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Von Sabine Pelgjer
Sechs Meter hoch, etwa 3,20 Meter breit und ca. eine Tonne schwer – klingt beeindruckend, ist aber für eine Orgel eher Mittelmaß. Das Instrument, das 1995 von der Firma Ahrend nach norddeutscher Bauart eigens für das Deutsche Museum gefertigt wurde, hat zwei Manuale mit insgesamt 106 Tasten, 29 Pedaltasten, 17 Register und etwa 1000 Pfeifen. „Kein Vergleich“ mit der Orgel in St. Jacobi in Hamburg, „mit 60 Registern und ca. 4000 Pfeifen“, der größten, an der Friedemann Seitz in seiner Laufbahn gearbeitet hat. Trotzdem ist für den Orgelbauer seine jetzige Aufgabe mit der „kleinen“ Museumsorgel, „durchaus etwas Besonderes“. Denn dieses Mal geht es sozusagen in die andere Richtung. Mit seinen zwei Kollegen Dennis Backer und Vincent Paffen zerlegt Seitz die Orgel und verpackt sie sorgfältig für die kommenden Jahre im Depot. Das Trio von der Firma Ahrend braucht nur eine Woche dafür, „denn hier haben wir außergewöhnlich viel Platz zum Arbeiten“, sagt Friedemann Seitz, „auf Kirchenemporen, wo wir meistens im Einsatz sind, geht es deutlich enger zu“.
Wo sich einst Flügel, Spinette, Cembali & Co. auf dem Parkettboden aneinanderreihten, stehen jetzt leere Transportkisten, Werkzeuge und Verpackungsmaterial. Die meisten Tasteninstrumente sind seit Beginn der Beräumung Ende Februar schon aus dem stuckverzierten Ausstellungssaal  verschwunden. Damit die Räumlichkeiten wie geplant in Phase eins der großen Museums-Modernisierung renoviert werden können, müssen jetzt „nur“ noch zwei große Orgeln raus.
Für diesen äußerst anspruchsvollen Abbau und -transport braucht es Spezialisten: Friedemann Seitz ist seit 13 Jahren bei der Firma Ahrend. Er hat zwar den Aufbau dieser Orgel im Museum nicht miterlebt, aber das Instrument schon live gehört. In den mehr als 20 Jahren gab es dazu bei weit über 200 Konzerten, mehr als 7000 Führungen, Meisterklassen etc. viele klangvolle Gelegenheiten. „Der Saal hat auch eine wirklich schöne Akustik – speziell jetzt, wo er so leer ist“, sagt Seitz. Noch bevor er die ersten Teile geöffnet und die ersten Pfeifen entnommen hatte, hat er sogar selbst noch kurz in die Tasten gegriffen. „Dass alle Orgelbauer auch selbst Orgel spielen, ist aber ein weit verbreiteter Irrglaube“, sagt er. Es sei ein „rein technisches Verfahren, den Pfeifen das Sprechen beizubringen“, wie der Fachmann es nennt.
Bei Friedemann Seitz war es dann auch wieder sozusagen andersherum: „Ich habe als Bub das Orgelspielen gelernt und wollte dann wissen, wie das im Inneren aussieht“, schildert er seine Berufswahl. Der gebürtige Mittelfranke kam nach der Schulzeit in München zur Lehre ins Allgäu. Nach weiteren Stationen in Hohenpeißenberg und im Schwarzwald ist Seitz jetzt im hohen Norden bei der Orgelbaufirma Jürgen Ahrend im ostfriesischen Leer angekommen. „Die Firma baut und restauriert seit 1954 Orgeln, mittlerweile in der zweiten Generation“, weiß Seitz, „die meisten sind immer noch Kircheninstrumente, aber es gibt auch Privatleute, die sich Orgeln kaufen, man braucht nur den entsprechenden Platz dafür.“ 
Für das Opus 145, wie die Orgel aus dem Deutschen Museum im Ahrendschen Werksverzeichnis gelistet wird, wird es jetzt aber erst einmal eng. In hunderte Einzelteile zerlegt wird das Instrument ins Depot gebracht – und dort, zumindest teilweise, wieder aufgebaut. „Das ist der beste Platz für die Pfeifen“, sagt Friedemann Seitz. „Und das ist auch besser für den Rücktransport, wenn man den Aufbau schon mal gesehen hat.“ 2019 soll der erste Abschnitt der Modernisierung beendet sein. Es wird ein neues Konzept für die gesamte Instrumentensammlung an einem Ort und sogar einen Blick ins Depot geben.  Und dann sollen auch die Orgeln wieder erklingen, wie man sie hier jetzt noch hören kann: http://www.deutsches-museum.de/de/ausstellungen/naturwissenschaft/musikinstrumente/zum-hoeren/#c28852
Sabine Pelgjer arbeitet in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und kümmert sich vor allem um die Kommunikation der Modernisierung des Deutschen Museums. Nach dem Studium der Kunstgeschichte hat sie bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Münchner tz. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Zeit mitbringen – und sich unbedingt die Ausstellung Zeitmessung ansehen. Zwischen Präzisionspendel- und Schwarzwalduhren, Kalendervariationen und Oszillograf kann man tief in die vierte Dimension eintauchen.

Autor/in

Sabine Pelgjer

Hat nach dem Studium der Kunstgeschichte bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Münchner tz. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Zeit mitbringen – und sich unbedingt die Ausstellung Zeitmessung in Ebene 3 ansehen. Zwischen Präzisionspendel- und  Schwarzwalduhren, Kalendervariationen und Oszillograf kann man tief in die vierte Dimension eintauchen. Und wenn das Wetter mitspielt unbedingt im Sonnenuhrengarten auf der Terrasse im sechsten Stock vorbeischauen, dann ist auch Zeit für einen traumhaften Blick über die Stadt.