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Von Sabine Pelgjer
Ronald Göbels Augen strahlen ehrfürchtig: „Diese Apparatur ist etwas ganz Besonderes!“ Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Abteilung Chemie steht vor einer Vitrine in der Sonderausstellung Anthropozän. In dem Glaskasten ist eine Haber-Bosch-Apparatur zu sehen. „Die hat Hermann Lütke damals extra fürs Deutsche Museum gebaut“, erzählt Göbel. Den Auftrag dazu hatte der Berliner Mechaniker von seinem Chef am Kaiser Wilhelm Institut, dem Chemiker Fritz Haber, bekommen. Jenem Mann, der für sein Verfahren  Luftstickstoff zu binden und damit nutzbar zu machen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. „An diesem Verfahren sieht man beispielhaft die Ambivalenz der Chemie“, sagt Ronald Göbel. Denn mit Habers Methode wurde die Düngerherstellung unabhängig von festen Stickstoffvorkommen – etwa in Guano. So machte die industrielle Produktion von Mineraldünger das immense Wachstum der Weltbevölkerung im 20. Jahrhundert möglich. „Auf der anderen Seite verlängerte Habers Erfindung auch die Dauer des Ersten Weltkriegs“, weiß Ronald Göbel, „denn den Stickstoff brauchte man auch für die Herstellung von Sprengstoff.“
In der Anthropozän-Ausstellung zeigt sich zusätzlich, dass selbst die eigentlich positive Nutzung des Haber-Bosch-Verfahrens langfristig auch eine Kehrseite hat: „Heute haben wir Umweltprobleme durch die intensive Landwirtschaft und die Überbevölkerung.“ Trotz alledem ist die kleine Apparatur für den Chemiker Ronald Göbel etwas ganz Großes in der Geschichte seiner Wissenschaft. „Habers Forschung hatte Einfluss auf die restliche Chemie. Sie bildet die Grundlage für alle heute gebräuchlichen Hochdrucksynthesen.“ 
Etwas Besonderes ist dieses Exponat ohnehin: „Die Apparatur kam am 31. Juli 1922 ins Museum“, erzählt Göbel. Im Begleitbrief schreibt Haber an Oskar von Miller über den Nachbau, der wohl von vornherein  als „Demonstrationsapparat“ gedacht war. „Der ist also wahrscheinlich nie gelaufen“, sagt Ronald Göbel. Aber didaktisch funktioniert die kleine Anlage auch heute – nach genau 94 Jahren – immer noch. Sie zeigt ganz anschaulich den verschlungenen Weg, wie aus Luftstickstoff Ammoniak wird. Ein Stoff, der heute z. B. auch bei der Kunststoffproduktion, in der Rauchgasreinigung und als Kältemittel eingesetzt wird. 
Das Deutsche Museum besitzt insgesamt drei Haber-Bosch-Apparaturen: Von Lütges Apparatur, die noch bis 30. September 2016 in der Sonderausstellung „Willkommen im Anthropozän“ zu sehen ist, gibt es eine Kopie, die als Dauerleihgabe im Jüdischen Museum in Berlin steht. Außerdem wird ein weiterer Originalapparat von Haber im Depot aufbewahrt. Fritz Haber und Carl Bosch, der die Ammoniaksynthese auf das Niveau der Industriefertigung brachte, werden mit Büsten in unserem Ehrensaal gewürdigt. 

Sabine Pelgjer

Hat nach dem Studium der Kunstgeschichte bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Münchner tz. Jetzt arbeitet sie im Bereich Kommunikation, twittert und postet auf Instagram und facebook Aktuelles aus dem Museum.

Autor/in

Sabine Pelgjer

Hat nach dem Studium der Kunstgeschichte bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Münchner tz. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Zeit mitbringen – und sich unbedingt die Ausstellung Zeitmessung in Ebene 3 ansehen. Zwischen Präzisionspendel- und  Schwarzwalduhren, Kalendervariationen und Oszillograf kann man tief in die vierte Dimension eintauchen. Und wenn das Wetter mitspielt unbedingt im Sonnenuhrengarten auf der Terrasse im sechsten Stock vorbeischauen, dann ist auch Zeit für einen traumhaften Blick über die Stadt.