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Von Nina Möllers
1000 Blumenstängel, 86 Monitore, 300 Quadratmeter Pappe, ein langes Fremdwort und über 180.000 BesucherInnen: Die Sonderausstellung „Willkommen im Anthropozän. Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde“ hat dem Deutschen Museum eindrucksvolle Zahlen beschert. Noch 7 Tage lang haben Sie Gelegenheit, die Ausstellung zu sehen, am 30.9.2016 schließt sie endgültig ihre Tore. Das Deutsche Museum hat sich mit ihr auf neues Terrain gewagt, schließlich hatte noch kein Museum zuvor das Anthropozän in einem solchen Ausmaß zum Thema gemacht. Eine gesunde Portion Skepsis war deshalb nicht überraschend. Am Puls der Zeit und zukunftsweisend, so wollen wir sein. Aber noch wissen wir gar nicht, ob es das Anthropozän als offizielles geologisches Zeitalter überhaupt geben wird. Und selbst wenn, kann man so etwas ausstellen und sollten wir als Technik- und Wissenschaftsmuseum dies tun?
Ja, das sollten wir, kaum ein Konzept hat in letzter Zeit eine solche Konjunktur erlebt wie das Anthropozän. Neben den Wissenschaften beschäftigen sich die Künste, Musik und (Populär-)Literatur, aber auch die Politik und Wirtschaft mit dem möglichen neuen Erdzeitalter. Auch in der Geologie – wo die Diskussion ihren Ursprung hat – zieht das Anthropozän immer weitere Kreise: Erst vor wenigen Wochen hat eine eigens eingesetzte Arbeitsgruppe auf dem 35. Weltkongress der Geologen mit überwältigender Mehrheit dafür gestimmt, das Anthropozän als jüngsten Abschnitt in die erdgeschichtliche Zeitskala einzuführen. Das letzte Wort darüber ist noch nicht gesprochen – weitere Gremien müssen noch zustimmen –, aber es wird wahrscheinlicher. Derzeit debattieren die Geologen insbesondere darüber, welche menschlichen Hinterlassenschaften das neue Zeitalter kennzeichnen. Menschengemachte Stoffe wie Aluminium und Plastik spielen dabei eine wichtige Rolle.
Mut und ein bisschen Risikobereitschaft machen sich also bezahlt. Die Wahl des Themas – und nicht zuletzt die Entscheidung, das in der breiten Bevölkerung damals noch gänzlich unbekannte Wort Anthropozän in den Titel aufzunehmen – hat dem Deutschen Museum eine große Sichtbarkeit, auch über übliche Kanäle hinaus, beschert. Auch für unser Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm erwies sich das Thema als sehr anschlussfähig. Von Lehrerfortbildungen über wissenschaftliche Veranstaltungen fürs akademische und breite Publikum bis zu einem ausgefeilten Kinderprogramm: Das Anthropozän ließ sich auf unterschiedliche Weise an viele verschiedene Zielgruppen vermitteln. 
Im professionellen und akademischen Bereich sind die Anfragen schon fast nicht mehr zu zählen. Viele MuseumskollegInnen aus Deutschland und der ganzen Welt haben bei uns angeklopft, um sich mit uns über das Thema auszutauschen und von unseren Erfahrungen zu hören. Besonderes Veranstaltungshighlight war der in Kooperation mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und dem Club of Rome veranstaltete Zukunftskongress (Mehr zum Zukunftskongress). 
Und was ist mit den täglichen Besuchern und Besucherinnen? Wie fanden die eigentlich die Ausstellung? Nun, die sehr guten Besuchszahlen sprechen für sich. Aber auch die im Mai 2015 im Rahmen einer Abschlussarbeit entstandene Evaluierung zeigt, dass das Konzept der Ausstellung aufgegangen ist. Besonders beliebt waren die etwas ungewöhnlicheren Objekte wie die Galerie der Luftaufnahmen auf der Themenplatte Natur oder das gehäkelte Korallenriff im Ausstellungsbereich Evolution. Sowohl die Resonanz auf die Führungen, vor Ort an den Ausstellungsdienst, als auch in den Blumenbüchern oder vereinzelt sogar per Anruf oder Email zeigen: Das Thema interessiert, und die Ausstellung machte Lust, sich mit ihm zu beschäftigen. Besonders gefreut haben wir uns über zwei Erkenntnisse aus der Evaluierung. Zum einen waren Familien sehr stark vertreten (sogar stärker als in anderen Sonderausstellungen); eine schöne Neuigkeit, die uns aufgrund der Komplexität des Themas überraschte. Zum anderen war der so genannte „motivational impact“ ausgesprochen hoch: 90,5% der Befragten würden sich mit den Themen der Ausstellung erneut beschäftigen, wenn sie ihnen zufällig begegneten, und 71% planen dies bewusst zu tun. Beide Gruppen führten ihr Interesse auf den Besuch der Ausstellung zurück.
Kommen Sie uns besuchen und machen Sie sich ihr eigenes Bild vom Anthropozän. Noch bis einschließlich 30.9.2016 ist die große Sonderausstellung zu sehen. Auch nach Ende der Ausstellung bleibt das Thema Anthropozän im Deutschen Museum erhalten. Viele Ausstellungen und Objekte dokumentieren das "menschengemachte Zeitalter". In einem Forscherbogen und in der Comic-Anthologie finden Sie Anregungen. Auf der Webseite "Anthropozän" finden Sie alle Veröffentlichungen des Museums, Bücher und Filme. Anthropozän: Weiterlesen

Nina Möllers

die promovierte Historikerin ist Projektleiterin und Kuratorin für die Sonderausstellung "Willkommen im Anthropozän. Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde". Sie arbeitet am Forschungsinstitut des Deutschen Museums. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum ist ein Ausflug ins All: Im Innenhof des Deutschen Museums steht eine große goldene Sonnenkugel. Folgt man von hier aus dem Pfad, der am Isarufer entlang bis zum Tierpark Hellabrunn führt, trifft man auf Venus, Merkur, Uranus und die anderen Planeten. Der Planetenweg ist maßstäbliches Modell unseres Sonnensystems. Hier wird einem erst richtig bewusst, wie klein der Mensch und wie riesengroß das Weltall ist: Für einen Schritt auf dem Planetenweg müssten wir im Weltall mehr als eine Million Kilometer zurücklegen.

Autor/in

Nina Möllers

ist Mitarbeiterin am Forschungsinstitut des Deutschen Museums. Derzeit arbeitet die promovierte Historikerin als kuratorische Leiterin für eine Sonderausstellung zum Thema "Kosmos Kaffee", die ab Frühjahr 2019 im Deutschen Museum gezeigt wird. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum ist ein Ausflug ins All:
Im Innenhof des Deutschen Museums steht eine große goldene Sonnenkugel. Folgt man von hier aus dem Pfad, der am Isarufer entlang bis zum Tierpark Hellabrunn führt, trifft man auf Venus, Merkur, Uranus und die anderen Planeten. Der Planetenweg ist maßstäbliches Modell unseres Sonnensystems. Hier wird einem erst richtig bewusst, wie klein der Mensch und wie riesengroß das Weltall ist: Für einen Schritt auf dem Planetenweg müssten wir im Weltall mehr als eine Million Kilometer zurücklegen.