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Von Sabine Pelgjer
In 36 Sekunden in die Karibik: Das hat schon ein bisschen was von Beamen, wenn kurz nach dem Start am Flughafen Innsbruck plötzlich die hügeligen Inselchen von St. Barth und St. Martin im tiefblauen Meer auftauchen. „Scotty“, der die Besucher mit ein paar Knopfdrücken hierher gebeamt hat, heißt im wahren Leben Igor Gorički und ist einer von nur drei Mitarbeitern im Ausstellungsdienst, die den Flugsimulator im Moment bedienen dürfen.
Das Gerät ist seit Kurzem im zweiten Obergeschoss zwischen Glasbläserstand und Keramik gelandet. Der Umzug war nötig, weil für die Renovierung im Rahmen der großen Zukunftsinitiative die Luftfahrtabteilung leergeräumt werden musste. Zum neuen Standort ist auch eine neue Software dazugekommen. „Die Grafik wurde verbessert und wir sehen jetzt sogar die beiden Triebwerke“, erklärt Peter Thum, ein weiterer Pilot des Simulators. Pilot darf man hier ganz wörtlich nehmen, denn die Herren, die das sogenannte synthetische Flugübungsgerät (FSTD) steuern, haben meist mehr als nur theoretische Ahnung vom Fliegen. Peter Thum beispielweise war sogar für Verkehrsmaschinen ausgebildet. Kollege Hans Koberstein ist praktisch wohl der erfahrenste Flieger. Und Igor Gorički hatte bereits die Prüfung fürs Segelfliegen abgeschlossen. „Da fehlte nur noch der Gesundheitscheck, den hab ich dann leider zeitlich verpasst.“ Die Leidenschaft fürs Fliegen blieb. „Wenn ich im Lotto gewinne, dann hole ich den Pilotenschein sicher nach“, sagt Igor Gorički.
Denn ein billiges Vergnügen ist die Fliegerei nicht gerade. Nicht einmal im Simulator. „Dieses Gerät kostet etwa 325.000 Euro“, sagt Peter Thum. Die Originalmaschine, die es simuliert, ist nur ungefähr doppelt so teuer. „Die DA42-NG ist ein zweimotoriges Flugzeug für vier Personen.“ DA steht für die österreichische Firma Diamond Aircraft. Das Modell erreicht eine maximale Reisegeschwindigkeit von 328 km/h (177 Knoten), wiegt 1430 kg, hat eine Startrollstrecke von 440 Metern (1444 feet) und eine Steigrate von 5,5 m/s (1090 feet/minute). Und es ist ausgestattet mit hochmoderner Avionik, mit Garmin-Cockpit, Autopilot und zwei Austro Engines AE300-Dieselmotoren. „Die sind in der Wartung und beim Tanken vergleichsweise günstig“, weiß Igor Gorički. „Und wenn mal einer ausfällt, ist das auch nicht schlimm!“ Das ist auch eines der beliebtesten Manöver bei der täglichen Vorführung des Simulators. „Scotty“ –Gorički kann an der Fluglehrerstation (Instructor Panel) hinter der Cockpitkabine alle möglichen „Katastrophen“ verursachen, die der Pilot am Steuerknüppel dann ausbaden muss. Das geht vom Reifenplatzer auf der Startbahn bis hin zu dichtem Schneefall und heftigsten Turbulenzen beim Nachtflug über die Alpen. Da dürfen auch die Zuschauer, die sich hinter der gläsernen Absperrung aufgereiht haben, gern den einen oder anderen Vorschlag einbringen.
Nicht nur deshalb ist die Simulator-Show ein Höhepunkt für viele Museums-Besucher. Mit Blick auf die gekrümmte Landschafts-Leinwand und den großen Bildschirm, auf dem live alle Anzeigen aus dem Cockpit zu sehen sind, kommen sie hier dem Traum vom Abheben schon sehr nahe. Bald zeigt das Fliegervirus seine Wirkung auf den begeisterten Gesichtern. Und bei der Fragerunde nach der Präsentation kommt zwangsläufig immer: „Darf ich auch mal?“ Dann zieht Igor Gorički einen Schnellhefter hervor, blättert langsam Seite um Seite um und sagt: „Das sind nur die ersten Positionen – etwa 80 – die man abarbeiten muss, bis die Maschine in der Luft ist.“ Es würde also schlicht zu lange dauern. Außerdem ist das FSTD sehr empfindlich und darf im wörtlichen Sinne nur mit – nicht gerade Samt- aber Baumwollhandschuhen angefasst werden. Für die infizierten Besucher ist das natürlich nur ein schwacher Trost. Aber bei der spaßigen Landung auf der ruckeligen Kurz-Piste von St. Barth hellen sich die Mienen ganz schnell wieder auf. Nur 36 Sekunden später rollt die virtuelle Maschine in ihren Hangar im Erdinger Moos. „Willkommen in München, wir würden uns freuen Sie bald wieder an Bord begrüßen zu dürfen!“
Arbeitet in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und kümmert sich vor allem um die Kommunikation der Modernisierung des Deutschen Museums. Nach dem Studium der Kunstgeschichte hat sie bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Münchner tz. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Zeit mitbringen – und sich unbedingt die Ausstellung Zeitmessung ansehen. Zwischen Präzisionspendel- und Schwarzwalduhren, Kalendervariationen und Oszillograf kann man tief in die vierte Dimension eintauchen.

Autor/in

Sabine Pelgjer

Hat nach dem Studium der Kunstgeschichte bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Münchner tz.

Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Zeit mitbringen – und sich unbedingt die Ausstellung Zeitmessung in Ebene 3 ansehen. Zwischen Präzisionspendel- und  Schwarzwalduhren, Kalendervariationen und Oszillograf kann man tief in die vierte Dimension eintauchen. Und wenn das Wetter mitspielt unbedingt im Sonnenuhrengarten auf der Terrasse im sechsten Stock vorbeischauen, dann ist auch Zeit für einen traumhaften Blick über die Stadt.