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Von Annette Lein
Ganz prominent, am Eingang in die Ausstellung Schifffahrt, wird Oruwa, ein seetüchtiges Fahrzeug für die Hochseefischerei aus Colombo /Sri Lanka, präsentiert. Das Boot kam in den 1960er Jahren als Geschenk der Deutschen Dampfschifffahrtsgesellschaft "Hansa" ins Deutsche Museum. Oruwa gehört zu den traditionellen Booten aus aller Welt, die in der Ausstellung mit vielen Originalen vertreten sind - darunter auch eine originale venezianische Gondel.
Oruwa steht direkt neben dem Fischer-Ewer, segelt gewissermaßen etwas im Schatten des berühmten Exponats. Viele, viele Besucher laufen jeden Tag an dem Boot vorbei, dessen Rumpf aus einem ausgehöhlten Einbaum mit angenähten Planken und einem mit ihm verbunden Ausleger besteht. Nach gut 50 Jahren im Museum braucht Oruwa nun handwerkliche Zuwendung: die Kokosfasernaht an den Planken vom Holz des Brotfruchtbaums hat sich gelöst, das Segel ist gerissen. Vera Ludwig aus der Modellbauwerkstatt und Tevta Lika aus der Schneiderwerkstatt bringen Oruwa derzeit wieder auf Vordermann. Bildergalerie Oruwa:
Am Anfang stand Recherchearbeit: In welchem Zustand kam das Boot ans Deutsche Museum? Wie muss der Kokosfaden um die Planken geknüpft werden? Mit welchem Material? Wie kann man das Boot so restaurieren, dass Oruwa in den Zustand des Beginns ihres zweiten Lebens als Museumsexponat zurückgesetzt wird, doch die Spuren dieser Arbeiten als Maßnahme aus dem Jahr 2014 für zukünftige Restaurations-Arbeiten kenntlich und auch reversibel sind? Auch wenn es sich nicht im eigentlichen Sinn um eine Restaurierung des Bootes handelt, sondern nur notwendige Reparaturen ausgeführt werden, gehört es sich nach heutigen musealen Standards, dass die Arbeiten dokumentiert werden. Der ursprünglich verwendete Faden war aus Kokosfaser, die neue Naht wird mit einem Hanffaden gemacht, den die Malerwerkstatt vorher so patiniert hat, dass er farblich nicht hervorsticht. Das Boot kam ursprünglich mit zwei Segeln aus Padanusblättern ans Museum. Diese wurden in den 1970er Jahren in ein Stoffsegel getauscht. Den Unterlagen des Museums lässt sich entnehmen, dass damals ein Münchner Bürger "(...) gebeten wurde auf seiner nächsten Reise nach Ceylon für uns ein Ersatzsegel zu beschaffen (…) Er hat nun ein solches Segel mitgebracht, möchte aber an Stelle seiner Auslagen hierfür ein Exponat aus dem Depot". Heute wäre ein solches Tauschgeschäft unter keinen Umständen mehr denkbar. Damals – die Zeiten ändern sich – wurde eine Lösung gefunden: "Wir haben eine Mignon-Schreibmaschine angeboten, mit der er zufrieden wäre. Bei der Mignon handelt es sich um einen sehr häufigen Maschinentyp, von dem 10 Stück im Besitz des DM sind (…)" [Zitate aus einer internen Mitteilung des Deutschen Museums aus dem Jahr 1976]. 
Das Auslegerboot Oruwa wird heute noch in Sri Lanka benutzt. Tamilische und singhalesische Fischer haben es für die Hochseefischerei entwickelt, die in Sri Lanka erst seit dem 19. Jahrhundert ausgeübt wird. Der Plankenaufbau und der Ausleger sorgen für eine große Stabilität der Oruwa im Wasser. Bei starkem Wind stellen sich ein oder mehrere Fischer zum Gewichtsausgleich auf den Ausleger. Die Windstärke wird nach der Zahl dieser Fischer benannt. Ein "Viermann-Wind" kommt bereits einem Sturm nahe. Bald wird Oruwa mit neuem Segel und fester Naht als eines der originalen, traditionellen Boote seine Geschichte noch vielen Besucherinnen und Besuchern erzählen. Bis dahin können Sie den beiden Museumskolleginnen ab und an bei der Arbeit über die Schulter blicken. Wenn Sie die Fachwerkstätten des Deutschen Museums genauer kennenlernen wollen: Am 10. Mai 2014 laden wir Sie zum Tag der offenen Tür mit Werkstattführungen ein!
  • Mehr zur Ausstellung Schifffahrt
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Annette Lein

leitet das digitale Redaktionsteam am Deutschen Museum. Alle Neuigkeiten tickern durch das Redaktionssystem auf ihren Bildschirm. Als Germanistin und Theaterwissenschaftlerin erzählt sie im Blog gerne von den Geschichten und Menschen, die das Deutsche Museum zu dem machen, was es ist. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: In der Ausstellung Meeresforschung die Tauchkugel Trieste ansehen und sich dabei vorstellen, wie sich Jaques Piccard in dieser dickwandigen Kugel gut 11 km zur tiefsten Stelle des Ozeans hat herabsinken lassen. Der Schweizer Forscher hat dabei einen Plattfisch entdeckte - ja, es gibt Leben in der Tiefsee!