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Von Frank Steinbeck
Das Goggomobil war neben dem VW Käfer für viele Käufer und ihre Familien in den 1950er Jahren das Einstiegserlebnis in die individuelle Automobilität. Beide stehen für den extrem schnellen Wandel Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg: verkehrsgeschichtlich zur automobilen Gesellschaft, sozialgeschichtlich zur Konsumgesellschaft. Das Goggomobil war genau genommen der kleine Volkswagen aus Bayern – klein in doppelter Hinsicht: Mit knapp 3 m Länge kürzer als sein großer Bruder aus Wolfsburg und mit rund 280.000 gebauten Exemplaren weniger verbreitet als der rund 21 Millionen Mal gebaute VW Käfer. Bis zum 18. Oktober 2015 zeigt das Verkehrszentrum eine Sonderausstellung zum 60. Geburtstag des Goggomobils. Entstanden ist sie in Kooperation mit dem GLAS Club International e.V.

Das Goggomobil war sich neben dem VW Käfer für viele Käufer und ihre Familien in den 1950er Jahren das Einstiegserlebnis in die individuelle Automobilität. Beide stehen für den extrem schnellen Wandel Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg: verkehrsgeschichtlich zur automobilen Gesellschaft, sozialgeschichtlich zur Konsumgesellschaft. Das Goggomobil war genau genommen der kleine Volkswagen aus Bayern – klein in doppelter Hinsicht: Mit knapp 3 m Länge kürzer als sein großer Bruder aus Wolfsburg und mit rund 280.000 gebauten Exemplaren weniger verbreitet als der rund 21 Millionen Mal gebaute VW Käfer.
In der Klasse bis 250 cm³ war das Goggomobil Marktführer und erfolgreicher als seine direkten Konkurrenten, die BMW Isetta und die Kabinenroller von Heinkel und Messerschmitt. Der Bedarf für derart kleine und schwach motorisierte Autos war in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik enorm hoch. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders, als die Deutschen – bislang ein Volk von Fahrrad- und Motorradfahrern – erstmals die Möglichkeit bekamen, ein eigenes Auto zu finanzieren. Für ein größeres Fahrzeug langte das Einkommen oft noch nicht aus. Viele Menschen besaßen zudem nur einen Kleinkraftradführerschein, mit dem auch Autos bis 250 cm³ wie etwa das Goggomobil fahren durfte.
Hier setzte die Hans Glas GmbH, ein Landmaschinenhersteller, der seit 1951 mit dem Goggo-Roller erfolgreich war, an: Nicht teurer als ein Motorrad mit Beiwagen durfte das Fahrzeug sein und ein Kleinkraftradführerschein sollte ausreichen. Als Ergebnis dieser Vorgaben brachte das Familienunternehmen aus Dingolfing 1955 das Goggomobil auf den Markt, das sich schnell zu einem Verkaufserfolg entwickelte. Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten bot es vier Personen Platz und sah von allen Kleinstfahrzeugen am ehesten wie ein richtiges Auto aus.
Mit dem zunehmenden Wohlstand in der Bundesrepublik wurde der Automobilmarkt in den 1960er Jahren komplexer. Die Kunden verlangten größere Autos und mehr Individualität. Glas reagierte auf diese Entwicklung mit einer Vielzahl von Modellreihen, die in immer höhere Preis- und Leistungsklassen hineinreichten: von vollwertigen Kleinwagen und Mittelklasselimousinen über sportliche Coupés und Cabriolets bis hin zum Oberklasse-Coupé mit Achtzylindermotor. Von der technischen Seite zeigte sich das Unternehmen oft sehr innovativ. So brachte man Anfang der 1960er Jahre das erste Serienfahrzeug mit einem Zahnriemen zur Steuerung der Nockenwelle auf den Markt. An den Erfolg des Goggomobils konnten die Glas-Werke nicht anknüpfen. Mitte der 1960er Jahre geriet das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Die Überproduktion von Kraftfahrzeugen in der Bundesrepublik, die erste Krise nach dem Wirtschaftswunder sowie speziell bei Glas die Entwicklungskosten für die neuen Modelle trafen den relativ kleinen Hersteller schwer. Die dünne Kapitaldecke reichte nicht mehr aus, so dass Glas 1967 von BMW übernommen wurde. Für die Stadt Dingolfing ging die Geschichte dennoch gut aus: BMW investierte in den Ausbau der Werksanlagen und das dortige Zweigwerk ist heute der größte Produktionsstandort des Unternehmens.
Urlaubsreisen mit dem Auto: in den 1950er Jahren ein weiteres Zeichen des steigenden Wohlstands in der Bundesrepublik (BMW Group Archiv)
Die Sonderausstellung im Verkehrszentrum zeigt anhand historischer Originalaufnahmen und Filmausschnitte die Geschichte der Glas GmbH in ihrem historischen Kontext. Die Fahrzeuge selbst dürfen natürlich nicht fehlen: Neben verschiedenen Goggomobil-Typen und Sonderausführungen wie Transportern und ausländischen Lizenzprodukten ist die gesamte Modellpalette der Hans Glas GmbH zu sehen: Von vollwertigen Kleinwagen wie dem GLAS Isar über viertürige Mittelklasselimousinen wie dem GLAS 1700 bis hin zu eleganten Sportcoupés und einem Luxus-Coupé mit Achtzylinder-Motor. Fast zu jedem Fahrzeug ist zudem die individuelle Geschichte zu lesen.
Führungen durch die Sonderausstellung „Goggo macht mobil“ bietet das Deutsche Museum Verkehrszentrum bis 18. Oktober 2015 jeden Sonntag um 11 Uhr an.
(Kosten: Museumseintritt)
Am 13. September 2015, dem Tag des offenen Denkmals, steht das jährliche Oldtimertreffen vor dem Verkehrszentrum unter dem Motto „Goggo und andere Kleinwagen der 50er und 60er Jahre“ (11 bis 16 Uhr). Ein Vortrag des Automobilhistorikers Jürgen A. Kraxenberger zur Geschichte der GLAS GmbH rundet um 14:00 im Seminarraum des Verkehrszentrums das Programm ab.
Frank Steinbeck ist seit März 2015 Kurator für Straßenverkehr am Deutschen Museum. Zuvor Volontär am Verkehrszentrum des Deutschen Museums und danach kurzzeitig wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Brücken- und Wasserbau. Er hat an der Technischen Universität Berlin Geschichte, Politikwissenschaft sowie Wissenschafts- und Technikgeschichte studiert. Sein Tipp für einen Besuch im Verkehrszentrum des Deutschen Museums auf der Theresienhöhe: Unser "Barockengel", der BMW 502: Das Fahrzeug diente 1965 bis 1970 als Dienstfahrzeug des damaligen Münchener Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel.

Autor/in

Frank Steinbeck

seit März 2015 Kurator für Straßenverkehr am Deutschen Museum. Zuvor Volontär am Verkehrszentrum des Deutschen Museums und danach kurzzeitig wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Brücken- und Wasserbau. Er hat an der Technischen Universität Berlin Geschichte, Politikwissenschaft sowie Wissenschafts- und Technikgeschichte studiert. Sein Tipp für einen Besuch im Verkehrszentrum des Deutschen Museums auf der Theresienhöhe: Unser "Barockengel", der BMW 502: Das Fahrzeug diente 1965 bis 1970 als Dienstfahrzeug des damaligen Münchener Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel.