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Von Jörn Bohlmann
Seine Leistungen waren enorm; vor 60 Jahren überquerte der deutsche Arzt Hannes Lindemann (1922-2015) den Atlantik in einem der kleinsten Boote, die je über den „großen Teich“ gefahren sind – in einem Faltkajak. Nur 5,20 m lang war das Segeltuch-Kajak der Marke Klepper – und 87 cm breit. Um dem kleinen Gefährt auf der langen Reise von Las Palmas de Gran Canaria bis in die Karibik etwas mehr Stabilität zu geben, versah Lindemann es mit einem einfachen Ausleger, gebaut aus einem Paddel und einem kleinen Auftriebskörper. Zwei kleine Segel sorgten bei Rückenwind für Vortrieb; das hintere Segel bot Lindemann zudem zeitweiligen Windschutz. Nicht weniger als 72 Tage saß der deutsche Arzt in seinem Faltboot: vom 20. Oktober bis zum 30. Dezember 1956. Zweimal kenterte er auf seiner Reise bei stürmischem Wetter – am 55. und am 59. Tag.
Die Nächte nach den beiden Kenterungen verbrachte Lindemann, vollkommen übermüdet und durchnässt, liegend auf seinem Boot, bevor es ihm bei Tageslicht endlich gelang, wieder in das Kajak zu kriechen. Wertvolle Konservendosen gingen verloren. Zudem plagten neben latentem Schlaf- und Bewegungsmangel den Arzt Abszesse, hervorgerufen von Scheuerstellen des einfachen Ölzeuges und dauerhaft durchnässter Kleidung. Eines seiner Knie schwoll kindskopfgroß an. Darüber hinaus waren Durst und Hunger ständige Begleiter, denn genügend Proviant für die ganze Reise konnte Lindemann gar nicht mitführen. Lediglich je elf Dosen Bohnen, Erbsen und Fruchtsalat, je 6 Dosen Karotten, Käse und Thunfisch sowie elf Gläser Honig waren an Bord; dazu drei Liter Wasser, 72 Dosen Bier und 96 Dosen Kondensmilch. Das Auffangen von Regenwasser und der Verzehr roher Fische waren deshalb zum Überleben unbedingt notwendig. Über seinen ersten, am neunten Reisetag gefangenen Fisch schrieb Lindemann: „Die Organe schmecken besser als das Muskelfleisch und haben infolge ihres größeren Reichtums an Vitaminen und Mineralien auch größeren Wert. Dann esse ich noch einen Teil des faden Fleisches und hebe den Rest im Schatten des Kompaßgehäuses für den nächsten Tag auf. Eine ganze Tagesration von Konserven ist gespart “ (Lindemann, 1963:85).
Aber nicht schiere Abenteuerlust oder Rekordsucht waren Lindemanns Motivation, die Strapazen dieser gefährlichen Reise auf sich zu nehmen. Vielmehr war der Arzt daran interessiert herauszufinden, wie sich die Überlebenschancen Schiffbrüchiger verbessern ließen. In den 1940er Jahren wurde u.a. kontrovers diskutiert, ob, in welchem Ausmaß und wie lange Schiffbrüchige Seewasser zu sich nehmen könnten, ohne dauerhafte Schäden davonzutragen. Um zu beweisen, dass Schiffbrüchige in einem Schlauchboot durchaus lange überleben können, überquerte 1952 der französische Arzt Alain Bombard (1924-2005) den Atlantik. Jedoch, Bombard führte von Anfang an Lebensmittel für drei Monate sowie genügend Trinkwasser mit sich – und übernahm zweimal ergänzend weitere Vorräte von zufällig getroffenen Schiffen. Lindemann kritisierte, dass dies für wirklich Schiffbrüchige vollkommen unrealistische Bedingungen waren; kein Rettungsfloß würde je mit so viel Proviant pro Person zu versorgen sein. Um aufzuzeigen, dass ein Überleben dennoch möglich ist, machte Lindemann sich auf seine Reise.
Die Tour mit dem Klepper Faltkajak war bereits Lindemanns zweite Atlantiküberquerung. Seine erste unternahm er im Vorjahr auf der gleichen Route: mit einem 7,7 m langen und nur 76 cm breiten liberianischem Ausleger-Einbaum. Diese Reise dauerte 65 Tage. Auf beiden Reisen war es Lindemann ein Anliegen, nicht nur die physischen Gesundheitsgrundlagen Schiffbrüchiger – Essen, Trinken, Schlafen etc. - genauer kennenzulernen, sondern auch die psychischen. Schiffbrüchige mit einer zuversichtlichen Einstellung, so Lindemann, würden länger überleben als solche, die innerlich resignierten. Um seinen Durchhaltewillen zu stärken, übte Lindemann sich im autogenen Training – einer Entspannungstechnik, die von dem Berliner Psychiater Johannes H. Schulz (1884-1970) entwickelt und 1926 erstmals vorgestellt wurde. Indem Lindemann sich immer wieder vorsagte „ich schaffe es – nicht aufgeben – Kurs West – nimmt keine fremde Hilfe an“ überdauerte er die Strapazen beider Reisen. Als er am 36. Tag seiner Reise mitten auf dem Atlantik einem Frachter begegnete, und dieser ihn an Bord nehmen, zumindest jedoch mit Proviant versorgen wollte, „sprudelte es“, so Lindemann, nur so aus ihm hervor: keine Hilfe wollte annehmen, obwohl er Lebensmittel eigentlich dringend nötig hatte (Lindemann, 1963:107). Mit seinen erfolgreichen Reisen gilt Lindemann als einer der ersten, die den Wert des autogenen Trainings einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte.
Am 30. Dezember 1956, also vor ziemlich genau 60 Jahren, erreichte Hannes Lindemann schließlich die Insel St. Martin, gelegen im Norden der Kleinen Antillen in der Karibik. Kaum, dass er angekommen war, trieb es ihn aber weiter; nur zwei Nächte verbrachte Lindemann an Land - ein Mechaniker reparierte zwischenzeitlich das Ruder seines Faltkajaks. Dann machte Lindemann sich erneut für weitere „50 gemütliche Stunden“ auf, um nach St. Thomas zu gelangen, wo ihn schließlich Freunde erwarteten und er seine Reise beendete (ebd.:142).
Hannes Lindemanns Kajak steht heute in der Schifffahrtsausstellung des Deutschen Museums – klein, unscheinbar, vor dem Hintergrund seiner Geschichte aber doch ein spektakuläres Sammlungsobjekt. Wie Lindemanns Reisebeschreibung kommt es ohne jedes Pathos einher; das Kajak zu sehen und Lindemanns Buch zu lesen, ist ein Zeugnis wohltuender Bescheidenheit. Die Reise selbst unternehmen zu wollen, empfiehlt Lindemann aber nicht: „… ich möchte noch einmal dringend alle davor warnen, mit einem Faltboot das Meer zu befahren“ schließt Lindemann die Schilderung seiner Reise. „… die Geschichte der bisher unternommenen Versuche hat gezeigt, dass der Tod fast immer Sieger bleibt,“ (ebd.:145).

