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"Mann, ist das laut!" und "Wahnsinn, was waren das für Arbeitsbedingungen damals" - schießt es mir durch den Kopf, während der Revolverwebstuhl mit 250 km/h seine Schiffchen durch die Kette jagt. Der Webstuhl wurde jetzt in der Werkstatt für Maschinenrestaurierung im Deutschen Museum restauriert. Mit der Maschine wurde von 1925 bis weit in die 1960er Jahre in der Buntweberei Riedinger in Augsburg Schottenkaro hergestellt. Um nach der Restaurierung wieder mit der Maschine weben zu können, mussten "die Weber von früher" wieder ran.  Ein Film zeigt den Revolverwebstuhl und die Experten in Aktion: 
Mit dem Revolverwebstuhl (um 1925) wurde das Innenfutter einer Wachsjacke gefertigt. Er lief bis in die 1960er Jahre in der Buntweberei Riedinger in Augsburg und stand dann bis 1991 in der Ausstellung Textiltechnik im Deutschen Museum. Als Leihgabe ging er in die Ulmer Gegend und musste nach der Rückkehr ans Deutsche Museum restauriert werden.  Die Schiffchen für die sechs verschiedenfarbige Fäden, mit denen die 6fädige Kette durchschossen wird, sind in Drehvorrichtung gelagert, die der eines Colts entspricht; den Mechanismus steuert ein Lochkartenstreifen.  Dr. Wilfried Glocker hat als Kurator für Textiltechnik das Projekt betreut, das über einige Jahre in der Werkstatt für Maschinenrestaurierung durchgeführt wurde. Karl-Heinz Ferstl und Rolf Breitinger haben als Textiltechnikexperten, die Fäden in der Hand gehalten. Die beiden Augsburger haben ihr Berufsleben in der Textiltechnik verbracht, Ferstl war Weber und dann Berufsschullehrer, Breitinger ist als Feinmechaniker ausgebildet und war Maschinenanlagenführer in der Strumpfwarenindustrie. Die beiden sind echte Zeitzeugen der Geschichte der Textilindustrie - und können sehr interessant davon erzählen. Wir haben bei der Vorführung gelernt, warum man sagt, dass Weber dicke Lippen haben (sie nutzen den Mund, um Faden wieder ins Schiffchen einzufädeln) - und konnten uns einen  Raum mit 600 (!) dieser Revolverwebstühle in Aktion kaum vorstellen. Es ist unbeschreiblich laut, wenn das Schiffchen mit sage und schreibe 250 km/h durch die Kette schießt. Damals gab es ja auch noch keinen Arbeitsschutz - Gehörschutz wurde nicht eingesetzt. Jetzt gibt es in Augsburg keine nennenswerte Textilindustrie mehr, die Webstühle laufen mittlerweile in fernen Ländern - vom Arbeitsschutz dort hört man nichts Gutes .. Rolf Breitinger führt übrigens im Augsburger Textilmuseum, tim, Webstühle vor und dabei erfährt man bestimmt viel Wissenswertes von seinem Berufsleben. Und natürlich kann man in der Ausstellung Textiltechik im Deutschen Museum mehr über Webstühle erfahren.
Bilder: Reinhard Krause, Fotoatelier, Deutsches Museum, Film: Johannes Kratzer, freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur im Deutschen Museum.

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Annette Lein

leitet das digitale Redaktionsteam am Deutschen Museum. Alle Neuigkeiten tickern durch das Redaktionssystem auf ihren Bildschirm. Als Germanistin und Theaterwissenschaftlerin erzählt sie im Blog gerne von den Geschichten und Menschen, die das Deutsche Museum zu dem machen, was es ist. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: In der Ausstellung Meeresforschung die Tauchkugel Trieste ansehen und sich dabei vorstellen, wie sich Jaques Piccard in dieser dickwandigen Kugel gut 11 km zur tiefsten Stelle des Ozeans hat herabsinken lassen. Der Schweizer Forscher hat dabei einen Plattfisch entdeckte - ja, es gibt Leben in der Tiefsee!