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Von Thomas Röber
Eine Papiermaschine kann mehr als 400 Meter lang sein – das ist auch ungefähr die Länge des Deutschen Museums, von der Ludwigsbrücke bis hinter das ZNT. Sie produziert mit einer Geschwindigkeit von bis zu 120 Kilometern pro Stunde Papierbahnen, die über zehn Meter breit sind. Um das zu schaffen, muss die Maschine sehr genau verarbeitet sein: Die Leitwalzen, auf denen das Papier in der Maschine geführt wird, laufen in Lagern mit einer Toleranz von 5/100 Millimeter. Deshalb werden ans Material, aus dem die Walzen sind, besondere Anforderungen gestellt: Es darf sich über die gesamte Länge der Walze fast nicht durchbiegen, darf sich bei hohen Temperaturen nicht zu stark ausdehnen, außerdem darf die Walze bei den in der Maschine herrschenden hohen Drehzahlen nicht in Resonanzschwingungen geraten. Um beim Antrieb Energie zu sparen, sollte die Walze nicht zu schwer sein. In zunehmendem Maße werden daher beim Bau dieser Walzen carbonfaserverstärkte Kunststoffe (CFK) eingesetzt. Damit war so eine Walze für die Sonderausstellung „Harter Stoff“, die das Deutsche Museum in Kooperation mit dem Spitzencluster MAI Carbon realisiert und die ab dem 16.5. im Zentrum Neue Technologien zu sehen sein wird, ein ausgezeichnetes Exponat – schließlich denken beim Thema CFK die meisten Menschen an Flugzeuge und Leichtbau, also kann man die Besucher mit diesem Exponat vielleicht überraschen. Der Hersteller Voith Composites war auch gerne bereit, dem Deutschen Museum so eine Walze zur Verfügung zu stellen. Es gab nur noch ein kleines (oder größeres) Problem: Mit einem Gewicht von 1190 kg ist die Walze zwar nicht schwerer als ein PKW, der Durchmesser beträgt auch „handhabbare“ 67,4 cm –mit einer Gesamtlänge von 12,01 m. ist es allerdings etwas schwer, so eine Walze durch’s Haus zu manövrieren, um sie in einer Ausstellung unterzubringen – schließlich sollte die Walze nicht irgendwo hin, der Ausstellungsgestalter hatte sich einen sehr speziellen Platz dafür ausgedacht. Nach unzähligen Begehungen, bei denen zwei Kollegen mit einem gespannten, zwölf Meter langen Massband durch allerhand Seiteneingänge und Katakomben des Museums stapften oder auch mal gestikulierend auf dem Boden herumkrochen, dabei argwöhnisch von Ausstellungsgestaltern, Kuratoren und Spezialisten für schwere Lasten beäugt, stand schließlich ein gangbarer Weg fest: Nach dem Abladen – morgens um sieben, um mit der Anlieferung nicht den Berufsverkehr zu stören – an der Verladerampe vor der Schreinerei geht es um eine Kurve, dann ca. 40 m geradeaus ins Untergeschoß des ZNT, und dann… war erstmal zwischen einer Wand, einer Treppe und drei Vitrinen Schluss. Hier stand schon ein Gabelstapler bereit, der das Ende der Walze vorsichtig über das Treppengeländer lupfte. Der Rest war echte Millimeterarbeit: in einem genauestens choreografierten Ballett zwischen Rollwagen, Gabelstapler und Kettenzug wurde das Exponat langsam in seine Endposition befördert, die gegen 15 Uhr erreicht war. Dort steht es jetzt und kann bis zum 10. Januar 2015 zusammen mit vielen  anderen interessanten Exponaten, Demonstrationen und weiterführenden Informationen zum Thema CFK bestaunt werden. Die endgültige Position, die sich unser Gestalter für die Papierleitwalze ausgedacht hatte (und in der sie jetzt steht), wird übrigens nicht verraten…

Autor/in

Thomas Röber

ist Kurator für Kraftmaschinen und für Agrar- und Lebensmitteltechnik. Nach einem Maschinenbaustudium hat er sich beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln mit Flugzeugtriebwerken befasst. Am Deutschen Museum arbeitet er derzeit an der Neukonzeption der Ausstellung Landwirtschaft und Ernährung und betreut laufende Sonderausstellungen.
Sein Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum kostet keinen Eintritt: Unauffällig in einer Ecke im Museumshof steht ein Stahlblock, den Krupp im Jahr 1906 für das Deutsche Museum mit seinem legendären Dampfhammer "Fritz" bearbeitet hat. Daneben der Abdruck einer (damals) modernen 5000 t-Schmiedepresse. Ein Stück echte Industriegeschichte, direkt zum Anfassen.