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Von Tatjana Krasawin
In den 1920er Jahren etablierte sich der Segelflug in Deutschland als eine Sportart, die alle Bevölkerungsschichten erreichte und begeisterte. Da der Motorflug in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg untersagt war, bot der antriebslose Segelflug eine legale und kostengünstige Alternative. Einen wesentlichen Anteil an dem Erfolg hatten die Rhönwettbewerbe auf der Wasserkuppe, die enge Verbindung der Wissenschaft zum Segelflug sowie die Aktivitäten der Studenten an den Technischen Hochschulen und Universitäten (Akafliegs). Organisatorisch bestand die Segelflugbewegung aus hunderten selbstständigen Vereinen und Gruppen, die durch zwei Dachverbände locker zusammengefasst waren.
Der Segelflug gilt als Königsdisziplin des Fliegens: Die vollkommende Beherrschung des Flugzeugs und der Umgebung, in der man sich bewegt, ist unabdingbar. Segelflugzeuge gleiten ohne Antrieb und nutzen lediglich die Kraft der Sonne in Form von Aufwinden. Dass die besten Piloten aus dem Segelflug kommen, wussten auch die Nationalsozialisten. Sie vereinnahmten nach der Machtübernahme 1933 den Segelflug und die Ausbildung von Piloten, um daraus die Grundlage der Wehrmachtsluftwaffe zu schaffen. Die selbstständigen Vereine und Gruppen wurden zwangsweise aufgelöst und dem neugebildeten faschistischen „Deutschen Luftsport-Verband“ (DLV), später „Nationalsozialistischer Fliegerkorps“ (NSFK), einverleibt.

Der Schulgleiter SG 38

Die klassische Ausbildung im Segelflug begann im einsitzigen Schulgleiter. Bei Gleitflügen von Hügeln herab lernte der Schüler, wie man das Flugzeug steuerte. Der von den Konstrukteuren Schneider, Rehberg und Hofmann entwickelte Schulgleiter war das bekannteste und meistgebaute Gleitflugzeug zur Ausbildung von Segelfliegern. Er entstand 1938 auf Basis aller bisherigen Erkenntnisse und Erfahrungen zur Alleinschulung. Bevor sich ab Ende der 1950er Jahre die Doppelsitzer-Schulung durchsetzte, machten viele Flugschüler ihre ersten Flugerfahrungen im Alleinflug mit dem SG 38. Der robuste Gleiter war günstig herzustellen, einfach zu fliegen und leicht zu reparieren.

Die Flieger-Hitlerjugend

Auf dem Schulgleiter SG 38 lernten auch Hitlerjungen das Fliegen. Die Hitlerjugend (HJ) war die Jugend- und Nachwuchsorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Sie wurde ab 1926 nach Adolf Hitler benannt und unter der Diktatur des Nationalsozialismus in Deutschland ab 1933 zum einzigen staatlich anerkannten Jugendverband mit bis zu 8,7 Millionen Mitgliedern (98 Prozent aller deutschen Jugendlichen) ausgebaut. Tausende solcher Segelflugschüler wurden in der Flieger-HJ zu Piloten der deutschen Luftwaffe ausgebildet. Die meisten von ihnen überlebten den grausamen Zweiten Weltkrieg nicht.

Figur Hitlerjunge „Hansi“

Die NS-Zeit ist innerhalb der Geschichte des Segelflugs in Deutschland bisher wenig erforscht. Diesem ungeschriebenen Kapitel wird sich der Themenbereich „Segelflug: Fliegen ohne Motor“ ab Ende 2020 im Rahmen der neuen Ausstellung „Historische Luftfahrt 1918 bis 1945“ widmen. Die Besucher erfahren u.a., wie die Segelflugbewegung in Deutschland ihren Anfang nahm, welche Rolle sie in der Gesellschaft spielte, welche Startarten es im Segelflug gibt und wie heutzutage Segelflugwettbewerbe ablaufen.
Zur Kontextualisierung der NS-Thematik wurde in der Bildhauerwerkstatt des Deutschen Museums die Figur eines Flieger-Hitlerjungen hergestellt. Sie soll in der zukünftigen Ausstellung auf dem originalen Schulgleiter SG 38 präsentiert werden. Sibylle Kobus stellte am 24. Januar 2019 die Figur fertig, die mittlerweile von den Mitarbeitern liebevoll „Hansi“ genannt wird. Das Thema Hitlerjugend macht einen sehr nachdenklich, besonders da Sibylle einen Sohn im gleichen Alter hat. Mit dem Schulgleiter SG 38 verbinden viele aber auch positive Momente. Auf zahlreichen Oldtimertreffen wird heute noch mit dem SG 38 geflogen und die historische Startart des Gummiseilstarts erprobt.  Bei der Rekonstruktion der Kleidung sowie der richtigen Sitzhaltung standen die Brüder Philipp und Kilian Stegele von der Flugwerft Schleißheim zur Seite. Sie fertigten auch das Sitzgestell mit Steuerungshebel an, worauf die Figur dann geformt werden konnte.
Das Luftfahrt-Team bedankt sich herzlich bei der Bildhauerwerkstatt, vor allem bei Sibylle, für die tolle Arbeit!
Tatjana Krasawin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Luftfahrt und arbeitet derzeit mit dem Projektteam an der Neugestaltung dieser Ausstellungen.

Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum:
Das Museum bietet täglich eine große Auswahl an kostenlosen Führungen und Vorführungen, die sehr spannend und informativ zugleich sind. Besonders gut gefallen mir die Science-Shows, die im Auditorium des Zentrums Neue Technologien stattfinden.

Autor/in

Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.