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Von Sabine Pelgjer
Gerade noch alte Rechenwalzen bewundert, über die Z3 gestaunt und beim C64 in Nostalgie geschwelgt, da hält einem plötzlich Micky Maus einen gelben Hörer entgegen. Hallo, Telefon! Was ist denn das für ein „Anschluss“ zwischen Informatik und Mikroelektronik-Abteilung? In Zeiten von sozialen Medien, Smartphone und PC in fast jedem Haushalt eigentlich ein ganz Naheliegender!
Wenn man in der Informatik die Treppe zur Mikroelektronik-Ausstellung emporsteigt, steht neben dem Aufgang dieser kleine Schaukasten mit dem „Designtelefon mit Figur Micky Maus, A. Zettler, München; 1989“. Diese kurze Beschreibung in der Vitrine befriedigt noch nicht ganz die Neugier, also Nachfrage bei der Informatik-Kuratorin. Anja Teuner antwortet: „Das Telefon stand vorher viele Jahre in der Telekommunikation. Aufgrund deren Schließung im Rahmen der Modernisierung haben wir einige Highlights in die Informatik und die Mikroelektronik-Abteilung umgezogen, bzw. diese aufgepeppt. So steht unten die Vitrine „Unterhaltungselektronik“ neben den fünf neuen Vitrinen mit PCs, und oben auf der Empore eben das wichtigste der Vermittlungstechnik. Die Grenzen zwischen Informatik, Telekommunikation und Elektrotechnik sind ja fließend. Das besagte Maus-Telefon steht dort, weil es eben so schön ist.“
Der schicke Micky muss also für die Zeit der Renovierung seiner Abteilung erst mal nicht ins Depot.  Und Dietrich Maurer vom Sammlungsmanagement kann sogar noch ein paar Informationen zu seiner Vergangenheit liefern: Auf dem „Grunddaten-Ausdruck“ zu Inventarnummer 1990-202 sind unter anderem das Zugangsdatum „06.12.1989“ und der Zugangswert „600,00 DM“ vermerkt. Unter dem Stichwort „Bedeutung (historische)“ steht: „Von der DBP (Deutsche Bundespost) seit 1980 vertrieben – augenfälliger Beweis dafür, dass DBP von diesem Zeitpunkt an von ihrer „konservativen“ Produktlinie abwich.“ Tina Kubot, Kuratorin für Mikroelektronik und Telekommunikation, erklärt dazu: „1989 endete das Endgerätemonopol der Deutschen Telekom. Die Konkurrenz wurde damit härter und mit den Einheitsgeräten mit ihrer beschränkten Farbauswahl war kein großer Marktanteil mehr zu bekommen. So stellte die Telekom ab 1980 dieses exklusive Gerät her. Das Design und die progressive Idee ließ sie sich mit 600 DM Anschaffungspreis teuer bezahlen.“
Und dann ist da noch die Sache mit der „Erwerbsart“. Micky Maus wurde dem Deutschen Museum nämlich gestiftet - von der Alois Zettler GmbH, München 5. Eine Firma mit gewisser Nähe zum Deutschen Museum. Das beginnt schon räumlich: Alois Zettlers erste „feinmechanische Präzisionswerkstätte“ war in der Zweibrückenstraße 3 ansässig – allerdings noch einige Jahre bevor auf der benachbarten Kohleninsel das Museum errichtet wurde.
Alois Zettler (1854-1942) war ein Pionier der Elektrotechnik in München. 1881 begegnete er dem späteren Museumsgründer Oskar von Miller, der die große internationale Elektrizitäts-Ausstellung im Jahr 1882 organisierte. Zettler beteiligte sich „mit Feuereifer“, wie es in den Firmenmitteilungen (Heft 40, April 1977) heißt, und stellte folgende Ausstellungsstücke zur Verfügung: „Influenzmaschinen mit Nebenapparaten, dynamo-elektr. Maschinen, Glühlichter für die Werkstätten, Bogenlichtlampen mit Laterne, Induktionsapparate und konstante Batterien.“
Als dann 1893 zum Zwecke der „Ausdehnung der Anwendung des elektrischen Stromes“, unter anderem für den Betrieb der elektrischen Straßenbeleuchtung der „Elektrotechnische Verein München“ ins Leben gerufen wurde, gehörten auch Alois Zettler und Oskar von Miller zu den Gründungsmitgliedern.  International bekannt wurde Zettler später durch die Erfindung des „Lichtrufs“, der heute als „Schwesternruf“ oder „Patientenruf“ geläufig ist. Wobei dieses elektrooptische  Meldesystem zuerst tatsächlich in Hotels genutzt wurde. Um die Jahrhundertwende hatte die Alois Zettler GmbH neben der „Lichtsignal-Einrichtung für Hotels“ eine umfangreiche Palette an elektronischen Produkten zu bieten, u. a. auch schon „Telephonapparate“. Mittlerweile war das Unternehmen kräftig gewachsen und an den Standort Holzstraße28-30 gewandert.
Telefone werden dort heutzutage nicht mehr gebaut – höchstens noch fleißig genutzt. Der denkmalgeschützte Jugendstilbau beherbergt Wohnungen und Büros. Auch die Alois Zettler GmbH existiert nicht mehr in dieser Form. 1994 wurde das Unternehmen aufgespalten. Die Firma Eben, die damals Telefonproduktion und -vertrieb übernommen hatte, war kurze Zeit später insolvent. Die Zettler electronics GmbH mit Sitz in Puchheim führt dagegen bis heute das Geschäft mit elektromechanischen Komponenten (Relais, Schaltern, Sensoren etc.) weiter.
Mickys Designtelefon-Geschwister werden inzwischen im Internet als Sammlerstücke gehandelt. Das Modell mit Wählscheibe, wie es bei uns in der Vitrine steht, gibt es dabei schon für etwa 160 Euro zu ersteigern.  Im Vergleich zu den 600 D-Mark „Zugangswert“ von 1989 ist das deutlich günstiger. Allerdings ist so eine überraschende, nette Begegnung beim Streifzug durch das Museum doch unbezahlbar.
Sabine Pelgjer hat nach dem Studium der Kunstgeschichte bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Münchner tz. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Zeit mitbringen – und sich unbedingt die Ausstellung Zeitmessung in Ebene 3 ansehen. Zwischen Präzisionspendel- und  Schwarzwalduhren, Kalendervariationen und Oszillograf kann man tief in die vierte Dimension eintauchen. Und wenn das Wetter mitspielt unbedingt im Sonnenuhrengarten auf der Terrasse im sechsten Stock vorbeischauen, dann ist auch Zeit für einen traumhaften Blick über die Stadt.

Autor/in

Sabine Pelgjer

Hat nach dem Studium der Kunstgeschichte bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Münchner tz. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Zeit mitbringen – und sich unbedingt die Ausstellung Zeitmessung in Ebene 3 ansehen. Zwischen Präzisionspendel- und  Schwarzwalduhren, Kalendervariationen und Oszillograf kann man tief in die vierte Dimension eintauchen. Und wenn das Wetter mitspielt unbedingt im Sonnenuhrengarten auf der Terrasse im sechsten Stock vorbeischauen, dann ist auch Zeit für einen traumhaften Blick über die Stadt.