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von

Jörn Bohlmann
Ende Februar jährt sich zum 50. Mal ein trauriger Jahrestag; am 23. Februar 1967 wurde der Seenotrettungskreuzer Adolph Bermpohl, ein äußerst seetüchtiges Schiff in der Flotte der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), von einer derart hohen Grundsee erfasst, dass die vierköpfige Mannschaft sowie drei bereits aus akuter Seenot gerettete Seeleute eines niederländischen Fischkutters ums Leben kamen. Das Unglück ereignete sich unweit nördlich der Nordseeinsel Helgoland – an einem Tag, an welchem die Wetterstation der Nordseeinsel Helgoland ungewöhnlich hohe Windstärken verzeichnete. Über mehrere Stunden lag das stündliche Mittel des Orkans, der später Adolph-Bermpohl-Orkan benannt wurde, bei über 80 Knoten, also bei ca. 150 km/h. Neben den sieben Todesopfern, die beim Unglück der Adolph Bermpohl  vor Helgoland zu verzeichnen waren, kostete der Sturm mehr als 70 weiteren Seeleuten das Leben; darunter auch die achtköpfige Besatzung eines weiteren in Seenot geratenen Motorschiffes, dem die Adolph Bermpohl nicht mehr zu Hilfe eilen konnte.
Bei also markant schlechten Wetterbedingungen war die Adolph Bermpohl am frühen Abend des 23. Februars 1967 damit beschäftigt, der dreiköpfigen Besatzung des niederländischen Fischkutters Burgemeester van Kampen zu Hilfe zu eilen; nur acht Seemeilen nördlich von Helgoland drohte der Fischerkutter zu sinken. Da die Adolph Bermpohl in der groben See die Besatzung des Fischkutters unmöglich direkt hätte abbergen können, wurde das Tochterboot des Rettungskreuzers, die Vegesack, über die Heckklappe zu Wasser gelassen. Der Vegesack gelang es, die drei niederländischen Seeleute sicher abzubergen. Da es in der groben See aber vollkommen undenkbar war, das Tochterboot wieder auf die Adolph Bermpohl zu ziehen, fuhren Tochter- und Mutterschiff nebeneinander im Geleit fahrend, in Richtung des sicheren Hafens von Helgoland. Gegen 18.30 Uhr setzte die Mannschaft der Adolph Bermpohl noch eine Funkmeldung ab, welche den Seenotfall der Burgemeester van Kampen für sicher beendet erklärte. Danach wurde es still um die Seenotretter. Erst am folgenden Tag wurde die Adolph Bermpohl dreizehn Seemeilen südöstlich von Helgoland seetüchtig treibend gefunden – nur leicht beschädigt, mit einer laufenden Maschine, aber ohne Besatzung. Später fand man auch das Tochterboot, die Vegesack; menschenleer, kieloben (kopfüber) treibend, nur fünf Seemeilen westlich des Mutterschiffes.



Da sowohl die gesamte Mannschaft des Rettungskreuzers als auch die bereits vor dem Ertrinken geretteten Seeleute des niederländischen Kutters ums Leben kamen, ließ sich der Unfall des Seenotrettungskreuzers nur anhand einiger Indizien rekonstruieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Mannschaft des Tochterbootes vor der Ansteuerung Helgoland versucht haben, die Geretteten auf den Seenotrettungskreuzer zu übergeben. Der Zustand der Fischer mag sich verschlechtert haben; zudem war zu erwarten, dass die Ansteuerung von Helgoland äußerst ruppig sein würde. Wahrscheinlich wird das Tochterboot bereits längsseits neben das Mutterfahrzeug gegangen sein oder befand sich zumindest in unmittelbarer Nähe – die Netze zum Anbordklettern auf der Adolph Bermpohl waren bereits ausgebracht worden. Jedenfalls erfasste eine Grundsee (eine extrem hohe und steile, sich brechende Welle) die Adolph Bermpohl derart, dass das Schiff schlagartig um 90 Grad krängte (neigte), dabei das Tochterboot erfasste und unter Wasser drückte. Alle sieben Seeleute – die drei Geretteten und die vier Seenotretter, so die Vermutung – verloren den Halt, wurden über Bord gespült und ertranken. Während das Tochterboot, die Vegesack, kieloben liegend abtrieb, richtete sich der Rettungskreuzer nur leicht beschädigt wieder auf und trieb mit laufender und ausgekuppelter Maschine ab.

Um der bei einem Rettungseinsatz ertrunkenen Seenotretter zu gedenken, wurden in den Jahren nach 1967 vier neue Seenotrettungskreuzer der DGzRS nach den vier Seeleuten der Adolph Bermpohl benannt: Paul Denker, H.-J. Kratschke, Otto Schülke und G. Kuchenbecker.
Seit langem pflegen die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger und das Deutsche Museum in München eine gute Zusammenarbeit. So überließ die DGzRS unserem Haus bereits vor ziemlich genau dreißig Jahren den Seenotrettungskreuzer Theodor Heuss (ex H. H. Meier). Dieser steht im derzeit sich noch im Aufbau befindlichen Museumspark und soll baldmöglichst wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das Seenotrettungsboot Asmus Bremer wiederum steht am Haupteingang des Museums und heißt dort seit Ende 2012 alle Besucher willkommen. Diese beiden Schiffe belegen, wie alle anderen Seenotrettungsfahrzeuge der DGzRS auch, wie nützlich sich technische Entwicklungen im Dienst des Allgemeinwohls bewähren können – auch, wenn sie mitunter bitteren Erfahrungen entstammen. So wurden die Rettungskreuzer der DGzRS nach dem Unglück der Adolph Bermpohl kontinuierlich weiterentwickelt; zudem wurden alle neueren Tochterboote so konstruiert, dass sie sich auch aus einer Kieloben-Lage wieder selbst aufzurichten vermögen. Die Geschichte der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger bezeugt eine lange Entwicklungslinie technischen Fortschritts im Dienste der Menschlichkeit. Die Seenotretter leisten vorbildliche Arbeit  – und das seit bereits 152 Jahren.


Wollen Sie helfen? Die DGzRS hat einen link für Spenden eingerichtet. Mehr zum Jahrestag im neuen Buch der DGzRS
Dr. Jörn Bohlmann ist gelernter Segelmacher und Holzbootsbauer, fuhr mehre Jahre zur See und arbeitete viele Jahre in verschiedenen Werften und Museen sowohl als Restaurierungshandwerker sowie als wissenschaftlicher Angestellter. Er ist Kurator für Schifffahrt und Meerestechnik am Deutschen Museum

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Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.