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5 Fragen an Michael Eckert, dessen Buch ,Arnold Sommerfeld. Atomphysiker und Kulturbote 1868 – 1951. Eine Biografie‘ gerade erschienen ist. Wer war Arnold Sommerfeld? Arnold Sommerfeld war Physiker und gehörte zu den Begründern der theoretischen Physik. Er wurde 1868 in Königsberg geboren, im damaligen Ostpreußen. Sommerfeld wollte eigentlich Mathematiker werden und ging nach dem Studium in Königsberg als wissenschaftlicher Assistent von Felix Klein nach Göttingen. Klein machte Göttingen zum Mekka der Mathematik. Für mich als Biograph war es ein Glück, dass Sommerfeld diese wichtige Phase seiner Karriere in Göttingen zubrachte, denn er hatte ein enges und sehr gutes Verhältnis zu seinen Eltern und hat zu dieser Zeit jede Woche einen langen Brief nach Königsberg geschrieben ...
Sehr anschaulich hat er unter anderem das akademische Milieu der Universitätsstadt geschildert: „... der Student wird hier als ein notwendiges Übel von der Universität angesehen, das Wort wird immer mit einem mitleidigen Beigeschmack ausgesprochen; bei manchen Professoren hat sogar das Wort Privatdocent noch einen verächtlichen Beigeschmack.“ In Göttingen hat Sommerfeld auch seine Frau, Johanna Höpfner, kennengelernt, die Tochter des Kurators der Göttinger Universität, heute würde man sagen - Universitätspräsident.
Über den Umweg der Mathematik und später der Mechanik kam Sommerfeld schließlich zur Physik. 1906, mit 38 Jahren, wurde er auf den Lehrstuhl für theoretische Physik nach München berufen. In München hat er dann auch bis zu seinem Tod im Jahr 1951 gelebt, immer in Schwabing, erst in der Leopoldstraße 87, dann in der Dunantstraße. 
In München lernte Sommerfeld übrigens auch Oskar von Miller kennen, der ihn 1918 als Berater für die Chemieabteilung in sein Netzwerk von externen Ratgebern integrierte. Miller wollte die Atomforschung ins Deutsche Museum holen und bat Sommerfeld, ihm ein Konzept für einen Raum „Bau der Materie“ zu erstellen. Darin sollte die gerade im Entstehen begriffene Atomtheorie anschaulich dargestellt werden. Sommerfeld hatte vier Kinder, eines ist 1919 unter tragischen Umständen im Ammersee ertrunken. Im April 1951 wurde Sommerfeld von einem Auto angefahren, da war er 82 Jahre alt. Kurz darauf ist er in einem Münchner Krankenhaus gestorben. Aus seiner Familie gibt es noch viele Nachkommen. 
Wofür ist Arnold Sommerfeld berühmt?
Den Nobelpreis hat er nie bekommen - auch wenn kein anderer so oft wie Sommerfeld für den Preis vorgeschlagen war. Warum das so ist, darüber lässt sich nur spekulieren. Sehr berühmt wurde Sommerfeld auf zwei Feldern. Zum einen hat er das von Niels Bohr 1913 entdeckte Atommodell weiterentwickelt. Die Bohr-Sommerfeldsche Atomtheorie führte schließlich zur Quantenmechanik. Zum anderen hatte Sommerfeld ein großes Talent für die Lehre. Er scharte an der Münchner Universität viele begabte Studenten um sich, einige wurden später als Wissenschaftler berühmt, Werner Heisenberg zum Beispiel, Peter Debye oder Hans Bethe. Die haben dann übrigens den Nobelpreis bekommen.
Einstein schrieb einmal an Sommerfeld: „Was ich an Ihnen besonders bewundere, das ist, dass Sie eine so grosse Zahl junger Talente wie aus dem Boden gestampft haben. Das ist etwas ganz Einzigartiges. Sie müssen eine Gabe haben, die Geister Ihrer Hörer zu veredeln und zu aktivieren.“ Der Brief datiert vom Januar 1922. Die beiden wechselten seit 1908, als Einstein noch ein Beamter im Patentamt in Bern war, viele Briefe miteinander. Schon damals hatte sich Sommerfelds Lehrtalent herumgesprochen. "Aber ich versichere Ihnen", schrieb Einstein in einem seiner ersten Briefe im Januar 1908 an Sommerfeld, "dass ich, wenn ich in München wäre und Zeit hätte, mich in Ihr Kolleg setzen würde, um meine mathematisch-physikalischen Kenntnisse zu vervollständigen." 

