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Von Sabine Pelgjer
Fröhliches Lachen, begeisterter Jubel: "Es funktioniert!" Aus dem Lautsprecher tönen tatsächlich die Bee Gees. Vor dem Siemens-Studio für elektronische Musik stehen etwa 15 Leute und halten sich an den Händen. Als einer loslässt verstummt die Melodie. Sobald die kleine Menschenkette wieder geschlossen ist, singen die Gibb-Brüder weiter. Und Museumsmitarbeiter Kim Ludwig, der diese kleine Science-Show präsentiert, freut sich mit der bunten Truppe: „Das seid nur ihr, großartig!“ Sein physikalisches und musikalisches Experiment ist der Abschluss einer ganz besonderen Aktion im Deutschen Museum - einer der neuen „Wissen ohne Grenzen“-Führungen für Flüchtlinge. Wobei sich in diesem Kreis nicht nur die Geflüchteten aus Nigeria, Pakistan, Afghanistan und dem Irak die Hände geben.
Während der vorangegangenen Präsentation der Musikautomaten haben sich auch immer mehr "normale" Besucher der Gruppe angeschlossen. Sie haben gehört, wie Johannes Schlickenrieder die Prinzipien der Walzen- und Lochkartenautomaten erklärt. Sie haben gesehen, wie eine kleine Münze das Symphonion in Gang setzt. Sie durften selbst Hand und Fuß anlegen beim Harmonium mit Aufsetzer. Sie blähten kräftig die Backen, um dem kleinen Alphorn einen Ton zu entlocken, das der bayerische Experte ihnen zum Test vorsetzt. Und Stück für Stück, von Instrument zu Instrument schrumpft die sprachliche Barriere im gleichen Maß wie die Begeisterung wächst.  
„Die Sprache ist ja für diese  Menschen eine der größten Hürden“, sagt Ronald Göbel. Der wissenschaftliche Mitarbeiter hat bereits vergangenen Herbst mit einer Reihe engagierter Kollegen das neue Führungsprojekt angestoßen. Von der Idee, dass sich auch das Deutsche Museum für die Integration Geflüchteter einsetzt, war auch der Freundes- und Förderkreis (FFK) des Hauses leicht zu begeistern. So konnten mit Mitteln des FFK inzwischen Mitarbeiter des Ausstellungsdienstes in interkultureller Kommunikation geschult werden. Außerdem werden die Kollegen in Museumsführungen für „Zweitsprachlernende“ fortgebildet und mit FFK-Geldern auch Materialien für die Führungen finanziert. 
Erste praktische „Anwendungen“ gab es dann im Frühjahr, als die Programme zunächst nur für Gruppen mit minderjährigen Flüchtlingen gestartet sind. Für die Zeitschrift „Kultur & Technik“ hatte Monika Czernin schon in Ausgabe 2/2016 von der Flüchtlingsarbeit im Deutschen Museum berichtet. In ihrem Artikel „Integration setzt Ankommen voraus“ (S. 56) zitiert sie Antje Eberhard vom Verein Gesellschaftliche Projekte e. V., die über die Jugendlichen sagt: „Wenn wir nicht mit ihnen Rad fahren oder ins Museum gehen, dann kommen sie gar nicht richtig in unserer Gesellschaft an. Doch das ist die Voraussetzung, damit sie sich mit unseren Werten und Normen überhaupt auseinandersetzen können.“ Und weil das nicht nur für unbegleitete Minderjährige, sondern für alle Geflüchteten gilt, wurde das Projekt inzwischen ausgeweitet.    
„Wir haben dafür Bereiche ausgewählt, die über alle Kulturen hinweg auch ohne viele Worte verständlich sind.“ So findet das Programm bisher in den Abteilungen Papiertechnik, Musikautomaten und Astronomie statt. Die Führungen werden in einfachem Deutsch gehalten und durch Arbeitsblätter unterstützt. „Ausgehend vom Prinzip unser Forscherbögen haben wir noch vereinfachte Zettel vor allem mit vielen Fotos gestaltet“, sagt Göbel. Dazu kommen die bewährten Mitmach-Elemente: „Beim Papierschöpfen oder hier bei der kleinen Musik-Science-Show kann jeder etwas machen und wir hoffen, dass diese Erfahrung die Leute auch ermuntert, die Sprache zu lernen“, so Ronald Göbel. 
Bei dem ersten "offiziellen Termin" hat das auf Anhieb bestens funktioniert. „Wie Jahre?“, wollen die Teilnehmer schon von Johannes Schlickenrieder das Alter der Automaten wissen. Und beim Schlussapplaus gibt es aus den vielen internationalen Kehlen lautstark deutsches „Dankeschön“.
Die „Wissen ohne Grenzen“-Führungen finden jeden ersten und dritten Freitag im Monat um 14 Uhr im Deutschen Museum statt. Teilnehmen können Geflüchtete in begleiteten Gruppen nach Voranmeldung. Jeder, der eine Gruppe betreut, kann diese anmelden, die Teilnahme ist kostenlos, der Eintritt ins Museum ist frei.
  • Die nächsten Termine: 15. Juli, 5. August, 19. August, 2. September, 16. September, 7. Oktober, 21. Oktober 2016
  • "Wissen ohne Grenzen": Weitere Informationen und Anmeldung

Sabine Pelgjer

Hat nach dem Studium der Kunstgeschichte bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Münchner tz. Jetzt arbeitet sie im Bereich Kommunikation, twittert und postet auf Instagram und facebook Aktuelles aus dem Museum.

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Sabine Pelgjer

Hat nach dem Studium der Kunstgeschichte bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Münchner tz.

Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Zeit mitbringen – und sich unbedingt die Ausstellung Zeitmessung in Ebene 3 ansehen. Zwischen Präzisionspendel- und  Schwarzwalduhren, Kalendervariationen und Oszillograf kann man tief in die vierte Dimension eintauchen. Und wenn das Wetter mitspielt unbedingt im Sonnenuhrengarten auf der Terrasse im sechsten Stock vorbeischauen, dann ist auch Zeit für einen traumhaften Blick über die Stadt.