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Von Katja Kuhlmann
Da stehe ich nun in der Eingangshalle des Deutschen Museums und habe keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Ich warte auf die Menschen, die ich heute bei einer ganz besonderen Führung begleiten möchte. Als die ersten Teilnehmer hineinkommen, werde ich ganz rot. Denn in dem Moment fällt mir auf, dass ich mein Namensschild vergessen habe. Warum vergesse ich ausgerechnet heute mein Namensschild? Ausgerechnet bei den Leuten, bei denen es wirklich wichtig gewesen wäre? Schon kommen sie auf mich zu und ich begrüße sie mit feuchten Händen und sage laut meinen Namen. Wie bescheuert ist das denn? Da begrüßt man eine Gruppe Gehörlose – und das Schlauste, was mir einfällt, ist, meinen Namen laut zu sagen?! Doch Not macht klug und den nächsten Besuchern, halte ich meinen Notizblock vors Gesicht auf dem ein großes „KATJA“ geschrieben steht.
Ganz früher hat man Gehörlose „taubstumm“ genannt – aber das ist Quatsch. Auch Gehörlose können sprechen – auch wenn sie das, was sie sagen, selbst nicht hören können. Als die Besucher merken, dass ich keine Gebärdensprache verstehe, sagen sie laut ihre Namen. Die Stimmen klingen zwar ungewohnt, aber ich kann trotzdem alles verstehen. Es ist eine sehr nette Gruppe, die sich hier zusammengefunden hat. Einige kennen sich und begrüßen einander sehr herzlich, bevor sie mit Gebärden die ersten Gespräche beginnen.
Sandra Kittmann, die für die Barrierefreiheit im Deutschen Museum zuständig ist, begrüßt die Gäste: Sie bedankt sich beim Landkreis München und dem Gehörlosenverband München und Umland für die Kooperation  – und sie stellt auch die Gebärdendolmetscherin Frau Anne Göppert vor – ohne die die Führung heute nicht möglich wäre. Schon während der Begrüßung machen sich die ersten Mitglieder der Gruppe auf den Weg Richtung Schifffahrt. Mein erster Impuls ist natürlich, ihnen nachzurufen. Aber nun ja – siehe oben. Ich laufe ihnen also hinterher. Dann geht es gemeinsam Richtung Schifffahrt. Hier begrüßt uns Museumsmitarbeiter Reinhard Labisch zu seiner Führung. Obwohl die Gebärdendolmetscherin noch nie eine Führung im Deutschen Museum begleitet hat, funktioniert das richtig gut – sie und Labisch sind ein gutes Team. Natürlich gibt es nicht für jedes technische Gerät eine Gebärde. Aber zum Beispiel für Dampfmaschine gibt es eine – und zur Not kann man in der Gebärdensprache immer noch buchstabieren. 
Als die Führung losgeht, habe ich tatsächlich schon fast wieder vergessen, dass ich mit Gehörlosen unterwegs bin. Es wird geredet, erzählt, informiert - und viel miteinander gelacht. Frau Göppert übersetzt die Fragen, Kommentare und Witze der Teilnehmer für uns zurück. Leider beherrsche ich die Gebärdensprache nicht, doch ich ertappe mich viele Male dabei, wie ich fasziniert auf die Hände der Besucher starre. Die tauschen, so wie jede andere Gruppe auch, viele Kommentare während der Führung aus.
Was einem natürlich nicht bewusst ist: Für die Gehörlosen ist das gleichzeitige „Zuhören“  und Anschauen ein großes Problem – logisch: Entweder man schaut auf die Hände der Dolmetscherin oder auf das Ausstellungsstück, beides gleichzeitig geht nicht.  Das ist natürlich auch für den Führer eine Herausforderung – der ist gewohnt, gleichzeitig zu zeigen und zu sprechen. Bei der „Renzo“, dem großen Dampfschlepper in der Schifffahrtsausstellung, erklärt das ein Mitglied der Gruppe freundlich, aber bestimmt. Reinhard Labisch lässt sich dann auch gleich mehr Zeit. Und eigentlich ist das ja auch eine gute Idee für alle Besuchergruppen: Die meisten Menschen schaffen es ja nicht, gleichzeitig intensiv zuzuhören und das Exponat aufmerksam anzuschauen. Sich mehr Zeit nehmen, um nur zu schauen, ist also in jedem Fall eine gute Idee für Führungen.
Wie herzlich und offen die Teilnehmer sind, bemerke ich auf dem Weg zur Abteilung Meeresforschung. Obwohl mich niemand aus der Gruppe kennt, ich nur mitlaufe und keine Gebärdensprache verstehe, kommunizieren die Besucher trotzdem mit mir und zeigen, wie beeindruckt sie von den Exponaten sind. Auch mit Mimik kann man eine Menge ausdrücken – und sich ohne Worte wunderbar verständigen.
Im Untergeschoss der Schifffahrtsausstellung wird am Ende der Führung ein laufender Schiffsmotor gezeigt. Mich faszinieren dabei die ungewöhnlichen Geräusche. Und ich versuche mir vorzustellen, wie das wohl wäre – nichts zu hören, sein Leben in permanenter Stille zu verbringen. Ehrlich gesagt: Man kann sich das nicht vorstellen. Aber so eine Führung öffnet einem die Augen – nicht nur fürs Museum, sondern auch für die Situation von Menschen, die Barrieren im Leben zu überwinden haben. Und es wäre gut, „normale“ Museumsbesucher daran teilhaben zu lassen. Es wäre ein guter Weg, um Barrierefreiheit auch in den Köpfen zu schaffen. Ich werde nie emotional nachvollziehen können, wie es ist, dauerhaft ohne Gehör zu leben, doch dank dieser Menschen zu sehen, wie man trotzdem oder vielleicht gerade deshalb an der Welt teilhat, ist für mich eine wichtige Erfahrung. 
Das Deutsche Museum hat sich beim Thema Barrierefreiheit auf den Weg gemacht - und hat noch viel vor. Sandra Kittmann will aber nicht erst nach der Modernisierung neue Lösungen vorstellen, sondern auch während der Umbauphase einige Projekte voranbringen. Ein wichtiger Schritt wäre die Anschaffung von induktiven Höranlagen/Hörunterstüzungsanlagen, ganz nach dem Vorbild der vom Gehörlosenverband München und Umland gewünschten „Mediaguides“. Eine Art Smartphone mit WLAN Empfang und mindestens 5 Zoll Display – mit Gebärdensprache und Untertiteln. 
Am 4. Januar 2017 findet die nächste Führung für Gehörlose in den Abteilungen Schifffahrt und Meeresforschung statt. Im Frühjahr 2017 soll es auch Führungen in der neuen Sonderausstellung „energie.wenden“ geben. 
Alle Interessierten finden auf der Seite des Gehörlosenverbands München und Umland weitere Termine und Informationen: http://www.gmu.de/
Katja Kuhlmann ist Praktikantin in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Museums. Sie macht gerade ihren Bachelorabschluss in den Kulturwissenschaften, mit dem Nebenfach Bildungswissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg.

Ihr Tipp für einen Besuch im Deutsche Museum:
Viel Zeit und am besten eine Jahreskarte :D
Aber Spaß beiseite, ich bin ein großer Fan der Altamira-Höhle!
Dort erkannt man wie sich seit Anbeginn der Menschheit kulturelles Leben und technische Erkenntnisse gegenseitig beeinflussen.

Autor/in

Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.