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Von Benjamin Mirwald
Manchmal bergen auch Museumsobjekte auf den ersten Blick unlösbare Rätsel. So etwa diese Schatulle, von der das Deutsche Museum im Jahr 1905 mit der mathematisch-physikalischen Sammlung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gleich zwei Stück erhielt (Inventarnummern 1473 und 1474, zu sehen in der Ausstellung mathematischer Instrumente). Im Bestand der Akademie war von „Kästchen mit Rechenstäben“ die Rede. Ob das auf Unkenntnis der Akademiker beruhte oder bewusste Verschleierung sein sollte?
Dass die Stäbchen nicht zum Rechnen, sondern der Verschlüsselung dienen, ist jedenfalls schnell klar. Vermutlich legte man die Stäbchen so nebeneinander, dass man „polyalphabetisch“ Nachrichten verschlüsseln konnte. Polyalphabetisch bedeutet, dass nicht einfach nur Buchstaben miteinander vertauscht oder im Alphabet verschoben werden. Dies wäre dann eine „monoalphabetische Substitution“, die leicht zu entschlüsseln ist. Zum Beispiel wird aus dem Wort DEUTSCHES MUSEUM durch Verschiebung um 3 Buchstaben im Alphabet: GHXWFKHV PXVHXP. Da der 3. Buchstabe im Alphabet C ist, wird diese Codierung gern „mit dem Schlüssel C“ genannt.
Beim polyalphabetischen Chiffrieren wurde zwar genauso gearbeitet, aber die Buchstabenzuordnung nach festen Textlängen immer wieder geändert. Doch wie könnte dieses Verfahren mit den Stäben genau funktioniert haben?
Der Kasten besitzt 24 Fächer, die jeweils 6 Holzstäbe aufnehmen können. Damit ist Platz für 144 Stäbe, allerdings sind nur 143 vorhanden. Die Stäbe sind jeweils auf beiden Seiten mit Papier beklebt. Ganz oben ist ein Buchstabe des Alphabets vermerkt, darunter dann die folgenden Buchstaben mit je einer Zahl versehen. Es sind jeweils sechs identisch codierte Stäbchen für jeden Buchstaben vorhanden. Die Buchstaben J und U fehlen, vermutlich wurden J und I sowie U und V gleichbedeutend behandelt. Ebenso fehlen die Umlaute. Die Stäbchen sind alphabetisch nach den 24 Buchstaben geordnet im Holzkasten einsortiert.
So sehen die einzelnen Stäbe aus. Es ist unklar, was die Zahlen neben den Buchstaben genau bedeuteten. Da pro Buchstabe sechs Stäbchen vorhanden sind, scheint eine polyalphabetische Chiffrierung mit einem sechs Zeichen langen Schlüssel möglich. Der Schlüssel gibt dabei an, um wie viele Zeichen ein Buchstabe des Klartextes verschoben werden musste. Ein Beispiel, hier mit dem Schlüssel „MUSEUM“:
In der Zeit um 1850, in der diese Stäbchen wahrscheinlich hergestellt wurden, war es für das Verschlüsseln von Nachrichten einfacher, Geräte wie diese Stäbe zu nutzen statt alle Rechnungen auf Papier auszuführen. Doch eine genaue Anleitung fehlt – aus verständlichen Gründen. Haben Sie eine Idee zur genaueren Funktionsweise, insbesondere zur Bedeutung der Zahlen? Sachdienliche Hinweise nimmt Benjamin Mirwald gern entgegen: (b.mirwald@deutsches-museum.de) Mehr zum Thema Verschlüsselung können Sie auch im aktuellen Heft der Zeitschrift Kultur & Technik lesen. Weitere Literatur: Bauer, Friedrich L.: Entzifferte Geheimnisse. Methoden und Maximen der Kryptologie. 2., erw. Aufl. Berlin [u.a.] 1997.
ders.: Informatik. Führer durch die Ausstellung. Deutsches Museum, München, Neuaufl. 2004.
Benjamin Mirwald ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Museum und erforscht die Objekte der mathematisch-physikalischen Sammlung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen eines im Januar 2013 gestarteten DFG-Projekts.

Autor/in

Benjamin Mirwald

Benjamin Mirwald ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Museum und erforscht die Objekte der mathematisch-physikalischen Sammlung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen eines im Januar 2013 gestarteten DFG-Projekts.