Film: Michael Eckert liest aus einem Brief

Sie haben anhand Arnold Sommerfelds umfangreichem Briefwechsel dessen Leben rekonstruiert. Das klingt fast schon ein wenig nach detektivischer Tätigkeit. Wie kann man sich diese Art biographischer Analyse vorstellen? 
Ich habe mich intensiv mit vielen tausend Briefen von Arnold Sommerfeld beschäftigt. Begonnen habe ich mit der Aufarbeitung des wissenschaftlichen Briefwechsels im Rahmen eines von der DFG finanzierten Forschungsprojekts, lang vor dem Verfassen der Biographie. Jeden Nachmittag habe ich mich damals mit meinem Kollegen Karl Märker zusammengesetzt, wir haben Briefe gescannt und die wichtigsten Schlagworte und eine Zusammenfassung pro Brief in einer Datenbank verzeichnet. Zehn Briefe pro Nachmittag haben wir auf diese Art geschafft. Für dieses Projektes durften wir auch einige Briefe aus dem privaten Nachlass Sommerfelds verwenden. Als die Idee für die Sommerfeld-Biographie aufkam - für mich der krönende Abschluss nach langen Jahren der Beschäftigung - durfte ich auf den kompletten privaten Briefwechsel zugreifen, der noch immer im Besitz der Familie ist. Gerade für die Frühzeit Sommerfelds hat das viele neue Erkenntnisse gebracht. Glücklicherweise war Sommerfeld ein begnadeter Schreiber und ein Mensch, der sehr gesellig und vielseitig interessiert war, das ist nicht selbstverständlich für einen Wissenschaftler. Zu Beginn meiner Arbeit an der Biographie habe ich also eine Vielzahl weiterer Briefe gelesen und sie - in den für mich wichtigen Teilen - transkribiert. Damit hatte ich genug Stoff und konnte das ergänzen, was ich über den Wissenschaftler Sommerfeld bereits wusste. 
Warum ist es für uns heute interessant, sich mit dem Leben und Werk Arnold Sommerfelds zu beschäftigen?
Sich mit Sommerfeld zu befassen ist nicht nur von Seiten der Physik interessant. Sommerfeld lebte als Mensch und Wissenschaftler in verschiedenen politischen Systemen. Bekannt wurde er im wilhelminischen Deutschland, dann kam der 1. Weltkrieg. Seine wissenschaftliche Blütezeit fiel in die 1920er Jahre, also in die Zeit der Weimarer Republik. Dann hat er die Nazizeit durchlebt. Sommerfeld galt als liberal, war den Nazis missliebig und wurde von Fanatikern angefeindet. Alle diese Epochen und Erfahrungen spiegeln sich in seinem Briefwechsel wieder. Als Physiker hat Sommerfeld sich mit unterschiedlichen Themen beschäftigt und diese oft aus mathematischer Sicht angepackt. Dadurch konnte er viele Schüler mit Themen für Doktorarbeiten aus den verschiedensten Gebieten der theoretischen Physik versorgen.
Was ist ihr nächstes Projekt?
Mein nächstes Projekt ist wieder eine Biographie, diesmal geht es um Ludwig Prandtl und die Geschichte der Strömungsforschung. In der Luftfahrtausstellung des Deutschen Museums kann man einen Wasserversuchskanal bestaunen, mit dem Prandtl 1904 die Erscheinungen an umströmten Körpern sichtbar gemacht hat. Dieses Exponat symbolisiert den Beginn der modernen Strömungsforschung ("Grenzschichttheorie"). Auch hier ist das Wechselverhältnisvon Wissenschaft und Politik interessant. Prandtl gilt als „Vater der Aerodynamik“ und war Berater in unterschiedlichen politischen Systemen. 
Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Eckert.Die Fragen stellte Annette Lein von der Internetredaktion.
Dr. Michael Eckert ist Physikhistoriker am Forschungsinstitut des Deutschen Museums. Sein Buch "Arnold Sommerfeld. Physiker und Kulturbote." ist in der Reihe 'Abhandlungen und Berichte' des Deutschen Museums im Wallstein Verlag erschienen. Mehr zum Buch ... Wer mehr über Atomtheorie wissen möchte: in der aktuellen Ausgabe von Kultur und Technik (3/2013) geht es um 'Atome". Die Ausgabe wurde übrigens von Michael Eckert konzipiert und betreut. Zu lesen gibt es dort u.a. den Artikel "Das Bohr'sche Atommodell im Deutschen Museum. Arnold Sommerfeld entwirft ein Atommodell." Mehr zur Kultur und Technik ...

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Annette Lein

leitet das digitale Redaktionsteam am Deutschen Museum. Alle Neuigkeiten tickern durch das Redaktionssystem auf ihren Bildschirm. Als Germanistin und Theaterwissenschaftlerin erzählt sie im Blog gerne von den Geschichten und Menschen, die das Deutsche Museum zu dem machen, was es ist. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: In der Ausstellung Meeresforschung die Tauchkugel Trieste ansehen und sich dabei vorstellen, wie sich Jaques Piccard in dieser dickwandigen Kugel gut 11 km zur tiefsten Stelle des Ozeans hat herabsinken lassen. Der Schweizer Forscher hat dabei einen Plattfisch entdeckte - ja, es gibt Leben in der Tiefsee!