Literaturquelle und Leseempfehlung:

Lindemann, Hannes (1963): Allein über den Ozean – In Einbaum und Faltboot über den Atlantik. Heinrich Scheffler Verlag, Frankfurt a.M.


 
Dr. Jörn Bohlmann ist gelernter Segelmacher und Holzbootsbauer, fuhr mehre Jahre zur See und arbeitete viele Jahre in verschiedenen Werften und Museen sowohl als Restaurierungshandwerker sowie als wissenschaftlicher Angestellter, u.a. am dänischen Wikingerschiffsmuseum in Roskilde und zuletzt im Rahmen eines Scholar-In-Residence-Stipendiums am Deutschen Museum. Im Dezember 2016 übernahm er als Kurator Verantwortung für die Ausstellung Schifffahrt und Meerestechnik an unserem Museum.
Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum:
Als Holzbootsbauer und „Hamburger Jung“ natürlich der Fischerei-Ewer HF 31 Maria. Das Schiff wurde 1880 in Hamburg gebaut und blieb fast 70 Jahre lang im Fischfang auf der Nordsee und dem Watt in Fahrt – und hat nicht immer nur glückliche Zeiten gesehen. Im Jahre 1901 wurden im Sturm zwei Besatzungsmitglieder auf Nimmerwiedersehen von Bord gespült; in den kommenden Jahren folgten eine Strandung und mehrere Kollusionen. 1930 sank das Schiff sogar wegen einer eingedrückten Planke im Helgoländer Hafen, Gott sei Dank im flachen Wasser. Nur zwei Wochen später war der Ewer mit seiner Besatzung wieder auf der Nordsee unterwegs. Sogar die Wirren des zweiten Weltkrieges überlebte die Maria, erst in den 1950er Jahren verfiel sie, da sich der Einsatz alter, hölzerner Ewer in der Fischerei nicht mehr lohnte. 1957 kam das Schiff in das Deutsche Museum – zu einer Zeit, als viele andere alte Arbeitsschiffe auf Abwrackwerften ihr Leben verloren. Heute ist das Schiff sicher im Deutschen Museum verwahrt – und verbreitet den Wohlgeruch von Hanf, Teer und altem Segeltuch. Wer am Schiff vorbeikommt, findet in der Schifffahrtsabteilung aber noch viele weitere spannende Objekte  -von denen mich die Dioramen, z.B. jene der Boots- und Schiffbauereien, bei meinem ersten Besuch wirklich begeisterten.

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Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.