibus orbium coelestium“ (Über die Umschwünge der Himmelskörper). „Aber ein Revolutionär im modernen Sinne war Copernicus nicht. Er war ein Mann des Rechts. Ganz buchstäblich als promovierter Kirchenjurist, aber auch in einem moralischen und politischen Sinn“, sagt Kühne. Er habe größtmögliche Genauigkeit und persönliche Integrität mit einem umfassend gebildeten Humanismus verbunden. Sein Werk war ein Buch für Spezialisten, das erst in seinem Todesjahr im Druck erschien. Copernicus‘ Hauptthese: Die Sonne - nicht die Erde - steht im Zentrum unseres Planetensystems. Bis dahin war mehr als 1500 Jahre lang die vorherrschende Meinung gewesen, die Erde befinde sich im Zentrum des Universums. Copernicus war der Erste, der das auf der Basis von Beobachtungen, Berechnungen und Modellen widerlegte.
Kühne sagt über „seinen“ Autor: „Er hat nicht nur die Copernicanische Wende eingeleitet, sondern wusste auch, dass die Sterne ‚unermesslich’ weit von uns entfernt sind und Fixsterne sind, sich also nicht bewegen. Für damalige Zeit war das durchaus richtig“, sagt Kühne. Gleichzeitig beeindruckt ihn auch die Sprache, der Copernicus sich bedient. Sie wirkt streckenweise fast poetisch: „In der Mitte von allen aber hat die Sonne ihren Sitz. Denn wer möchte sie in diesem herrlichen Tempel als Leuchte an einen anderen oder gar besseren Ort stellen als dorthin, von wo aus sie das Ganze zugleich beleuchten kann?“ Auf der anderen Seite sagt Kühne auch: „Es gibt Sätze von Copernicus, deren Bedeutung für uns wohl immer dunkel bleiben wird.“
Anders als Galileo Galilei und Giordano Bruno geriet Copernicus nicht mit der Kirche in Konflikt – erstens zögerte Copernicus, sein Hauptwerk zu Lebzeiten zu veröffentlichen, zweitens hatte die Kirche in Polen angesichts der Reformation zunächst andere Sorgen, als sich mit Copernicus‘ Ideen auseinanderzusetzen. Und schließlich widmete Copernicus das Werk Paul III., einem wissenschaftsfreundlichen Papst. Der Konflikt begann erst nach Copernicus‘ Tod: Sein Werk landete auf dem Index der verbotenen Bücher, und Martin Luther nannte den großen Astronomen einen „Narren“.
Kühne ist auch heute noch großer Respekt vor Copernicus anzumerken. Gefragt, worin denn der Sinn eines solch großen, langwierigen Forschungsvorhabens besteht, wird Kühne grundsätzlich: „Ich glaube, dass begründete Aussagen über die Geschichte nur dann möglich sind, wenn wir Originaltexte akribisch edieren und studieren. Das ist natürlich mühsam, aber absolut notwendig, denn daraus ergibt sich ein Bild dieser Zeit. Ohne Textkenntnis sind keine verlässlichen Aussagen über die Vergangenheit möglich.“
Gerrit Faust leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Museums. Nach seinem Journalistmus-Studium hat er bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet. Zuletzt war er Chef vom Dienst bei der Abendzeitung.

Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum:
Vom höchsten zum tiefsten Punkt des Museums. Die Show im neuen Planetarium ist nämlich himmlisch. Und dann - mit beliebig vielen Zwischenstationen - ab in die Tiefe. Denn die Atmosphäre im Bergwerk ist einfach zutiefst bewegend.

Autor/in

Gerrit Faust

Gerrit Faust leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Museums. Nach seinem Journalistmus-Studium hat er bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet. Zuletzt war er Chef vom Dienst bei der Abendzeitung.

Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Vom höchsten zum tiefsten Punkt des Museums. Die Show im neuen Planetarium ist nämlich himmlisch. Und dann - mit beliebig vielen Zwischenstationen - ab in die Tiefe. Denn die Atmosphäre im Bergwerk ist einfach zutiefst bewegend.